Oliver Skreinig hat das Urteil des Bezirkskgerichts Kreuzlingen ans Obergricht weitergezogen. Es ist gut möglich, dass er letztendlich hinter Gitter muss. Bild: nos
02.03.2022 23:45
Aus der Manege in den Knast?
Am 7. März steht der ehemalige Direktor des Circus Royal erneut vor dem Obergericht Frauenfeld
Die Geschichte vom Niedergang des Circus Royal ist eine Geschichte, in der es keine Gewinner gibt. Und es ist eine Geschichte, die das Zirkusleben entzaubert. Für die Staatsanwaltschaft gilt Zirkusdirektor Oliver Skreinig als Hauptschuldiger. Er hingegen behauptet, er sei ausgenutzt worden. Ob diese Strategie aufgeht und ihn vor einer Gefängnisstrafe bewahrt, wird sich weisen.
Gerichtsfall Betont bescheiden. Anspruchslos. Gutgläubig. So gibt sich Oliver Skreinig beim ersten Treffen im Frühsommer 2020 in einem Singener Café. Er trägt Jeans und T-Shirt von C&A, wirkt auch optisch wie ein grosser Junge. Zirkus sei schon immer seine grosse Leidenschaft gewesen, sagt er damals. Schon als Teenager sei er zum Circus Royal gekommen. Und er blieb dort, auch wenn es manchmal kaum zum Aushalten gewesen sei. Seine traurigen blauen Augen blitzen kurz auf. Man glaubt es ihm. Dass er doch nur alles gut machen wollte, nur tat, was andere ihm sagten. Dass er von nichts gewusst habe. Dass er der Brave gewesen sei, zwischen all den verruchten Zirkusleuten.
Erstes Urteil 2020 gefällt
Doch Oliver Skreinig ist kein Junge mehr. Er ist Mitte 40. Was menschlich verständlich klingt, gilt vor dem Gesetz nicht als Argument. So urteilte das Bezirksgericht Kreuzlingen im August 2020 denn auch emotionslos. Entweder seien seine Äusserungen Schutzbehauptungen oder er habe den Kopf jahrelang absichtlich in den Sand gesteckt, erklärte der vorsitzende Richter sein Urteil. Wenn man auf dem Papier der Direktor ist, diese Rolle stets nach aussen spielt, dann trägt man auch faktisch die Verantwortung, so die nüchterne Argumentation.
Ein halbes Jahr Gefängnis, unter anderem wegen Misswirtschaft und Unterlassen der Buchführung? Man kann sich vorstellen, welche Klatsche das Urteil für Skreinig bedeutete, obwohl er sich bei der Verkündung äusserlich nichts anmerken liess. Zusätzlich verhängte das Gericht ein vierjähriges Berufsverbot für leitende Funktionen im Zirkus.
Wer im Vorfeld der Kreuzlinger Gerichtsverhandlung mit ehemaligen Mitarbeitenden des Circus Royal sprach, der bekam ebenfalls das Bild eines Jungen gezeichnet. Eines überforderten Jungen. Auf dem Platz habe Oliver Skreinig die Mitarbeitenden nicht im Griff gehabt, im Büro Briefe nicht geöffnet und Fristen versäumt. Die einen erinnern sich an einen Träumer, dem anfangs noch guter Willen entgegen gebracht wurde, der es sich mit seiner nachlässigen Art am Ende aber bei allen verscherzte. Andere gehen einen Schritt weiter, beschreiben Skreinig als machtbewussten, intriganten, gar böswilligen Menschen, der lästerte und log.
Doch in der Manege und mit den Tieren, das bestätigen alle, sei er stets gut gewesen. Da habe er gestrahlt.
Oliver Skreinig willigt zu einem Treffen in Hilzingen ein. Dabei revanchiert er sich mit Enthüllungen über das ausschweifende Leben der Zirkusfamilie. Um das zu finanzieren, sei der Griff in die Tageskasse oder den Tresor nichts Ungewöhnliches gewesen. Die Tageseinnahmen hätten an guten Tagen aus grossen fünfstellige Beträge bestanden. Er habe da jedoch nicht mitgemacht. Sein Stil sei eher Fleischkäsbrötchen als Nobelrestaurant. Wenn er Drogen nehme, dann höchstens Valium, und Alkohol trinke er gar keinen. Er habe sich deswegen oft wie ein Aussenseiter gefühlt und sich sogar in psychiatrische Behandlung geben müssen.
Keine Kraft mehr
Die Villa in Hilzingen wirkt indes, als ob hier ein Teenager wohnt, der sturmfrei hat. Fast zwei Jahre nach Peter Gassers Tod ist die Einrichtung unverändert, das ganze Haus trägt immer noch seine Handschrift. Im Esszimmer sammelt seine Weinflaschensammlung Staub, die Etiketten sind beschriftet mit den Namen der illustren Gäste, die sie tranken. Das Büro, wo sich weiterhin Werbematerial des Circus Royal stapelt, sieht aus, als ob es erst vor wenigen Minuten verlassen wurde, der Garten verwildert, auf der Wasseroberfläche des Swimmingpools treibt Blütenstaub. Er habe keine Kraft, klar Schiff zu machen, gesteht Skreinig. 20 Jahre ging die Beziehung mit dem viele Jahre älteren Mann aus der Thurgauer Zirkusdynastie. Skreinig zeigt Videos, auf denen die beiden im Kreise ihrer Gäste zu sehen sind, an Weihnachten und Silvester, er kann es fast nicht mitanschauen, kämpft mit den Tränen.
Eine Zirkuslegende
Peter Gasser, so beschreiben viele den legendären Zirkusdirektor, war ein Lebemann, der gerne Menschen um sich scharte, Bentley fuhr, feierte und spendierte. Der geliebt wurde und auch respektiert. Wenn Peter Gasser über den Platz ging, dann kuschten die Angestellten. Nach getaner Arbeit sass man dann wieder bis spät in die Nacht im Gastrowagen zusammen. Wenn er nicht gestorben wäre, das sagen ehemalige Mitarbeitende, dann gebe es den Circus Royal noch.
Gassers dunkle Seite, mit Eskapaden, Stimmungsschwankungen, bis hin zu schweren Depressionen, habe jedoch vor allem Skreinig zu sehen bekommen. Als er dann Direktor wurde, sei das bloss eine Show für die Öffentlichkeit gewesen. Im Hintergrund kontrollierte der charismatische Übervater weiterhin das Geschehen. Er sei nicht nur in Gassers Schatten gestanden, er sei regelrecht gelenkt worden, beteuert Oliver Skreinig. Und dann sagt er einen Satz, der seine ganze Verteidigung aufs Wesentliche eindampft: «Nach Peters Tod habe ich mich wie eine Marionette gefühlt, der man die Fäden abgeschnitten hat.»
Am 7. März wird sich das Obergericht mit dem Fall befassen.
Von Stefan Böker