Fragt stets um Erlaubnis: Stephan Künzer vor dem Sonne-Beck in Frauenfeld. zVg
08.06.2022 23:45
«Den Spiess einfach mal umdrehen»
Stephan Künzer aus Wigoltingen sucht mit eigenwilliger Methode Arbeit. Im Interview erzählt der 45-Jährige Wigoltinger, warum er das tut
Schon vor Jahren erregte Stephan Künzer Aufsehen, wenn er mit seinem Plakat am Strassenrand stand, in Frauenfeld und an mehreren anderen Orten. Jetzt ist er wieder mit dem Töff unterwegs und er will nicht aufgeben, bis er eine Vollzeitstelle bekommt.
Herr Künzer, haben Sie keine Bedenken, Ihre Handynummer im Internet zu veröffentlichen?
Sicherlich habe ich mir in digitalen Zeiten Gedanken gemacht, was passiert, wenn ich die Nummer so stark in der Öffentlichkeit präsentiere. Aufgrund der letzten Plakataktion vor Jahren wusste ich, dass es eine Zeit lang dauert, bis das Telefon sich wieder beruhigt. Nummern wechseln, wenn es schief läuft, kostet heutzutage nicht viel. Es gab damals schon einen Vorfall. Nach dem die erste Plakataktion schon Jahre beendet war, teilte jemand das Bild auf Facebook und plötzlich klingelte mein Telefon wieder Sturm. Da war ich schwer beeindruckt, von der digitalen Wirkung. Das ist ein schönes Erlebnis gewesen, im Bezug auf die Hilfsbereitschaft von Menschen. Das Internet vergisst halt nichts, oder nur sehr schwer. In heutigen Zeiten kann ich das Smartphone zum Schlafen auf stumm schalten, und zeitgleich selbst bestimmen, wer mich dennoch mitten in der Nacht anrufen und aus dem Tiefschlaf holen kann. Abschalten geht immer.
Spassnachrichten oder -anrufe hab es noch keine?
Doch, die gab es in der Tat schon. Da mach ich mir dann meistens selbst einen Spass draus, wenn ich gerade kurz die Zeit und Ruhe dazu habe. Es gibt da zum Beispiel eine Webseite, über die man per Computer jemanden anrufen kann. Ich habe die Computer generierte Stimme aber direkt erkannt. Gesagt, dass mich da jemand wohl auf den Arm nehmen will und brav mitgemacht. Das Gespräch wurde so dämlich wie möglich geführt. Callcenter-Anrufe versuche ich genauso abzufertigen. Auf die Frage ob ich lieber Rot- oder Weisswein trinke, antworte ich: «Den Grünen». Auf Krankenkassencallcenter antworte ich mit erfundenen schwerst kranken Selbstdiagnosen. Meistens legen die dann sofort auf. Verlieren das Interesse. Ich setze sie auf die Sperrliste. Und die ganz hartnäckigen mit wechselnden Nummern, fordere ich auf, mich aus der Datenbank zu löschen.
Dafür gab es Jobangebote?
Ja sicher. Gott sei Dank! Das ist ja Sinn und Zweck der Sache. Allerdings ist zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Arbeitsvertrag unterzeichnet. Es braucht Zeit, um sich kennenzulernen. Zeit für Dokumentation, Bewerbung, Kommunikation, Schnuppertage und Vorstellungsgespräche. Ich habe nur zwei Hände und einen Kopf.
Wo konnten Sie seitdem arbeiten?
Bei einem Pianoverleiher, einem Spielplatzbauer und durch die Plakataktion viel bei mir Zuhause, um einen Vollzeitjob zu finden.
Normalerweise geht man zum RAV, wenn man arbeitslos wird. Warum konnten die Ihnen nicht helfen?
