12.08.2025 16:39
Grünabfall mit Beigeschmack - Kompostieranlagen am Verzweifeln
In der Region sorgen Biomüll-Säcke für Ärger in den Kompostanlagen und belasten den Recyclingprozess
Sie sollen praktisch und kompostierbar sein – doch die grünen Biomüll-Säcke sorgen in Thurgauer Kompostanlagen für grossen Ärger. Und nicht nur diese kosten die Betriebe Nerven, Geld und Zeit.
Weinfelden/Region Ein warmer, erdiger Geruch liegt in der Luft. Zwischen dampfenden Haufen von halb verrotteten Gemüseresten, Kaffeesatz und Rasenabschnitten bewegt sich Simon Hösli, Mitarbeiter der Weinfelder Kompostieranlage, mit seiner Harke. Mit geübtem Griff fischt er einen grünlichen Beutel aus dem Haufen, wie schon dutzende Male an dem Tag. Die kompostierbaren Bio-Müllbeutel gibt es in den meisten Läden zu erwerben. Küchenreste können darin hygienisch sauber verwahrt werden, bis die nächste Grünabfuhr kommt. Die Beutel suggerieren dem Konsumenten, etwas Gutes zu tun. Denn vor allemRüstabfällewärenverschwendete Energie, wenn sie im Abfall landen. Doch dem ist nur bedingt so. Abbau dauert zu lange Ramon Lauener, stellvertretender LeiterderGreencomGmbHundverantwortlich für die Kompostieranlage in Weinfelden, gesellt sich zu Simon und zeigt auf all die Plastiksäcke, welche unter dem regulären Grünabfall hervorlugen. «Die meisten sind zwar aus Bio-Plastik, aber bis sich dieser voll abbaut, vergehen Monate.» Zu lange, denn der Kompostierprozess kann nicht so lange warten. In den meisten industriellen Kompostierungsanlagen hatderBiomüllnur vierWochenZeit sich zu zersetzen, oftmals zu wenig für den Abbau der kompostierbarenBeutel. «DieLeutemeinenes gut, schliesslich sind die Säcke als kompostierbar gekennzeichnet, was sie auch sind. Aber in der Kompostieranlage läuft der Prozess schneller. Ein präziser, komplexer Kreislauf: Zunächst wird der angelieferte Grünschnitt geschreddert, damit sich das Material gleichmässig zersetzt. Dann wird der Haufen regelmässig umgesetzt und belüftet, damit Mikroorganismen die Pflanzenreste in fruchtbare Erde verwandeln können. So entsteht hochwertige Komposterde. Diese landet auf Feldern, Wiesen und Gärten und sorgtfürfruchtbareBöden. «Wirwollen, dass am Ende wirklich reine Erde entsteht», erklärt Ramon Lauener. Das sei auch der gerechtfertigte Anspruch der Landwirte und Gartenbauer, welche die Hauptabnehmer der Erde sind. Gemäss den Richtlinien muss 99 Prozent der Erde rein aus Grünabfällen bestehen. Dies kann und wird auch getestet. Nach den Prüfkriterien der abbaubaren Bio-Müllbeutel-Siegel müssen die Kunststoffe nach 12 Wochen bei 60° Celsius zu 90 Prozent desintegriert sein. Desintegriert bedeutet in diesem Kontext: Die Beutel zerfallen in Teile, die kleiner als zwei Millimeter sind. Damit gilt das GanzebegrifflichnochimmeralsMikroplastik. Nach maximal sechs Monaten(bei 60 °Celsius) müssenkompostierbare Kunststoffe nahezu vollständig abgebaut sein. «Da die Säcke nicht schnell genug zerfallen, müssen wir sie vorher aussortieren und das kostet Zeit und Geld.» itarbeiter Simon wird aktuell von der Stadt Weinfelden finanziert. Ein Job, den es eigentlich nicht bräuchte, wären die Leute auf die Problematik sensibilisiert. «Immer wenn in den Medien darüber berichtet wird, bessert sich die Lage. Doch wenige Wochen später finden wir wieder allerlei in den Grüntonnen.» Zermürbend für Lauener und sein Team. Es brauche nebst finanziellen Ressourcen auch Nerven.
