Joe Santo, Betriebsleiter Kompostieranlage Tägerwilen, platzt langsam der Kragen.
28.08.2025 11:49
Grüngut mit bitterem Beigeschmack
Fehlwürfe, kompostierbare Beutel und wachsende Anonymität bringen die Grüngutabfuhr in Kreuzlingen und Umgebung an ihre Grenzen
In Kreuzlingen, Tägerwilen und Bottighofen führen Fehlwürfe in Grüngutcontainern zu erheblichen Problemen. Kompostierbare Beutel, Hausmüll und Kehrichtsäcke erschweren die Verarbeitung, verursachen hohe Zusatzkosten und fordern das System heraus. Trotz Sensibilisierungskampagnen bleibt die Lösung komplex. Ein Umdenken ist dringend gefordert.
Region «Wer arbeitet, hat auch Durst», sagt ein älterer Herr, stellt zwei Dosen Fanta auf seinen Grüncontainer und bedankt sich herzlich für den Einsatz. Nadin und Kurko sind an diesem Morgen auf ihrer Tour durch Tägerwilen unterwegs. Die TIT Imhof erhielt 2019 den Auftrag, die Grünabfuhr der Gemeinden Kreuzlingen, Tägerwilen, Gottlieben und Bottighofen zu übernehmen. Kleine Gesten wie die Erfrischung freuen sie besonders. Vor Weihnachten findet Nadin oft Kärtchen mit guten Wünschen oder einen Batzen auf den Containern. «Eine Familie wartet jedes Jahr auf unserer letzten Dezembertour vor dem Haus und ruft uns frohe Festtage zu», erzählt Nadin – Rituale, die berühren.
«Ich weiss, was mich erwartet»
Nach drei Jahren kennt sie die Routen in Kreuzlingen, Tägerwilen und Bottighofen in- und auswendig: wo Kinder winken, welche Dame den Container immer in letzter Minute hinausstellt und wo es für sie und ihren Kollegen mehr oder weniger zu tun gibt. Die meisten halten sich an die Vorschriften, entsorgen sorgfältig und sind hilfsbereit. «Umso bedauerlicher ist es, dass ein kleiner Teil bewusst gegen das System arbeitet», sagt Nadin. Schon beim Öffnen des Containerdeckels ahnt sie jeweils, was sie erwartet. Besonders in einigen Wohnblockquartieren in Kreuzlingen findesichfastinjedemContainerHausmüll: Plastiksäcke, Verpackungen, Aludosen. «Oft werfen Passanten ihrenAbfall obenauf.»Aber egal obBesitzer oder Fremder – «was nicht ins Grüngut gehört, nehmen wir raus und legen es sichtbar auf den Container. Dazu wird ein gelber Zettel auf den Container geklebt, auf dem das Vergehen angekreuzt ist». Bei mehrfacher Wiederholung fotografiert Nadin den Inhalt und schickt das Bild an Stefan Braun, Umweltbeauftragter der Stadt Kreuzlingen. Er verschickt Verwarnungen – und allenfalls eine Rechnung für die entstandenen Aufwände. Gerade in Mehrfamilienhäusern wird das zum Problem: Wer ist Verursacher? Wen sollmananschreiben?Früherwohnten Hauswarte oft selbst vor Ort, kannten die Bewohner und achteten auf Ordnung. Heute sind es externe Firmen, die teilweise gar nicht bekannt sind.Viele Fremdstoffe sind erst sichtbar, wenn derInhalt auf der Kompostieranlage ausgeschüttet werde – schwarze Säcke, Hundekotbeutel oder Essensreste, die bewusst im Grüngut versteckt wurden.
Kompostieranlage läuft am Limit
Besonders ärgerlichsinddie kompostierbaren Bio-Müllbeutel. «Sie zersetzensichviel zulangsamundmüssen von Hand aussortiert werden», sagt Joe Santo, Betriebsleiter der Kompostieranlage in Tägerwilen. Pro Woche kostet ihn das 1750 Franken zusätzlich für Personal. «Auf Dauer ist das nicht tragbar». Ein Augenschein zeigt den Aufwand: Morgens um acht kippt ein Mitarbeiter mit dem Bagger den Inhalt einer «Kreuzlinger-Tour» auf den Asphalt des Vorplatzes. Kaum rührt er den Haufen um, kommen die ersten Biobeutel zum Vorschein. Ein Riss – und herausquellen Bananenschalen, Kaffeesatz, Zwiebelschalen. «Das ist eigentlich wertvolles Material», sagt Santo, wirft es zurück und entsorgt nur die Plastikhülle. Gleich daneben liegt ein weiterer. Dieses Mal jedoch mit Müll statt energiereichen Rüstabfällen gefüllt. Santo schüttelt den Kopf. Kurz darauf zieht ein Kollege einen schwarzen Abfallsack heraus, gefüllt mit Fleischverpackungen, Getränkedosen und Kehricht. «So etwas darf hier einfach nicht landen. Sonst haben wir am Ende Plastik oder Aluminium im Kompost – und niemand will das im Garten oder auf dem Feld haben.»
