15.02.2024 17:34
Bereicherung - doch Zweifel bleiben
Durchgangsheim in Kradolf
Panik machte sich letzten Sommer in Kradolf breit - ohne Vorlaufzeit zogen rund 80 Asylsuchende ins neu geschaffene Durchgangsheim ein. Die Schulleitung und der Stiftungs-Chef zeigen sich nach einem halben Jahr begeistert von der Zusammenarbeit. Gemeindepräsident Heinz Keller relativiert die Freude.
Kradolf «Meistens wird’s weniger heiss gegessen als gekocht», stellt Eberhard Wörwag, Geschäftsführer der Peregrina Stiftung immer wieder fest. Die Eröffnung eines Asyldurchgangsheim sei oft mit Ängsten verbunden, doch: «Diese können meist ‘easy’ abgebaut werden.» Er spricht aus Erfahrung. Die Stiftung betreibt in Amriswil, Arbon, Frauenfeld, Hefenhofen, Romanshorn,
Weinfelden, Landschaft und seit Sommer 2023 in Kradolf Unterkünfte für jeweils 19 bis 90 Personen. Die Rede ist von Notunterkünften und Asyldurchgangsheimen. Den Bewohnerinnen und Bewohner eilt meist ein unliebsamer Ruf voraus. Zudem bedeutet auf einen Schlag 80 Einwohner mehr in einer 4000 Seelen Gemeinde wie Kradolf ein grosser administrativer «Lupf». So zeigten sich die Gemeindeammann Heinz Keller und Schulpräsidentin der VSG Region Sulgen Andrea Müller anfangs skeptisch dem Vorhaben gegenüber. «Wir hatten grossen Respekt. Zwischen 12 und 16 Kinder sollen neu in unserer Schulgemeinde
aufgenommen werden. Und das mit wenig Vorlaufzeit», so Müller. Umso glücklicher ist sie, dass sich der Schulalltag mittlerweile eingespielt hat mit den jungen Gästen aus aller Welt. «Auch wenn es eine grosse Arbeitsbelastung für unsere Lehrkräfte und die Administration ist, so sind die Kinder eine Bereicherung», sagt die Schulleiterin. Die hier heimischen Schülerinnen und Schüler
seien sehr achtsam und hilfsbereit den «Freunden auf Zeit» gegenüber. «Dazu sind wir nicht ab der Welt und haben eine durchmischte Bevölkerung.» Somit seien Schülerinnen und Schüler mit wenig deutschen Sprachkenntnissen und kulturellen Unterschieden kein Novum in den Schulgemeinden. Umso schwieriger sei jeweils der Abschied. «Die meisten Kinder aus dem Asyldurchgangsheim werden nach dem positiven Bescheid einer Gemeinde zugewiesen und ziehen weg. Einige erhalten jedoch
einen Negativ-Bescheid und müssen in ihr Heimatland zurück.» Die Schülerinnen und Schüler werden bei dieser emotionalen Achterbahnfahrt von den Lehrkräften begleitet. «Wir sind froh, dass wir letzten Sommer nach dem Bescheid eine Einführungsklasse eröffnet haben. Dort verbringen die Kinder ab der dritten Klasse bis zur Oberstufe aus dem Durchgangsheim wie auch Schülerinnen und Schüler ohne Deutschkenntnisse aus der Gemeinde den Unterricht. Am Nachmittag besuchen die Kinder und Jugendlichen die Regelklassen.» Es habe sich bewährt, dass die geflüchteten Kinder bei Fächern wie Turnen, Textiles
Werken oder Zeichnen in Kontakt mit deutschsprachigen Schülern kommen. Kradolfer Kinder zu Besuch Bei einem Gespräch mit Thomas Schmitt, Leiter des Durchgangheims in Kradolf ist ebenfalls zu spüren, wie erfolgreich das «Projekt» ist. Die Bewohner seien in der Gemeinde noch nie negativ aufgefallen. «Dies zeigt der regelmässige Austausch mit der Polizei», so Schmitt. Besonders freuen ihn die täglichen Besuche der Kinder aus der Gemeinde. «Sie spielen gemeinsam im grossen Garten des Durchgangsheims. Das ist schön anzusehen.» «Vielleicht trägt Thomas Schmitt eine rosarote Brille», lässt der Kradolfer
Gemeindepräsident verlauten. Dass er kein «Fan» des Durchgangheims ist, ist bekannt. «Meine Begeisterung hält sich nach wie vor in Grenzen, doch man muss sagen, dass die Zusammenarbeit bisher ohne Zwischenfälle verlief.» Es freue ihn zwar, dass der Schulalltag durch «die Kinder aus dem Durchgangsheim bereichert wird», und die Vertreter der Peregrina Stiftung sich begeistert
zeigen von der Zusammenarbeit - doch es sei schlicht und einfach eine Belastung fürs System. «Man denke nur mal an unseren Einwohnerdienst. Die An- und Abmeldung der Bewohner benötigt einen grossen Zeitaufwand.» Angemeldet werden jedoch nur die Personen mit einer Flüchtlingsanerkennung, schiebt Wörwag ein. «Natürlich haben wir keine zusätzlichen Stellenprozente
bekommen. Das heisst mehr Arbeit für unsere Mitarbeitenden. Alle reissen sich ein Bein aus, denn schlussendlich haben wir den
Asylsuchenden gegenüber eine ‘menschliche’ Verpflichtung und machen unsere Arbeit im Rahmen des Notwendigen.» Positiv habe sich die Zusammenarbeit mit dem Werkhof ergeben. Die Bewohner unterstützen die Mitarbeiter freiwillig bei Arbeiten wie «Fetzlen» und die Bekämpfung von Neophyten – sprich nicht heimischen Pflanzen. «Sie leisten der Gemeinde somit einen Dienst, es kostet uns etwas, aber das passt für uns», so Heinz Keller. Dass es bisher keine Zwischenfälle gab, verwundert ihn nicht. «Wenn sich jemand benehmen sollte, dann Menschen, welche in der Schweiz bleiben wollen.» Heinz Keller lässt sich wohl seine
«bescheidene Begeisterung» dem Durchgangsheim gegenüber nichts bei der Zusammenarbeit mit der Stiftung anmerken, denn: «Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde verläuft vorbildlich. Wir schätzen den Einsatz und die Akzeptanz nach den anfänglichen Schwierigkeiten sehr», so Wörwag.
«Absteige» Weinfelden
Bewohner mit einem Negativ-Bescheid werden laut des Geschäftführers der Peregrina Stiftung zeitnah in die Notunterkunft nach Weinfelden verlegt. Recherchen zufolge ist die Infrastruktur sehr bescheiden. «Es ist in der Tat so, dass wir in Notunterkünften
nur das Nötigste investieren», so Wörwag. Vom angenehmen Leben in Kradolf kommen die Menschen nach Weinfelden, wo sie
eine bescheidene Unterkunft erwartet. In dieser erhalten die nun ausreisepflichtigen Personen Nothilfe in Form von Naturalien. «Familien mit Kindern bleiben im Durchgangsheim in Kradolf», ergänzt Wörwag – wobei die Erwachsenen nicht mehr beschult werden. Kinder besuchen unabhängig vom Status die öffentliche Schule. Ob es ihm und den Mitarbeitenden nicht schwerfalle, die Geflüchteten von ihrem vorübergehenden «schönen» Zuhause im Durchgangsheim in Kradolf nach Weinfelden zu «überführen?». «Selbstverständlich ist das nicht immer einfach, aber dies ist Teil des kantonalen Nothilfe-Konzeptes.»
Von Desirée Müller