Der Grossbrand richtete gewaltige Schäden an. zVg
20.07.2023 00:00
«Dem Feuer zum Opfer gefallen»
Vor 60 Jahren stand Kreuzlingen in den Schlagzeilen - Denkmal von nationaler Bedeutung wurde Raub der Flammen
Am 20. Juli 1963 kam eine erste Meldung in den Frühnachrichten des damaligen Landessenders Beromünster: «Grossbrand in Kreuzlingen, die Klosterkirche und das Lehrerseminar sind einer gewaltigen Feuerkatastrophe zum Opfer gefallen».
Kreuzlingen Während den Sommerferien lag das Seminargebäude im Ruhestand, lediglich drei Hausangestellte bewohnten den grossen Gebäudekomplex. Drei Personen bemerkten den Brand sozusagen gleichzeitig; die im Seminar schlafende Köchin wurde durch das lebhafte Umherflattern der Fledermäuse geweckt, so dass sie den brennenden First des Konvikts bemerkte; ein um 2.05 Uhr heimkehrender junger Mann beobachtete von der Strasse aus den Brandausbruch und alt Seminarlehrer Weinmann auf einer Anhöhe wohnend, stellte durch eine verdächtige Rötung am Himmel mittels eines Feldstechers den Brandausbruch fest. Alle drei alarmierten sofort, unabhängig voneinander, das Kommando der Feuerwehr.
Konstanz und Ermatingen halfen
Nach später Heimkehr erkannte der Kreuzlinger Urban Büchel beim Blick durch das Fenster einen Lichtschein in der Gegend des Seminars. Nichts Gutes ahnend führte ihn der Weg auf seiner Lambretta in die Richtung des Geschehens. Wenige Leute waren vor dem Eintreffen der Feuerwehr durch die geöffnete Kirchentür an Rettungsaktionen beschäftigt. Erinnerungen bleiben ihm, als er, ebenfalls helfend, mit der gotischen Pietà des linken Seitenaltars sowie mit dem Reliquienkreuz aus der Ölbergkapelle eiligen Schrittes die Kirche verliess und hinter ihm unmittelbar ein Kronleuchter von der Decke auf den Boden krachte.
Offenbar breitete sich das Feuer auch im Dachstock des Kirchenschiffes aus und weitere Rettungsaktionen im Innern wurden zu gefährlich und das Betreten verboten. Immer zahlreicher fand sich durch den telefonisch ausgelösten Gruppenalarm die Feuerwehr am Brandplatz ein. Durch Raketensignale erfolgte zudem das Aufgebot von weiteren Mannschaften. Um 2.30 Uhr erging von der Kommandostelle der Befehl, die Konstanzer Feuerwehr um Hilfe zu rufen. Leider führte der Anruf auf den gewählten Nummern zu keinem Erfolg, denn mit Konstanz pflegte die Kreuzlinger Feuerwehr bis anhin keine Zusammenarbeit. Schlussendlich liess sich um 3.08 Uhr durch das Telefonamt St. Gallen eine Notverbindung mit Konstanz herstellen. Tatkräftig unterstützten auch die nachbarlichen Feuerwehren aus Konstanz, sowie eine Mannschaft aus Ermatingen die Bekämpfung des Grossbrandes, womit über 300 Mann im Einsatz standen. Insgesamt erfolgte die Wasserzufuhr durch 15 Schlauchleitungen, die längsten vom Hauptzoll bis zur Brandstelle.
Schuld war ein Schneidbrenner
Bis zum Eintreffen der auswärtigen Feuerwehren, nahm der Brand ein riesiges Ausmass an. Um 2.40 Uhr stürzte der Dachstuhl des Seminarkonvikts und eine halbe Stunde später derjenige des Kirchenschiffs zusammen. Kurz darauf loderte aus dem Kirchturm das Feuer wie eine grosse Fackel zum Nachthimmel. Ab 3.40 Uhr stand die Turmuhr still. Mit rasender Geschwindigkeit breitete sich das Feuer im rund 300 Jahre alten, wie Zunder brennenden Dachgebälk weiter aus, und um 3.45 Uhr stand der Ostflügel in Flammen.
Mit grossem Mut kämpften die Mannschaften während Stunden gegen das Feuer. Bis auf kleinere Brandstellen waren um 6 Uhr morgens die Feuerwehren Herr der Lage. Die Ausrüstung der Kreuzlinger Feuerwehr mit ihren zwei Motorspritzen, 5000 Meter Schlauchleitung sowie drei mechanischen Dreiradleitern war der Bekämpfung dieses Brandes nicht gewachsen. In wie weit technisch besseres Material zur Brandbekämpfung erfolgreicher beigetragen hätte, bleibt bis heute fraglich. Es liegen Beweise vor, dass zu Beginn der Brand längst im Estrichbereich schwelte, bevor die Flammen aus dem Dach schossen. Rauchgas schwebte in den Dachräumen und beim Zutritt von Sauerstoff durch das offene Dach ergab sich die explosionsartige Feuerausbreitung auf der gesamten Länge im Dachstock des Seminartraktes sowie der Kirche.
Gemäss den Ermittlungen ergab sich nach kurzer Zeit die Ursache des Brandausbruchs: Am Freitag, 19. Juli, wurden im zweiten Stockwerk des Seminarkonvikts, wo während den Ferien Umbauarbeiten im Gange waren, mit einem Schneidbrenner Entlüftungsrohre, welche in den Estrich führten aufgeschnitten und entfernt. Mit Bedauern richtete die Menschenmenge nach der Brandnacht ihre Blicke auf die rauchenden Ruinen. Wo man hinschaute, ob auf die St. Ulrichskirche oder auf die drei Flügel des ehemaligen Klosters, überall riefen die Spuren des Feuers grosse Trauer- und Ratlosigkeit hervor. Besonderes Interesse richtete sich auf das stehende grosse Holzkreuz mit dem leidenden Christus in der Ölbergkapelle. Rundherum Brandschutt und verkohlte Balken, doch das Kreuz hielt allem Unheil stand.
Das Wunder mit dem Kreuz
Erinnerungen an frühere Geschichten, wonach dieses zu Beginn des 15. Jahrhunderts entstandene Kreuz in den Jahren 1499 und 1633 bei Bränden des damaligen Klosters wie durch ein Wunder erhalten geblieben sei, wurden beim Anblick lebendig, allerdings ist heute, nebst dem Glauben an die Erzählungen von damals, der wunderbare Erhalt des Kreuzes im Flammenmeer photografisch festgehalten.
Gemäss der Aussicht eines Kunsthistorikers war die Lage der Brandstätte nicht so hoffnungslos wie in der Brandnacht angenommen. Mit Freude vernahm man, dass eine Wiederherstellung der gesamten Anlage möglich sei. Begleitet mit diesem Zukunftsgedanken gab die damalige, nur aus Männern bestehende Stimmbürgerschaft der katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen anlässlich der Versammlung vom 23. September 1963 mit 377 gegen 22 Stimmen die Zustimmung zum Wiederaufbau der Kirche St. Ulrich im Betrage von ca. fünf Millionen Franken.
Georg Strasser