«Zum Glück hatte ich keine Hobbys»
Nicht ganz freiwilliger Rückblick von Stadtrat Hans Eschenmoser
Stadtrat Hans Eschenmoser schaut auf über drei Jahrzehnte Politik in Weinfelden zurück. Sein Amt endet frühzeitig im März 2026
Hans Eschenmoser verlässt per März 2026 den Weinfelder Stadtrat.
Stadtrat Hans Eschenmoser schaut auf über drei Jahrzehnte Politik in Weinfelden zurück. Sein Amt endet frühzeitig im März 2026
Weinfelden Eigentlich hätte seine Amtszeit bis Ende 2026 gedauert. Doch SVP-Stadtrat Hans Eschenmoser zieht sich bereits im März 2026 zurück. Im Gespräch auf seinem Hof erzählt er, warum er sich sich für diesen entschieden hat und wie man Politik ohne Prestige macht. Weinfelden «Es gibt in der Partei jemanden, der Interesse signalisiert hat, diesen Sitz zu übernehmen und der nicht mehr länger warten möchte», sagt Eschenmoser ruhig. Namennennterkeine.Dasssicheinfrüher Rücktritt aufdrängt, sei ihm in diesem Moment bewusst geworden. «Natürlich wäre es unangenehm, wenn ich zurücktrete und dann wird die Person gar nicht gewählt, sondern jemand aus einer anderen Partei. Aber ich habe mich trotzdem für diesen Schritt entschieden.»DruckvonderSVPhabeesausdrücklich keinen gegeben. «Aber wenn sich jemand aus den eigenen Reihen mit einem realistischen Wahlchancen engagieren möchte, dann finde ich, soll man den Weg freimachen.» Ohne diese Wendung hätte er jedoch seine Amtszeit gerne regulär beendet.
Mit gerade einmal 30 Jahren wurde Eschenmoser ins Gemeindeparlament gewählt ohne strategische Absicht. «Ich habe mich damals einfach zur Verfügung gestellt. Hätte es nichtgeklappt,wäredasauchinOrdnung gewesen», erinnert er sich. Seine politische Sozialisation? «Meine Eltern hatten damit kaum Berührung. Ich war politisch ein unbeschriebenes Blatt.» Der Wechsel in den Stadtrat 2010 war nicht geplant, aber reizvoll: «Als Peter Jünger (FDP) seinen Rücktritt bekanntgab, war das für mich der Moment, in dem ich mich für eine Exekutivfunktion bereit fühlte.»
Beruflich warHans Eschenmoser bis zu seiner Wahl in den Stadtrat bei der Raiffeisenbank in Siegershausen tätig. «Ich habe diese Arbeit gerne gemacht», sagt er. Der Wechsel in die Exekutive bedeutete fürihn jedoch eine grundlegende Umstellung – beruflich wie persönlich. «Nach meiner Wahl war rasch klar: Das lässt sich mit meinem bisherigen Pensum nicht vereinbaren. Ich habe dann bei der Bank gekündigt – aus Überzeugung für die neue Aufgabe.» Der Einstieg in die Verantwortung als Stadtrat war herausfordernder, als er es sich vorgestellt hatte. «Das erste halbe Jahr war schwierig. Ich hatte eine gewisse Vorstellung von der Aufgabe aber die Realität war deutlich komplexer.» Die Umstellung sei nicht nur fachlich, sondern auch emotional spürbar gewesen. «Die Verantwortung war plötzlich da. Es ging nicht mehr um Meinungen, sondern um Entscheidungen. UnddiehabenunmittelbareAuswirkungen auf das Leben der Menschen in Weinfelden.» Insbesondere das Ressort öffentliche Sicherheit brachte eine besondere Schwere mit sich. «Es ist kein klassisches Prestigeressort. Man sieht weniger schnell sichtbare Erfolge, anders als etwa im Hochbau, wo man ein neues Gebäude oder einen sanierten Platz präsentieren kann.» Stattdessen gehe es oft um Abläufe, Vorschriften, Gesetzesanwendung und nicht selten um unpopuläre Massnahmen. «Das Tagesgeschäft istfordernd,dieThemenoft konfliktbeladen. Verkehr, Sicherheit, Reglemente, Bussen – damit ist man schnell mitten im Alltag der Menschen, aber selten in ihrer Zustimmung.» Diese Realität habe seinen BlickaufdasAmtverändert. «Irgendwann war es nicht mehr das politische Interesse allein, das mich getragen hat, sondern ein wachsendes Pflichtgefühl. Ich habe die Aufgabe nicht als Karrierechance verstanden, sondern als Verantwortung gegenüber der Stadt.» Dennoch habe sich die Perspektive mit der Zeit verschoben – durch Erfahrung, Reife und Reflexion. «Am Anfang ist man idealistisch, vielleicht auch etwas unbedarft. Später merkt man, dass man nicht alles beeinflussen kann und dass gute Politik manchmal einfach darin besteht, stabil, berechenbar und nahbar zu bleiben.»