Ich bin beim RAV, weil es in meinem Fall eine Voraussetzung ist, um Leistungen der Arbeitslosenversicherung zu erhalten. Das ist normal. Das RAV hat mir früher mit Kursen helfen können, um Arbeit zu finden. In meinem Fall gestaltet sich das Wort «Regionale Arbeitsvermittlung» wohl etwas schwieriger. Vielen anderen Arbeitslosen kann das RAV bestimmt helfen. Meine Ausgangslage und der Arbeitsmarktbereich Detailhandel ist mit Sicherheit sehr anspruchsvoll, um in dem Alter eine Vollzeitstelle im Monatslohn zu finden.
Wie könnte das RAV seine Arbeit verbessern?
Das kann ich nur subjektiv, oder auch gar nicht beurteilen. Die Freiheit haben, sich an die knallharte Marktwirtschaft anpassen zu dürfen, wäre wohl ein guter Schritt. Wenn das stimmt, was man mir sagte, so dürfen keine Kurse/Weiterbildungen gestattet werden ,welche mit der Marktwirtschaft konkurrieren. Dabei wären doch gerade solche Weiterbildungen oft dienlich, meiner Meinung nach.
Ihr letztes Arbeitsverhältnis wurde während der Probezeit wegen Unstimmigkeiten im Team beendet. Was genau ist da passiert?
Dazu möchte ich mich in der Presse nicht detailliert äussern. Es wäre unfair sich nicht persönlich mit allen Beteiligten genaustens darüber aus gesprochen zu haben. Am Schluss wird dann noch aus einem einzigen Apfel ein ganzer Obstkorb. Das muss nicht sein, denn ich bin dankbar für die Chance, welche ich hatte. Ich kann nur sagen, aus meiner Sicht unschuldig zu sein, und empfinde es persönlich als eine sehr schlimme Sache. Aber Kopf hoch und weiter gehen ist meine Devise.
Ihre Aktion erinnert an vergangene Zeiten. Waren Bilder aus der Weltwirtschaftskrise für Sie Vorbild?
Menschen werden oft aus ihrer Erinnerung, Prägung, Instinkten und Umgebung geleitet. In meinem Fall war das auch so. Als ich in die Schweiz kam, haben mich die Schilder «Wir suchen» fasziniert, welche dann im Laufe der Jahre durch die Digitalisierung verschwunden sind. Ich dachte bei der ersten Plakataktion nur daran, den Spiess mal umzudrehen, um das bestmöglichste Ergebnis für mich zu bekommen. Die Bilder aus der Weltwirtschaftskrise kannte ich schon vorher. Das hat mich wohl unterbewusst mit Sicherheit beeinflusst. Eine Krise kann jeder haben. Was mir zu schaffen macht, ist gerade der Alltag.
Gibt es auch Jobs, die Sie nicht annehmen würden?
Ja, das sind Jobs, welche ich aus meiner Sicht nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, weil diese gesetzlich, moralisch, ethisch verwerflich wären. Jobs, welche Scheinselbstständigkeit oder Schwarzarbeit sind, lehne ich grundsätzlich ab.
Kreativ, witzig und mutig. Das sind Reaktionen auf Ihre Aktion. Daneben gibt es kritische Stimmen. Peinlich und verzweifelt wirke das. Was entgegnen Sie Kritikern?
Kritik, welche sachlich ist, bringt uns doch oft weiter. Über sachliche Kritik denke ich nach. Ich kann es jedoch nicht allen Menschen recht machen. Vor allem sollen diese Menschen erst mal Tausende Kilometer in meinen Schuhen laufen, um mich richtig beurteilen zu können. Peinlich ist, wenn die Plakataktion schlechte Gefühle in mir auslösen würde, was es aber definitiv nicht tut. Ich bin stolz, so etwas zu können. Verzweifelt ist, wenn die Plakataktion aus Hoffnungslosigkeit und drohender Gefahr entsteht. Was aber ebenso nicht der Fall ist. Es geht lediglich um Zielerreichung. Als tiefgläubiger Mensch habe ich immer Hoffnung. Und im Gegensatz zu vielen anderen Menschen bin ich sogar in der Lage, im Extremfall auf der Strasse zu leben. Darum irren sich die Kritiker vollumfänglich in diesen beiden Punkten.
Von Stefan Böker