Nur zumutbare Kontrolle
Eine scheinbar einfache Lösung wäre es, wenn die Mitarbeitenden der TIT Imhof AG die Container jeweils auf Fremdstoffe durchsuchen. So würden die Bio-Müllbeutel und der Kehricht gar nicht erst die Kompostieranlage erreichen. Doch: «Das ist in der Praxis nicht umsetzbar», sagt Marcel Senn, TIT Imhof AG. «Wir müssten einen weiteren Lastwagen einsetzen und die Touren würden doppelt so lange dauern», erklärt er. Im Vertrag mit Kreuzlingen ist vermerkt, dass die Mitarbeitenden nur eine «zumutbare Kontrolle des Grünguts bezüglich Zulassung und Konformität mit den Vorschriften» vornehmen müssen. Das heisst, eine Sichtkontrolle genügt. BioMüllbeutel werden im Container gelassen, auch wenn diese gut ersichtlich sind.«Bis vorKurzem warenBioMüllbeutel als Problem im Grüngut kein Thema. Die Entfernung dieser ist nicht im Vertrag vermerkt», so Braun. Diesen anzupassen oder zu erweiternseikeineLeichtigkeit. «Der Auftragwurdedamalsöffentlichausgeschrieben und der Vertrag läuft noch bis Ende 2028.»
Die Sicht der Gemeinden
Stefan Braun, Umweltverantwortlicher in Kreuzlingen, kennt die Schwierigkeiten. «Am besten wäre es, die kompostierbaren Beutel ganz aus dem Handel zu nehmen. Aber das können nur Kantone oder nationale Verbände bewirken.» Spezielle Papiertüten seien eine gute Alternative, jedoch schwer erhältlich. Für ihn ist das Problem längst kein lokales mehr: «Es zeigt, wie schwierig es ist, nachhaltiges Verhalten konsequent in den Alltag zu bringen.» Dies bestätigen die Städte Frauenfeld, Steckborn und Weinfelden. Trotz Bemühungen und Aufklärungsarbeit steigendieFehlwürfe rasant. In Stein am Rhein wird zurzeit das Abfallreglement angepasst, in dem auch die Bio-Müllbeutel ein Themaseinwerden.Gemeinsammit Gottlieben, Tägerwilen und Bottighofen hat Kreuzlingen zusammen mit der Imhof AG eine neue Zulassungs- und Sperrliste für die Grüngutsammlungerarbeitet.Auf13 Seiten, übersetzt in zwölf Sprachen, wird nun explizit darauf hingewiesen, dass kompostierbare BioMüllbeutel nicht geeignet sind. Die Liste wird auf den Webseiten der Gemeinden veröffentlicht und geht auch an Liegenschaftsverwaltungen, die sie in den Treppenhäusern aufhängensollen.WeitereMassnahmen folgen: Als nächstes werden demnächst alle Grüngutcontainerin den Gemeinden mit einem Infokleber zum Thema Bio-Müllbeutel versehen.
Kommunikation statt KI
Eine intensivere Bestrafung der «Grüngut-Sünder» sei seiner Meinung ein letzter Schritt: «Es bewirkt, dass Vermieter ihre Grüntonnen aus dem Verkehr ziehen und die Mieter das Grüngut im Kehrichtsack entsorgen, wo es absolut unerwünscht ist. Wir konzentrieren uns deshalbzuerstaufdieKommunikation», sagt Braun. Dass Aufklärung alleindasProblemlöst, glaubt ernicht. «Wir hoffen, mit einer Kombination von verschiedenen Massnahmen unseren Teil zur Lösung des Problems beitragen zu können. Am Ende braucht es ein gesellschaftliches Umdenken – und vor allem: langen Atem.» Einige Städte ausserhalb des Kantons gingenbereits einenSchrittweiter: Christoph Peter, Amt für Umwelt des Kantons Thurgau erzählt von Projekten, die mit Kameras und KI arbeiten, welche detektieren, in welcher Tonne Fremdstoffe enthalten sind. Nach der Auswertung könne der Dialog mit den betroffenen Besitzern geführt werden. Ein Modell wird aktuell von Biomasse Suisse gemeinsam mit der Fachhochschule Nordostschweiz entwickelt. «SIMPLA Grün» soll eine Prognose der Fremdstoffbelastung von Grüngut erstellen. Durch Datenerfassung zeigt es auf, in welchen Quartieren die Grüntonnen besonders mit Fremdmaterialbelastet sind. CoGeschäftsführer von Biomasse Suisse wird täglich mit der Problematik konfrontiert. «Ziel ist es, anhand der erhobenen Daten herauszufinden, welche Faktoren das Entsorgungsverhalten beeinflussen und welche Massnahmen geeignet sind, den Fremdstoffgehalt in biogenen Abfällen zu reduzieren», erzählt Müller.
Von Desirée Müller