Weinfelden bezeichnet Eschenmoser als «eine Kleinstadt mit dörflichem Charakter» – im besten Sinne. Die Gesprächskultur im Stadtrat war über all die Jahre geprägt von gegenseitigem Respekt. Ein fixer Bestandteil sei das gemeinsame Essen nach jeder Stadtratssitzung. «Natürlich werden dabei auch Themen vertieft, bilaterale Gespräche geführt – aber stets ineinemRahmen,derprofessionell bleibt.» Diese Form der politischen Zusammenarbeit sei nicht selbstverständlich: «Unterschiedliche Meinungen gab es immer. Doch der Umgang damit war von Anfang an konstruktiv.» Projekte, Rückschläge – und ein stilles Fazit Besonders prägend war für ihn das Projekt rund um das neue Sicherheitszentrum. «Das war ein bedeutender Entwicklungsschritt für Weinfelden. Ich war dankbar, das mitgestalten zu dürfen.» Weniger Herzblut steckte er in das Thema Ortsbus. «Da war mein persönliches Engagement eher zurückhaltend.» Und dann war da das Bahnhofprojekt, für das er sich stark gemacht hatte – das aber vom Stimmvolk abgelehnt wurde. «Ich habe mich mit Überzeugung dafür eingesetzt. Weinfelden hätte ein solches Projekt gutgetan. Aber letztlich hat die Bevölkerung anders entschieden.» Ob das enttäuschend war? «Natürlich. Aber man lernt, damit umzugehen. Entscheidend ist, daraus zu lernen und nach vorne zu schauen.» Ein stiller Zettel mit Aufgaben, wie er es nennt, hilft ihm bei der Bilanz. «Mein Ressort ist eines, das weniger im Rampenlicht steht. Es geht eher darum, Dinge solide weiterzuführen ohne grosse Schlagzeilen.» Der Aufwand sei hoch, das sichtbare Ergebnis oft unspektakulär. «Aber gerade in der öffentlichen Sicherheit liegt viel Verantwortung, auch ohne Prestige.» Nahbar, aber nicht beliebig Für Eschenmoser war der direkte Kontakt zur Bevölkerung stets wichtig. «WerdiesesAmtausfüllt,braucht nicht nur Fachwissen, sondern auch Präsenz und ein offenes Ohr.» Die Nähe zur Bevölkerung sei ein entscheidender Bestandteil. Gerade auch bei konfliktbehafteten Themen wie Bussen oder Bauvorschriften. «Natürlich wird man da nicht immer mit offenen Armen empfangen. Aber ich habe gelernt, das auszuhalten.» Mittlerweile, sagt er, habe sich das Verhältnis verändert. «Früher war ich oft nervös, wenn ich angesprochen wurde. Heute empfinde ich es als Wertschätzung.»
Sein Rücktritt im März 2026 kommt nicht abrupt, sondern wohlüberlegt. Hans Eschenmoser spricht dabei nicht von Rückzug, sondern von einer Übergabe. «Es braucht eine gewisseOffenheitfürVeränderungund auch die Bereitschaft, das Feld zu übergeben.» Er selbst wolle sich künftig zurücknehmen. Sein Engagement als Grossrat bleibt jedoch. «Zum Glück hatte ich bisher keine Hobbys», sagterundlacht.Aussereiner Velotour mit seiner Frau blieb nebst seiner Arbeit auf dem Hof und seinem politischen Engagement nicht sehr viel Zeit. Und dann lächelt er, wie so oftin diesem Gespräch – leise, aber bestimmt. Es ist der Blick eines Politikers, der seinen Weg mit Ernsthaftigkeit und Bodenhaftung gegangen ist. Und der nun bereit ist, ihn loszulassen.
Von Desirée Müller
Lade Fotos..