Morgens in der Zahnarztpraxis, nachmittags im Gemeindehaus: Matthias Hofmann. mul
10.02.2022 00:00
Das Orakel von Bottighofen
Zu Besuch beim Gemeindeammann Matthias Hofmann
Er ist überraschend direkt und ehrlich, verfolgt sportliche Ziele und hat generell vieles vor mit Bottighofen. In der Hälfte seiner Amtszeit blickt Matthias Hofmann auf zwei turbulente Jahre zurück und zieht ein Resümee.
Bottighofen In Matthias Hofmanns kleinem Büro sind die Wände tapeziert mit Zonenplänen und Memos. Ein Hundebettchen lässt ihm wenig Beinfreiheit, Akten in blauen Sichtmäppchen stapeln sich auf dem Regal - und trotzdem hat er mit einem Griff das Gesuchte zur Hand. "Drum ist es gut, wenn hier niemand aufräumt, so find ich alles", sagt er und lacht. Er war eben noch in seiner Zahnarztpraxis in Arbon und nur kurz Zuhause, um den weissen Kittel gegen das schwarze Hemd zu tauschen. "Als Zahnarzt muss ich bei einem Notfall innerhalb weniger Minuten entscheiden, was zu tun ist. In einer Gemeinde geht nichts von heute auf morgen und doch kommt mir das Nägel-mit-Köpfe-machen bei der Arbeit zu Gute. Denn hier gilt es, auf 15 oder 20 Jahre hinaus zu planen. Je früher man beginnt, desto besser", beantwortet er die erste Frage, worin sich seine zwei Berufe - die eigentlich nicht unterschiedlicher sein könnten - gleichen. „Und die Verschwiegenheit“, kommt ihm noch in den Sinn. Seiner Frau erzählt er abends nicht mal, wenn er einem Freund ein Loch im Zahn flickte. Die ärztliche Schweigepflicht nimmt Hofmann äusserst ernst: Nur, wenn die Patienten ausdrücklich wünschen, dass ich meiner Frau einen Gruss ausrichten soll“, sagt er und lacht.
Neuling in der Verwaltung
Zwei Jahre nach der klaren Wahl zum Bottighofer Gemeindepräsident ist Hofmann voll in seinem Element und hat salopp gesagt den Laden im Griff. Die Gemeinderecht-Bibel liegt aber immer noch unter seinem Kopfkissen, die Baurechte fett markiert. Diese machten ihm anfangs zu schaffen, da es sich um komplettes Neuland handelte. Doch Hofmann ist ein Praktiker und lernt am besten mitten im Geschehen. Seither besucht er an jedem seiner Arbeitstage gemeindeeigene Baustellen im Dorf, redet mit den Handwerkern und Ingenieuren und spricht mittlerweile deren Fachjargon. Auf Augenhöhe zu führen, das gefällt Hofmann. Als einstiger Oberst zitiert er: "Im Militär muss man immer zwei Ränge tiefer denken um die Auswirkungen und Konsequenzen einer Entscheidung auf die Truppe zu sehen." Als "Neuling" in einer Verwaltung habe er gewusst, dass es vieles zu lernen gäbe. Ohne seine hilfsbereiten Mitarbeitenden wäre der Quereinsteiger heute nicht da, wo er ist. Nämlich selbstsicher sitzend in seinem Sessel mit tausend Ideen im Kopf. Oder besser gesagt Plänen, denn hier kommt wieder Hofmanns Nägel-mit-Köpfen-machen zum Zug. Lange bleiben seine Einfälle nicht in der Schublade liegen sondern werden ordentlich geplant und umgesetzt. Wie aktuell die Umstrukturierung der gesamten Verwaltung, was ihm mehr Kapazität verschafft. "Bisher führte ich in meinem 50 Prozent Pensum 16 Angestellte, was fast die Hälfte meiner Arbeitszeit beanspruchte. Wir haben ein externes Büro beauftragt, um die Verwaltung unter die Lupe zu nehmen und eine Analyse zu erstellen." Das Organigramm liegt nun vor ihm. Neu werden die vier Teilbereiche jeweils von einem Abteilungsleiter geführt. Hofmann ist somit "nur" noch der direkte Vorgesetzte der Leiterinnen und Leiter sowie des Gemeindeschreibers. Die gleiche Analyse wurde bei den Werken durchgeführt. Es geht nun darum, die daraus resultierenden Erkenntnisse zu verarbeiten und folgerichtige Lösungen umzusetzen, damit es zukünftig nicht zu bösen Überraschungen kommt.
