Beim "Screening" werden Punkte wie Schreckhaftigkeit oder Schlaflosigkeit in ein Ampelsystem eingetragen.
11.09.2025 10:00
Projekt «furchtlos»: Traumata erkennen, bevor Gewalt entsteht
Frühe Hilfe für verletzte Seelen: Wie Baden-Württemberg Geflüchtete für dem Projekt «furchtlos» vor Folgen von Krieg und Gewalt bewahren will
Viele Menschen, die nach Deutschland kommen, tragen unsichtbare Narben: Erinnerungen an Bombenangriffe, Folter oder den Verlust von Angehörigen. Ein Modellprojekt in Baden-Württemberg versucht, diese Last frühzeitig zu erkennen – und mit kultursensibler Beratung abzufangen.
Konstanz Krieg,Gewalt,Flucht:Viele Menschen, die in BadenWürttemberg Schutz suchen, haben schwere seelische Verletzungen erlitten. «Wir wissen, dass Gewalterfahrungen tiefe Spuren im Körper und im Kopf hinterlassen», sagt dieKonstanzer Psychologin Brigitte Rockstroh, die das landesweite Modellprojekt wissenschaftlich begleitet. «Wenn wir diese Wunden nicht ernst nehmen, können sie das ganzeLebenderBetroffenenbestimmen – und im schlimmsten Fall in neue Gewalt münden.» Um das zu verhindern, hat das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration BadenWürttemberg gemeinsam mit der Universität Konstanz und der NGO vivointernational e.V. einProjekt gestartet, das bundesweit Aufmerksamkeit findet. Ziel ist es, Traumafolgestörungen bei Flüchtenden frühzeitig zu erkennen und zu verhindern, dass sie chronisch werden. Ziel ist es, Traumafolgestörungenbei Flüchtendenfrühzeitig zuerkennen und zu verhindern, dass sie chronisch werden.
DasKonzeptistnicht ausdemNichts entstanden. Die Stiftung vivo, gegründet 2001, hat in Krisenregionen wie Uganda, Sri Lanka oder Afghanistan Methoden entwickelt, um auch ohne ausgebildete Psychologen wirksam zu helfen. Dort zeigte sich: Wenn traumatisierte Menschen ihre Erlebnisse in sicherem Rahmen erzählen können, ordnen sie die Vergangenheit neu – und gewinnen innere Stabilität zurück. Aus dieser Erfahrung entstand das Angebot «Narrativer Trauma-Arbeit» zur präventiven Beratung zum Belastungsabbau und Ressourcenstärkung,das indemModellprojekt «BW schützt!» in Baden-Württemberg erprobtwird.Herzstückisteinfreiwilliges Screening, das anhand erlebter Beschwerden psychische Belastungen identifiziert. Rockstroh erklärt: «Wir schauen nicht nur auf körperlicheGesundheit, sondernfragengezieltnachSymptomenwie Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit oder quälenden Erinnerungen. Diese Signale dürfen nicht übersehen werden.» Anhand der Befragung wird die Intensität der Belastung, der «Warnsignal» wie bei einer Ampel eingeteilt – von grün (unauffällig) über gelb (belastet, aber noch nicht krank) bis rot(akutbehandlungsbedürftig),um entsprechende Hilfen anzubieten: Personen der «gelben Gruppe» wird Narrative Trauma-Arbeit (NAT) angeboten: strukturierte Gespräche in der Muttersprache, geführt von eigens geschulten Laien mit eigener Migrationserfahrung. «Viele Geflüchtete öffnen sich eher, wenn ihnen jemand gegenübersitzt, der ihre Kultur kennt und dieselbe Sprache spricht», betont Rockstroh. «So entsteht Vertrauen – und das ist der erste Schritt zur Selbststärkung und Erholung.»
