Möglichst lange selbstbestimmt leben.
07.07.2023 10:29
Bewohner bleiben nur kurz
Ein gesellschaftlicher Wandel macht sich im Alterszentrum Weinfelden bemerkbar - beim Personal und Bewohnern
Im Alterszentrum Weinfelden gab es 2022 auffallend viele Wechsel - Personell wie auch unter den Bewohnern. Verwaltungsratspräsidentin Heidi Güttinger im Gespräch.
Weinfelden Aus dem Geschäftsbericht 2022 des Alteszentrum Weinfelden (AZW) geht hervor, dass die Fluktuation bei den Bewohnenden gegenüber dem letzten Jahr um 15 Prozent anstieg. Sprich: immer mehr
Personen kamen nur für eine kurze Zeit ins AZW um sich nach einer Operation zu erholen oder die Angehörigen
kurzfristig zu entlasten. Für die Mitarbeitenden bedeutet dies einen zusätzlichen Aufwand und für die Bewohnenden Unruhe. Altersheime befinden sich laut Heidi Güttinger im Umbruch, so auch in Weinfelden. Eine gesellschaftliche Entwicklung beeinflusse das Denken und Handeln von Bewohnern wie auch von Mitarbeitenden
massiv. «Immer mehr Personen kamen nur für eine kurze Zeit ins AZW», erklärt Verwaltungsratspräsidentin
Heidi Güttinger. Ein Gesellschaftsphänomen, ist sie überzeugt. Altersheime hätten seit der Pandemie vielerorts
einen schlechten Ruf, so waren Geschichten von «eingeschlossenen» Senioren in den Alterszentren während Corona omnipräsent in den Medien vertreten. «Die massiven Einschränkungen in Senioreneinrichtungen waren ein riesengrosser Fehler, doch die Bestimmungen kamen vom Regierungsrat und wir mussten uns daran halten.» Soziale Kontakte zu unterbinden sei nicht förderlich gewesen für das «Konzept Altersheim». Chatten per Whatsapp oder Videotelefonie könne nie den persönlichen Kontakt mit den Liebsten ersetzen. Seither ist vieles
nicht mehr gleich im Alterszentrum Weinfelden. Ältere Menschen versuchen laut Güttinger, möglichst lange zu Hause zu bleiben, oder zur Entlastung der Angehörigen sowie nach einem Spitalaufenthalt in einem «Ferienzimmer» einige Wochen im Alterszentrum zu verbringen - danach aber möglichst schnell wieder Heim zu kehren. Der dauernde Wechsel von Klienten bringe enormen administrativen Aufwand mit sich. Auch kurzzeitige Bewohner müssen erfasst werden, Gespräche mit dem zugewiesenen Arzt geführt und die finanziellen Belangen geklärt werden. So sei auch für das Pflegepersonal ein häufiger Wechsel schwierig. Ganz zu schweigen sei die
Situation für die Bewohnenden selbst fordernd: «Die Fluktuationen führten vermehrt auch zu Unruhen unter den Bewohnerinnen und Bewohnern. Wir führen neben den Einer- und Zweier- auch Dreibettzimmer. Bleiben die Gäste nur für kurze Zeit, ist dies auch für die Stimmung unter den Klienten in den Zimmern nicht fördernd.» Ebenfalls viele Wechsel gab es 2022 unter den Mitarbeitenden. Auch hier sieht die Verwaltungsratspräsidentin
einen gesellschaftlichen Wandel, der Fachkräftemangel mache sich ausgeprägt bemerkbar bei den Pflegenden.
«Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind heute am längeren Hebel. Es werden vermehrt Forderungen gestellt und wenn schon die kleinsten Dinge nicht stimmen oder es Konflikte im Team gibt, sehen sich viele nach einem neuen Job um», machte Güttinger die Erfahrung. Die Langzeitpflege bilde das letzte Glied in Sachen Attraktivität in der Pflege. Vor allem junge Leute entscheiden sich für eine Anstellung in einem Spital. «Erst wenn man nichts anderes findet, schaut man sich für eine Stelle in einem Alterszentrum um. Alleine die Arbeit am älteren Patienten
ist für viele ein No go. Natürlich ist ein junger Körper schöner zu pflegen als ein alter», sagt Güttinger offen.
Viele der Bewohner seien lieb und dankbar, doch gebe es auch schwierige Gäste. «Und diese bleiben bis zu ihrem Lebensende und gehen nicht wie im Spital nach kurzer Zeit nach Hause.» Das AZW nahm eine massive Lohnerhöhung um vier Prozent vor. Dazu werden die geteilten Dienste mit Zimmerstunde langsam durch durchgehende ersetzt. Man müsse aufpassen, dass trotz Fachkräftemangel die Qualität der Mitarbeitenden im AZW bestehen bleibe. «Wir haben permanent Stellen ausgeschrieben. Wir brauchen helfende Hände. Gerne auch jüngere nach der Ausbildung.» Noch bessere Arbeitsbedingungen schaffen und «den Leuten gut schauen», laute die Devise. Ob Bewohner oder Mitarbeiter. Ansonsten könne man nicht viel machen als Arbeitgeber.
Lage spitzt sich zu
«Wir befürchten, dass die Fluktuationen weiter zunehmen werden. Ältere Menschen haben immer mehr Möglichkeiten, es gibt diverse Wohnformen und Dienste wie die Spitex, welche ein längeres Leben Zuhause ermöglichen.» Das gleiche bei der grossen Auswahl an Stellen in der Pflege. Trotz der vermehrt kurzen Aufenthalte ist das AZW gut ausgelastet und schliesst mit einem Jahresgewinn von über einer Million
Franken ab. 100'000 Franken gehen davon in den Solidaritätsfond.
Von Desirée Müller