Kandidat unterm Radar
Der Gemeindepräsident steht auf und holt eine prall mit Plänen und Berichten gefüllte Mappe. Der Masterplan befindet sich darin, quasi das Orakel von Bottighofen, welches die Zukunft der Gemeinde voraussagt. Die verschiedensten Projekte werden darin angedacht, einige ausführlich dokumentiert wie das Thema Verkehr, andere nur grob beschrieben. Man spürt beim Durchblättern, in welche Richtung Hofmann Bottighofen bringen möchte. Es wird einheitlicher, verbundener, moderner und vor allem eins - grösser. Letzteres kann Hofmann nur bedingt steuern. Denn Bottighofen wächst wie Löwenzahn im Frühling. "Als ich das Amt antrat, zählte das Dorf gut 2100 Einwohnerinnen und Einwohner. Heute sind es rund 2600. Tendenz stark steigend." Sobald die Resultate des Masterplans vorhanden sind (voraussichtlich Juni 2022), werden diese der Bevölkerung an einer separaten Veranstaltung präsentiert werden. Je nachdem, welche geplanten Bauprojekte in den nächsten Jahren umgesetzt werden, desto schneller muss gehandelt werden. Die Gemeindebehörde will die Verwaltung auf den Tag X vorbereiten und stockt das Einwohneramt auf. Sie denkt dabei nicht nur an die Infrastruktur. Mit dem Bundesratsentscheid zur Klimaneutralität bis 2050 müssen die fossilen Energieträger durch erneuerbare ersetzt werden. Ein Entscheid, der auch die Gemeinden massgeblich tangiert und fordert. "Wir müssen uns bereits jetzt finanzielle Gedanken machen, um Massnahmen in 28 Jahren umsetzen zu können." Hofmanns Ziel ist es, Bottighofen bis 2027 schuldenfrei zu machen. "2021 konnten wir zwei Millionen Franken zurückzahlen, dieses Jahr voraussichtlich eine." Dank überlegter und vor allem vorausschauender Haushaltung sei sein Ziel realistisch.
Hofmann hat Gefallen am Werken eines Gemeindepräsidenten gefunden und wird sich wieder zur Wahl stellen. Stand heute bedauert er es, nicht früher diesen Weg eingeschlagen zu haben. Natürlich brauche er auch ein dickes Fell und einen breiten Rücken, so können seine Entscheide, die zwar stets auf dem Recht beruhen, Emotionen bei den Bürgerinnen und Bürgern auslösen. Ob abgelehnte Baugesuche oder nicht schnell genug geräumte Strassen im Winter. Hofmann ist aber kein grundsätzlicher „Nein-Sager“, sondern versucht immer, Lösungen oder Kompromisse zu finden – auch wenn ihm das Recht oftmals wenig Freiheit lässt. Trotz all dem hat er in der Verwaltung sein zweites Zuhause gefunden. Der Gedanke daran, im Kantonsrat zu wirken und damit noch mehr bewegen zu können, reizt ihn seit jeher. Doch hier ist Hofmann konsequent: "Ich habe mich als Parteiloser zur Wahl gestellt. Es ginge gegen meine Prinzipien, nun einer Partei beizutreten um mich aufstellen zu lassen." Ihm kommt beim Thema "Wahl" noch eine Geschichte in den Sinn, die ihn schmunzeln lässt. "Ich erinnere mich an die vielen Leserbriefe von den Verfechtern meiner beiden Mitkandidaten, die sich förmlich Woche für Woche in den Medien bekriegten. Über mich wurde nur ein einziger Leserbrief geschrieben. Daher konnte ich der Debatte entspannt folgen und blieb so etwas unter dem Radar. Sich von den "zwei Lagern" zu distanzieren, war damals die beste Strategie. Ein Zahnarzt aus Basel, der bisher nicht gross aufgefallen ist im Dorf. So verkehrt kann er doch nicht sein, dachte sich vielleicht der eine oder andere auf dem Weg zur Urne. Das und noch vieles mehr hat Matthias Hofmann in den letzten zwei Jahren bewiesen. Unaufgeregt, bescheiden und im Hintergrund. Und der Masterplan verspricht vieles, aber eines auf sicher: Es wird spannend.
Desirée Müller