Marcello Indino ist gerne mitten drin statt nur dabei und unterrichtet weiterhin. zVg
20.01.2022 09:01
«Als Rektor habe ich nicht immer das letzte Wort»
Marcello Indino erzählt von seinem ersten Jahr als Kantirektor
Der Kantichef sieht seine Schule als riesigen Berg von Puzzlestücken, die es täglich zusammen zu setzen gilt. Anders als andere steht Marcello Indino selbst im Klassenzimmer und unterrichtet um so seine Glaubhaftigkeit gegenüber den Lehrpersonen zu wahren. Er ist gekommen, um zu bleiben - wenn er aber in eine operative Routine verfällt, mache er Platz für den Nächsten.
KreuzlingenMarcello Indino, Sie waren bereits als Prorektor an der Kanti tätig – war es schwierig, den «Chefposten» einzunehmen? Respektive sich neu als Leiter zu positionieren?
Die neue Schulleitung hat sich von Anfang an als Team verstanden, so dass die anfallenden Aufgaben auf mehreren Schultern verteilt wurden. Zudem pflegen wir einen partizipativen Führungsstil und binden sowohl das Kollegium wie auch die Schülerschaft überall dort ein, wo es sinnvoll ist. Insofern ging es vielmehr darum die Schule als Ganzes gewissermassenging es vielmehr darum die Schule als Ganzes neu zu positionieren und nicht nur den «Chefposten».
Welchen Herausforderungen begegneten Sie in ihrem ersten Jahr?
Herausforderungen ist vielleicht der falsche Begriff – vielmehr ging es um das setzen der richtigen Prioritäten: Wir wollten uns so schnell wie möglich ein Bild der Bedürfnisse und Anliegen der Lehrpersonen, der übrigen Mitarbeitenden sowie der Schülerschaft machen und umgehend Zeichen setzten. Es war der neuen Schulleitung wichtig, dass sich alle nicht nur gehört fühlen, sondern auch schnell Veränderungen wahrnehmen, wo diese möglich waren.
Welches sind die grössten Unterschiede zu Ihrer Tätigkeit als Prorektor?
Die Schulleitung und die Schulverwaltung sind neu so organisiert, dass ich als Rektor nicht immer das letzte Wort habe – aber letztendlich trotzdem die Verantwortung für alles trage. Zu gewissen Momenten landen die Geschäfte also doch bei mir und es braucht meinerseits grünes Licht, damit ein Prozess weitergehen kann. Mir ist es wichtig, dass dadurch keine Verzögerungen eintreten und alle zeitnah jene Antworten erhalten, die sie von mir brauchen. Ein Gefühl von Feierabend oder gar Wochenende kenne ich in dem Sinne nicht mehr, das ist wohl die grösste Veränderung.
Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?
Meine Aufgaben sind so vielfältig und abwechslungsreich, dass ich so etwas wie Alltag kaum mehr erlebe. Und wenn man den Menschen Freiraum lässt, passiert ganz viel Gutes und Unvorhergesehenes. Kein Tag gleicht dem anderen – eine Schule ist ein dynamisches Bienenhaus oder auch ein riesiger Puzzleberg, der sich täglich verändert: Alltag heisst dafür zu sorgen, dass die Teile irgendwie zusammenpassen. Welche Teile es sind, ändert sich aber ständig.
Was sind Ihre Lieblingsaufgaben und kommen Sie noch zum Unterrichten?
Ich habe in Psychologie promoviert und danach ein Zweitstudium in Philosophie absolviert. Beides kommt mir in meiner Arbeit zugute. Ich habe Interesse und Freude daran, mich mit den einzelnen Menschen auseinanderzusetzen und ihnen Zeit zu widmen. Viele Gespräche mit Lehrpersonen oder der Schülerschaft beginnen mit «Sorry, dass ich störe…» Das ist das falsche Mindset, denn diese Momente machen die Essenz meiner Aufgabe aus. Die Menschen stehen immer im Zentrum meiner Arbeit. Es ist mir ein grosses Anliegen, als Rektor noch zu unterrichten, was nicht üblich ist. Einerseits ist es wichtig, für die Schülerinnen und Schüler auch im Klassenzimmer – als Lehrperson und Mensch – fassbar zu sein. Andererseits wären meine Unterrichtsrückmeldungen nicht glaubwürdig, wenn mir selber die Erfahrung fehlt und somit die Situation der Lehrpersonen nicht gänzlich nachvollziehen kann. Idealen Unterricht zu fordern ist einfach, wenn man diesen nicht selber leisten muss… Aufgrund vieler unvorhergesehenen Terminen ist diese Doppelbelastung zwar nicht einfach, aber lohnenswert. Im neuen Semester unterrichte ich sieben Lektionen.
Ist Ihre aktuelle Stelle ein Job «bis zur Pensionierung» oder eher nur eine Station in Ihrem Lebenslauf?
In einer Schule passiert viel, vor und hinter den Kulissen. Unsere Lehrpersonen sind engagiert, nicht nur was den Unterricht betrifft, sondern auch in Bezug auf das Schulganze und die Schulgemeinschaft. Das begeistert mich täglich – denn es ist nicht selbstverständlich. Wenn sich dieses Gefühl ändert und ich in eine operative Routine verfalle, darf die Nächste oder der Nächste ran!
Desirée Müller