Silvia Spaar aus Kreuzlingen setzt sich für den Verein Brustlos Schweiz ein.
Bild: Desirée Müller
05.12.2025 08:00
Eine Option bleibt im Schatten
Zwei Mitglieder des Vereins «Brustlos Schweiz» appelieren an Fachpersonen, die Option brustlos besser aufzuklären
Frauen mit Brustkrebs erleben in der Beratung oft einen starken Fokus auf Rekonstruktion. Die Option, bewusst brustlos zu leben, ist zwar medizinisch einfach, wird aber selten gleichwertig erklärt. Betroffene vom im Mai 2025 gegründeten Verein «Brustlos Schweiz» wünschen sich umfassendere Informationen und echte Wahlfreiheit. Zwei Betroffene erzählen.
Kreuzlingen Silvia Spaar aus Kreuzlingen und ihre Freundin aus Berg sitzen in unserem Redaktionsbüro und unterhalten sich darüber, ob sie eine Silikoneinlage in die Körbchen des Bikinis legen, wie sie nun in der kalten Jahreszeit Saunagänge erleben und ob sie ihre Brüste eigentlich mochten oder nicht. Die Stimmung ist locker, die beiden Frauen haben ihr Schicksal angenommen und leben seit ihrer Krebserkrankung brustlos. Sie sind Mitglieder des Vereins Brustlos Schweiz, welcher sich zum Ziel gesetzt hat, die Brustlosigkeit als Option zu positionieren. Sie appellieren deshalb, dass brustlos zu leben eine Selbstverständlichkeit sein muss, und sie setzen sich für die gesellschaftliche Akzeptanz ein. Beide sind «flach», wie sie sagen, sie haben sich nach ihrer Krebsdiagnose für eine beidseitige Brustentfernung entschieden.
Abschied von den Brüsten zelebrieren
Die Betroffene aus Berg ist noch in einer Antihormonbehandlung, Silvia Spaars Therapien sind abgeschlossen und sie hofft, dass der Krebs nicht ein drittes Mal zurückkommt. Doch beide sind optimistisch, lebensfroh und sprechen offen über das Thema. «Ich hatte mich vor drei Jahren feierlich von meinen Bürsten verabschiedet. Mich bei ihnen bedankt, dass sie meine Kinder gestillt haben und mich mit ihrem Aussehen erfreut haben», so die Betroffene aus Berg. Silvia Spaar lacht. «Also ich mochte meine Brüste nie», sagt sie und zuckt amüsiert mit den Schultern. Doch dies war nicht der Grund, warum sie sich für eine beidseitige Mastektomie entschied. «Viele TV-Dokus suggerieren, dass der Brustaufbau nach einer Entfernung medizinisch weit fortgeschritten ist: Tumor weg, auffüllen und fertig», sagt Silvia Spaar salopp. Sie möge es allen Frauen gönnen, welche solch eine Erfahrung gemacht haben. Doch bei vielen sähe die Realität anders aus. Geplatzte Implantate, eitrige temporäre Implantate, Infektionen und starke Schmerzen zusätzlich am Entnahmeort bei Aufbau mit Eigengewebe sind der Alltag vieler nach dem komplizierten Eingriff. «Ich finde es traurig, dass einem oftmals nur das Optimum offeriert wird. Man geht automatisch davon aus, dass der Brusterhalt das oberste Gebot ist», so die Krebspatientin aus Berg. Es sei auch eine Frage des Alters, wie wichtig ein Brustaufbau für eine Frau ist. Silvia Spaar schaut an sich hinunter und witzelt: «Schöner werden wir in den 70ern sowieso nicht mehr.» Doch viele jüngere Betroffene sehen Brüste als gesellschaftliches Gut, welches erhalten bleiben muss. Bei einigen Bekannten hätten auch die Partner Mühe, eine brustlose Frau zu haben. Wenn sich dann doch jemand für die beidseitige Entfernung entscheidet, kommt es nicht selten zu grossen Augen bei den Ärzten. Einem Mitglied des Vereins «Brustlos Schweiz» erklärte der Arzt, dass diese Entscheidung unnötig und zu 'radikal' sei und empfahl ihr den Gang zum Psychiater.»
Operationen mit Risiken
Mehrere Studien belegen, dass bei einem Drittel der Patientinnen, welche eine Mastektomie mit Brustaufbau durchlaufen, Komplikationen auftreten. Gemäss einer Studie aus den USA musste bei 20 Prozent der Frauen nochmals nachoperiert werden. Es gebe auch «Happy Ends», so die beiden Betroffenen. Doch in den Jahren hätten sie viele Frauen getroffen, welche sich heute für ein brustloses Leben entscheiden würden. Schlussendlich hätten alle die Option auf ein brustloses Leben. Oder doch nicht? Oftmals sei es ein Kampf mit der Krankenkasse. Denn: «Wenn nur eine Brust befallen ist, ist die Entfernung der anderen nicht zwingend notwendig», so Silvia Spaar. Anderen Studien zufolge bildet sich in rund 15 Prozent der Fälle innert 20 Jahren auch ein Tumor in der anderen Brust. Die Entfernung kann somit als Prävention eingestuft werden. Dazu verändert sich bei der Abnahme nur einer Brust die Körperbalance, was gesundheitliche Folgen haben kann. Silvia Spaar lebte zuerst mit nur einer Brust und litt vermehrt unter muskulärer Überlastung und Verspannungen.
Option brustlos stärker aufzeigen
An Unterstützung für an Brustkrebs Erkrankte fehlt es im Kanton eigentlich nicht. Brustkrebspatientinnen im Thurgau können auf ein breites Angebot zählen. Die Breast Care Nurses des Brustzentrums Thurgau begleiten Frauen vom ersten Befund bis in die Nachsorge und stehen für medizinische Fragen ebenso bereit wie für emotionale Entlastung. In den Kantonsspitälern Frauenfeld und Münsterlingen bieten psychoonkologische Fachpersonen Gespräche an, die helfen, Ängste zu ordnen und den eigenen Weg durch die Therapie zu finden. Die Krebsliga Thurgau unterstützt bei sozialen, beruflichen und finanziellen Anliegen und vermittelt bei Bedarf weiterführende Angebote. Trotz dieser gut ausgebauten Struktur beobachten Mitglieder des Vereins Brustlos Schweiz jedoch einen zentralen blinden Fleck. Die Option, bewusst brustlos weiterzuleben, werde in vielen Beratungen kaum angesprochen und selten gleichberechtigt erklärt. Viele Frauen erfahren zwar viel über Rekonstruktion und brusterhaltende Eingriffe, aber nur wenig darüber, wie ein Leben ohne Wiederaufbau aussehen kann. «Genau hier wünschen wir uns mehr Klarheit, Offenheit und Sichtbarkeit», so Silvia Spaar. Fachstellen sind da, doch fehlt es an Aufklärung und auch an Unterstützung, wenn eine Frau sich für die brustlose Option entscheidet. Der Verein «Brustlos Schweiz» will betroffenen Frauen diese Unterstützung bieten.
Unter www.brustlos.ch findet man Informationen des Vereins.
Desirée Müller