Ralf Gebhardt (links) und Stationsleiter Oliver Wauer führten durch die neuen Räumlichkeiten. Kurt Peter
07.07.2022 00:00
Grosse Bedeutung für Kanton
Das Zentrum für forensische Psychiatrie Münsterlingen wurde auf 50 Plätze erweitert - Eröffnung nach einem Jahr Bauzeit
In Münsterlingen wurde am 1. Juli die dritte Station der forensischen Psychiatrie eröffnet. Aus Sicht des Kantons Thurgau wird dieser Ausbau begrüsst, wie Regierungsrätin Cornelia Komposch anlässlich des Medienanlasses betonte.
Münsterlingen «Die Psychiatrische Klinik Münsterlingen hat für den Thurgau in mehrfacher Hinsicht Bedeutung», erklärte Cornelia Komposch im Saal des Gemeinschaftszentrums. Auch aus juristischer Sicht von zentraler Bedeutung beim Massnahmenvollzug. «Die Regierung begrüsst den Ausbau der forensischen Psychiatrie, das Angebot deckt das Bedürfnis ab, die Nachfrage steigt», erklärte sie.
Bedarf ist da
Spitaldirektor Ralf Gebhardt erläuterte das Zentrum für forensische Psychiatrie Thurgau. Strafminderung oder Straffreiheit aufgrund von «Geisteskrankheit» habe eine uralte Tradition und finde sich bereits im Codex Hammurabi 1750 vor Christus. «Im 20. Jahrhundert folgte dann auch die Trennung von Straf- und Massregelvollzug», so der Spitaldirektor. 261 forensische Massnahmeplätze seien vor drei Jahren in der Schweiz zur Verfügung gestanden, der aktuelle Bedarf werde auf etwa 400 Plätze geschätzt. Seit 1998 gibt es in Münsterlingen im Haus C eine erste eigenständige forensische Station mit 15 Plätzen. «2016 wurde der Bereich Forensik gebildet und es erfolgte eine Erweiterung auf zwei Stationen mit 30 Plätzen». Die Erweiterung nach der Sanierung des Hauses J, nebst Verbindungsbau auf 50 Plätze, sei am 1. Juli in Betrieb gegangen.
Die Hälfte aus dem Thurgau
«Die forensische Psychiatrie in Münsterlingen verfügt über einen mittleren Sicherheitsstandard, was Ausschlusskriterien für die Aufnahme bedingt», erklärte Ralf Gebhardt. Nicht aufgenommen würden Personen, die eine hohe Rückfallgefahr für schwere Delikttypen bei Entweichung, selbst bei günstiger Prognose im stationären Setting, aufwiesen. Auch nicht aufgenommen würden Personen, die für die Mitarbeitenden in der Klinik eine relevante Gefährdung bedeuteten. «Ausschlusskriterium ist auch eine unzureichende Sprachkenntnis für die notwendigen rückfallsenkenden Interventionen».
Die forensische Psychiatrie Münsterlingen kenne zehn Lockerungsstufen, die von «kein Ausgang» bis zu Übernachtungsbeurlaubung von maximal 48 Stunden reichten. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Station liege bei drei bis vier Jahren. Rund die Hälfte der forensischen Patienten hätten ihren Wohnsitz im Thurgau. «Von den Kosten des Um- und Neubaus in Höhe von zehn Millionen Franken übernimmt das Bundesamt für Justiz ein Drittel», so Ralf Gebhardt abschliessend.
Auf Augenhöhe
Ueli Vetter, Projektleiter der thurmed immobilen ag, sprach von einer anspruchsvollen Aufgabe, die Sanierung und den Ausbau unter Betrieb zu realisieren. Unter denkmalpflegerischen Aspekten sei der Zwischenbau entstanden und eine Herausforderung sei es gewesen, eine wohnliche Umgebung für Patienten zu schaffen und die Sicherheitsvorgaben umzusetzen. «Die neue Station verschafft uns neue Möglichkeiten, sich von anderen forensischen Psychiatrien abzusetzen», erklärte Christian Benz, leitender Arzt, Bereichsleiter Forensik. So sei über die gesamte Vollzugsdauer nur ein Therapeut für den Patienten zuständig. Ausserdem sei ein Lehrer in einem 80 Prozent-Pensum angestellt worden, um Deutschkenntnisse und andere Kompetenzen zu verbessern.
Die Berufsgruppe «Mitarbeitende und Sicherheit» wurde von Rebecca Gonzalez, Bereichsleiterin Pflege Forensik, vorgestellt. Es sei anspruchsvoll, Mitarbeitende zu finden, die neben den Sicherheitskenntnissen die Fähigkeit hätten, «auf Augenhöhe mit den Patienten zu arbeiten». Zwölf Personen seien für diese Aufgabe eingestellt worden, «wir arbeiten an Feinheiten und hatten einen guten Start», sagte sie.
von Kurt Peter