Urs Fischbacher ist Professor an der Uni Konstanz und Leiter des Thurgauer Wirtschaftsinstituts in Kreuzlingen. Desirée Müller
05.05.2022 08:14
Der Experimentator
Am 11. Mai findet das Bodensee Wirtschaftsforum im Kult-X statt. Uni-Professor Urs Fischbacher erzählt
Affen, die gerne teilen aber ihre Prinzipien haben. Menschen, die beim Würfelspiel flunkern und mehr spenden, wenn die anderen es auch tun. Urs Fischbacher ist ein weltweit angesehener Experimentator und organisiert das Bodensee Wirtschaftsforum.
Konstanz «Im Gebäude F3, gleich hinter dem Treppenhaus, da ist mein Büro.» 28 Minuten später klopf ich schlussendlich ausser Atmen und glatte zehn Minuten zu spät an die Türe. Urs Fischbacher sieht aus, wie man sich einen Uni-Professor vorstellt. Verwuscheltes Haar, aus dem Pulli schaut ein hellblauer Hemdkragen und im Gespräch merkt man schnell: Der Mann hat wirklich etwas auf dem Kasten und lebt für seine Arbeit. Seine Aufgabe: Das (Kauf)Verhalten von Menschen bei Experimenten zu analysieren. Die Erkenntnisse faszinieren und überraschen ihn immer wieder.
Traube oder Gurke?
Die Experimente werden im Labor mit Hilfe der von Professor Urs Fischbacher entwickelten Software z-Tree durchgeführt. Die Probanden sitzen in sogenannten «Cubes», welche so konstruiert sind, dass sie die 27 anderen Teilnehmer nicht sehen können. Egal ob Unter-, Mittel- oder Oberschicht: Unabhängig vom Vermögen auf dem Bankkonto, Beruf oder Geschlecht - alle ticken sie anders. Einige sind nett zu Netten und fies zu Fiesen, handeln bei den Experimenten egoistisch oder zum Wohl der Allgemeinheit. Bei einem Würfelexperiment mogelt die Mehrheit, wenn es um Geld geht, aber um das eigene Gewissen zu besänftigen, nicht ganz so arg. Auch spenden viele mehr, wenn andere mehr geben. Die Resultate sieht man oft im Alltag: Wirft einer vor einem zehn Franken in die Kollekte, ist die Chance gross, dass man tiefer ins Portemonnaie greift. Wird ein Kandidat einer Casting-Show hoch von der Jury gelobt, rufen meist weniger Leute für ihn an. «Der bekommt sowieso genügend», denkt man vielleicht. Ein Experiment von Fischbacher fand grosse Beachtung und wurde von Biologen bei Schimpansen angewendet. Die Affen konnten in verschiedenen Situationen entscheiden, ob sie Trauben mit ihrem Kollegen teilen möchte, oder die meisten für sich behalten. Im Gegensatz zu den Menschen bei Fischbachers Experiment, lehnten sie kaum ein Angebot ab, auch wenn das Gspähnli ihm weniger Trauben gab, als er selbst nascht. Ganz egal ist Unfairness aber auch Affen nicht. Ein anderes Experiment zeigte, dass wenn der eine Affe eine Gurke und das Gegenüber eine Traube bekommt, das grüne Gemüse demonstrativ zu Boden geworfen wird, sogar wenn er damit nichts erreichen kann. Wie solche Experimente mit Schimpansen funktionieren, nimmt mich wunder. Wohl leben die Menschenaffen im Zoo Leipzig und können frei entscheiden, ob sie im riesigen Affenspielplatz bei den Tests mitzumachen wollen. Die höchst intelligenten Tiere werden somit «gefragt ». Die meisten sind ganz scharf auf die willkommene Beschäftigung, bei der sie mental gefordert werden und natürlich Leckerlis abstauben können.
Ein hartes Pflaster
Man könnte dem gebürtigen Zürcher Stunden zuhören, so wie es seit Jahren seine Studentinnen und Studenten tun. Er ist Dozent im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften und lässt sich immer wieder neue Ideen für Experimente einfallen. Vom ersten Gedanken bis zu den publizierten Erkenntnissen dauert es gut und gerne zwei Jahre. Gelder müssen beantragt werden, Artikel geschrieben und redigiert werden. Die Fachmagazine reissen sich nicht um die Studien, oftmals muss ein Betrag bezahlt werden, bevor sich die Redaktoren überhaupt den Artikel anschauen. Ein hartes Pflaster, aber der gelernte Informatiker macht immer weiter. Früher programmierte er die Experimente, heute ist er an den Experimenten von A bis Z beteiligt. Nebst seiner Arbeit als Uni- Professor leitet Urs Fischbacher das Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI) in Kreuzlingen an der Hafenstrasse. Angesiedelt in der Villa beim Kult- X in Kreuzlingen, ist das TWI eine Kooperation mit der Universität Konstanz. Getragen wird die Einrichtung von der Thurgauischen Stiftung für Wissenschaft und Forschung. Bei der Bevölkerung ist die TWI durch die Organisation und des Bodensee Wirtschaftsforums in Kreuzlingen bekannt. Zahlen lügen nicht im Sport Das Thema ist spannend - und für viele neu: «Hinter sportlichen Erfolgen stecken immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse. Im Fussball beispielsweise werden Datenerhebungen und -analysen sowie Statistiken zum Mitgaranten für Erfolg. Vorsprung gegenüber Konkurrenten, lautet die Losung», so Fischbacher. Damit Sport attraktiv ist, brauchen SportlerInnen attraktive Gegner. Was wäre Roger Federer ohne Nadal? Die Referenten des Bodensee Wirtschaftsforums nehmen sich diese und diverse andere Themen vor.
Alle Infos unter: www.twi-kreuzlingen. ch. Anmeldung erwünscht, die Teilnahme ist kostenlos.
Desirée Müller