Aus Solidarität wurde am Kreuzlinger Stadthaus die ukrainische Fahne aufgezogen. Kurt Peter
24.03.2022 05:30
«Alle haben ein Dach über dem Kopf»
Die Zusammenarbeit Stadt - Schule bei der Betreuung der Ukraine-Flüchtlinge ist hervorragend - Auch andere Institutionen helfen
Die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine geht in Kreuzlingen vom «Nothilfe Modus» in das von Bund und Kanton vorgegebene Verfahren über. Die Stadt bleibe aber flexibel und agil: «Wir wissen nicht, was uns die kommenden Tage bringen», so Stadtpräsident Thomas Niederberger.
Kreuzlingen Mit Beginn der Flüchtlingswelle habe die Stadt eine zentrale Anlaufstelle in der Kanzlei eingerichtet, erklärt Thomas Niederberger. «Diese bot Hilfe bei Fragen rund um Angebote, Unterkünfte oder Anmeldeverfahren». Die Sozialhilfe habe in der Folge einen 24-Stunden Piketdienst aufgebaut und sei für die Unterbringung zuständig gewesen. «Ob die Flüchtlinge einzeln oder in Gruppen, tagsüber oder nachts ankamen, wir haben allen ein Dach über dem Kopf organisiert».
Grosse Unterstützung
Neben der Stadt hätten sich die katholische Kirchgemeinde, der Talentcampus sowie Rotarier um die Unterkünfte gekümmert. «Wir haben die Unterkunft auf dem Campingplatz zur Verfügung gestellt», so Niederberger. Wie viele Flüchtlinge sich in Kreuzlingen aufhalten oder aufhielten sei schwer zu sagen: «Viele sind bei Verwandten und Bekannten untergekommen, wenn sie sich nicht in Zürich oder Altstätten für den Schutzstatus S registrieren lassen, sind sie auch nicht erfasst». Ukrainische Staatsbürger dürften sich drei Monate in der Schweiz aufhalten. «Vielleicht warten einige ab, wie sich die Situation im Heimatland entwickelt».
Wer von den 24 Ende 2021 in Kreuzlingen lebenden ukrainischen Staatsbürger Flüchtlinge bei sich aufgenommen habe, könne nicht festgestellt werden. «Wir kommen nun vom Nothilfe-Modus weg und die Abläufe werden von Bund und Kanton vorgegeben», erklärt der Stadtpräsident. Flüchtlinge, die den Schutzstatus S beantragt hätten, würden vom Bund auf die Kantone und von diesen auf die Gemeinden verteilt. «Wir sind dann für Unterbringung und Betreuung verantwortlich». Die Stadt habe noch Platz in der Campingplatz-Unterkunft, aber mit Saisonbeginn werde diese wohl wegfallen. Als Notschlafstelle stehe, wenn es nicht mehr anders gehe, die Zivilschutzanlage der Kantonsschule zur Verfügung. Wegen des Bundesasylzentrums ohne Verfahren müsse Kreuzlingen ein kleineres Kontingent an Flüchtlingen aufnehmen. Die finanziellen Auswirkungen der Flüchtlingskrise seien erst in zwei bis drei Wochen zu beziffern, meint Niederberger. Für die Stadtverwaltung sei aber klar, dass «wir nicht wissen, was in den kommenden Tagen auf uns zu kommt, wir flexibel und agil bleiben müssen».
Zurück aus dem Ruhestand
Auch die Schulgemeinden Kreuzlingen engagieren sich für die Kriegsflüchtlinge: «Vor zwei Wochen haben wir in unserer Integrationsklasse zusätzlich den Estrich mit Mobiliar ausgestattet, so dass wir bereits ab dem 9. März Flüchtlingskinder beschulen konnten», erzählt Schulpräsidentin Seraina Perini. Die Mitarbeitenden in der Intergrationsklasse hätten einen breiten Erfahrungsschatz und hätten die Kinder herzlich und mit grosser Professionalität in Empfang genommen. Für den Einstieg arbeiten die Klassenlehrer jeweils mit einer Übersetzerin zusammen, was sich sehr bewährt habe.
«Wir bieten je in der Primarschule und in der Sekundarschule ein Angebot an und können dieses, dank pensionierten Lehrkräften die bereit sind wieder einzusteigen, nach Bedarf erhöhen.» Seraina Perini ist sichtlich gerührt über den Einsatz aller. «Ein ganz herzliches Dankeschön an alle, die bereit dazu sind und sich aktiv gemeldet haben.»
Auf der Primarschule werden aktuell acht Flüchtlingskinder in der Integrationsklasse beschult, es ist angedacht, dass sie gleich wie die anderen Kinder Schritt für Schritt beispielsweise im Turnen und im Textilen Werken in die Stammklassen integriert werden. Das gleiche gilt für die Sekundarschule, da werden ebenfalls acht Jugendliche im Schulzentrum Remisberg beschult. Der Einstieg ist laut Seraina Perini bei allen gut gelungen. In der Sekundarschule übernehmen die Mitschüler und Mitschülerinnen eine aktive Rolle und zeigen sich sehr hilfsbereit. «Wir rechnen damit, dass wir nach den Frühlingsferien auch einen Kindergarten anbieten können.» Jetzt werden die Kindergartenkinder jeweils am Nachmittag in der Felsenburg betreut. Die Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft unter den einzelnen Institutionen sei sehr gross.
Ein Hauch von Alltag tut gut
«Wir erleben die Kinder als ausgesprochen wissbegierig, es ist wohl eher der Schock, plötzlich auf der Flucht zu sein als ein «Kulturschock» im eigentlichen Sinn. Hilfreich ist auf jeden Fall, dass alle Kinder das lateinische Alphabet kennen», so die Schulpräsidentin. Auch die Eltern zeigen sich laut Seraina Perini dankbar: «Dass die Kinder und Jugendlichen wieder eine Struktur im Alltag haben ist für alle enorm wichtig und gibt ein kleines Stück Normalität zurück.»
Desirée Müller und Kurt Peter