Niederschwellige Hilfe
Die Beraterinnen, etwa 10 bis 15 pro Einsatzort , werden ausgebildet und bei ihrer Tätigkeit eng begleitet: Mitarbeitende müssen sich bei der Beratung sicher und nicht selbst belastet fühlen. Sie hören zu, schreiben auf, helfen den Betroffenen, belastende Erinnerungen in einen Zusammenhang zu bringen. «NATBeratung ist keine klassische Traumatherapie , bei Behandlungsnotwendigkeit(«rot»!) vermittelt die BeraterinnendieBetroffeneninprofessionelleTherapie» erklärtRockstroh. Die Erfahrungen aus den ersten zwei Jahren stimmen vorsichtig optimistisch. Viele berichten von mehr StabilitätundeinembesserenVerständnis ihrer eigenenReaktionen. «Wenn jemand begreift: ‚Mein Herz rast nicht, weil ich in Gefahr bin, sondernweilmeinKörper alteErfahrungen wiederholt‘ – dann ist das ein entscheidender Fortschritt», sagt Rockstroh. Finanziert wurde die Pilotphase aus Landesmitteln . Ziel derAnschlussfinanzierung ist es, das Modell auszuweiten und langfristig in allen Landkreisen Beraterinnen einzusetzen. «Wir sprechen hier nicht nur von individueller Hilfe», so Rockstroh. «Jede verhinderte Traumafolgestörung bedeutet auch Schutz für die Gesellschaft. Prävention ist der klügste Weg – menschlich wie volkswirtschaftlich.» Für Rockstroh ist das Projekt mehr als ein wissenschaftliches Experiment: «Es geht darum, Menschen wieder in ihre Gegenwart zu holen, ihnen dieAngst zunehmen,dass sie vonihrer Vergangenheit beherrscht werden. Wenn wir das schaffen, gewinnen nicht nur die Geflüchteten.
Teil bricht ab
IndenbeidenModellregionenKarlsruhe und Konstanz wurden bislang knapp 500 Geflüchtete befragt. Das Ergebnis zeigt eine grosse Spannbreite: Rund 40 Prozent bewältigen ihre Situation ohne zusätzliche Hilfe. Etwa zwölf Prozent zeigten jedoch so deutliche Symptome, dass sie sofort in professionelle Psychotherapie vermittelt wurden. Der weitaus grösste Teil – fast die Hälfte – lag dazwischen: Menschen, die spürbar belastet waren, aber noch keineklinischeBehandlungbenötigten. Für sie wurden Beratungsangebote geschaffen, von denen bereits mehr als 160 Geflüchtete Gebrauch machten. Nicht alle konnten dabeibleiben – häufig, weil sie in eine andere Unterkunft verlegt wurden oder aus dem Asylverfahren heraus einen neuen Lebensabschnitt begannen.
Umsetzbar in der Schweiz
Tatsächlich gibt es bereits vergleichbare Ansätze. Das Projekt SPIRIT (Scaling-up Psychological Interventions in Refugees in Switzerland) setzt auf eine präventive Kurzintervention namens Problem Management Plus (PM+). Geschulte Laienhelferinnen und -helfer führen Gespräche mit Geflüchteten, begleitet durch Fachsupervision. Ziel ist, psychische Belastungen früh zu stabilisieren und den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu erleichtern. Auch der Brückenbauerinnen- und Brückenbauer-Ansatz von NCBI Schweiz zeigt, wie niederschwellige Unterstützung wirkt: Menschen mit eigener Migrationserfahrung werden ausgebildet, um traumatisierte Geflüchtete zu begleiten. Sie helfen beim Erzählen, dolmetschen und entlasten zugleich professionelle Fachkräfte. Hinzu kommen die Ambulatorien für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes. Sie bieten Therapie und psychosoziale Beratung, sind aber durch knappe Plätze und lange Wartelisten limitiert.
Eine Chance für die Schweiz
Ein strukturiertes Screening, wie es inDeutschlandmitdemRefugeeHealth Screener praktiziert wird, gibt eshierzulandebislangnichtflächendeckend. Doch Pilotprojekte wie SPIRIT könnten als Blaupause dienen. «Task-Shifting», also die gezielte Einbindung von Laienberaterinnen mit kultureller Nähe, hat sich international bewährt – und wäre auch im Schweizer Asylsystem denkbar. Das Projekt «BW schützt!» zeigt: Es ist machbar – wenn auch nicht von heute auf morgen umsetzbar.
Von Desirée Müller