Grüncontainer als Abfallsack
Zu den Bio-Mülltüten gibt es noch Anderes, welche denKompostieranlagen das Leben schwer machen. In einer grossen Metallwanne liegen auf der Kompostieranlage in Weinfelden die jüngsten Funde. Gartengeräte, kaputte Schuheundsogar ein KondomwurdenvonSimonausdem Haufen Grünzeug herausgefischt. Auch allerlei Holzkisten, in denen sich die entsorgten Pflanzen befinen. «Oftmals sind darin noch Nägel oder Klammern», so Lauener. Diese werden sehr effektiv mittels Magneten herausgefiltert. Und immer wieder: Hundekotsäcke. Hierist nicht zwingend der Inhalt das Problem, vielmehr der nicht kompostierbare Plastiksack. «In den Müllsäcken lässt sich auch gut Hausabfall entsorgen», spricht Christoph Peter vom Amt für Umwelt einen anderen Punkt an. Die Verwendung der abbaubaren BioMüllbeutel sei Unwissenheit, das Entsorgen von Alltagsmüll in der GrüntonneWillkür.Peter sprichtvon Projekten, die mit Kameras und KI arbeiten, welche detektieren, in welcher Tonne Fremdstoffe enthalten sind. Nach der Auswertung könne der Dialog mit den betroffenen Besitzern geführt werden. Ein Modell wird aktuell von Biomasse Suisse gemeinsam mit der Fachhochschule Nordostschweiz entwickelt. «SIMPLA Grün» soll eine Prognose der Fremdstoffbelastung von Grüngut erstellen. Durch Datenerfassung zeigt es auf, in welchen Quartieren die Grüntonnen besonders mit Fremdmaterialbelastet sind. «Zielist es, anhand der erhobenen Daten herauszufinden, welche Faktoren dasEntsorgungsverhaltenbeeinflussen und welche Massnahmen geeignet sind, den Fremdstoffgehalt in biogenen Abfällen zu reduzieren», erzählt Biomasse Suisse CoGeschäftsleiter Michael Müller.
Das Wissen fehlt
In Weinfelden wird seit Jahren eine Tendenz beobachtet. Vor allem in den Wohnblock-Quartieren, in denen Menschen mit Migrationshintergrund leben, wird vermehrt Fremdmaterial in den Tonnen gefunden. Ramon Lauener vermutet, dass einige Kulturen vielleicht weniger mit dem Grünabfall-Konzept in der Schweiz vertraut sind. Umso wichtiger sei die Kommunikation. «Am Ende hilft nur, dass die Leute verstehen: Jeder Plastiksack, jeder Fremdstoff landet irgendwann ohneEinsatzwiedemvonSimonauf einem Feld. Und wer will schon alte Hundesäckli oder Plastikfetzen im eigenen Gemüsebeet?» Stein am Rhein kämpft mit denselben Problemen. Dort soll bald das gesamte Abfallkonzept angepasst werden und mit der neuen Verordnung dürften kompostierbare Säcke gar nicht mehrin dieContainer. Und auch Markus Nyffeler, GemeinderatUmweltinWagenhausen,berichtet: «IndenGemeindenEschenzund Wagenhausen sind die Biomüllbeutel ein Problem und ein Ärgernis. Beim Schreddern des Grünguts für die nachfolgende Kompostierung bereiten sie immer wieder Mühe.» Auch in Frauenfeld gehören die im Grosshandel erhältlichen «kompostierbaren» Beutel nicht in die Grüntonne, lässt Kommunikationsleiter UrbanKrattigervonSeitendesWerkhofs ausrichten. «Das sammelnde Unternehmen hat den Auftrag, entsprechende Container nicht zu leeren und stehen zu lassen.» Steckborn dagegen kennt das Problem kaum, wie die Stadtverwaltung mitteilt. Offenbar funktioniert dort die Kommunikation oder die Sensibilisierung der Bevölkerung besser. Zurück in Weinfelden: Ramon Lauener lässt sich die Freude an der Arbeit aber nicht nehmen. Aussergewöhnlich, aber wahr: Schon als Jugendlicher interessierte er sich für den Prozess des Kompostierens. In zwei Jahren wird er die Leitung der Greencom vollständig übernehmen. «Für mich ist es faszinierend, wie aus Abfall wieder Leben entsteht», sagterundzeigtaufdiedampRamon Lauener von der Greencom GmbH sieht Hoffnung in der Aufklärungsarbeit. mul fenden Grüngut-Haufen.
Von Desirée Müller