Vorträge übern Mittag.
26.01.2023 09:37
«Der Maulwurf muss atmen»
Der Ekkharthof – eine Bildungsstätte der Zukunft
Der Ekkharthof entwickelt sich rasend schnell. Klienten wird die digitale Welt zugänglich gemacht, Jugendliche tauchen in die Welt der Institution ein und mit «Lunchtime-Referaten» füllt Leiter Stanko Gobac den Saal.
Lengwil «Wir müssen Tiefenbohrungen machen, dass Luft durch die Krusten kommt und unser Inneres mit Luft versorgt, damit es atmen kann», erklärt Stanko Gobac. Wir sitzen im Büro des Institutionsleiters. «Früher waren unsere Klienten fest eingepackt und geschützt vor der Welt ‘da draussen’. Sogar von ‘Wagenburg’ war die Rede. Doch langsam öffnet sich die Festung.» Gobac spricht davon, dass sich aktuell einiges tut im Ekkharthof. «Wir werden mit unseren kulturellen Events sowie der Demeter-Landwirtschaft stärker wahrgenommen. Unsere Märkte sind stets gut besucht, Gäste sind öfters in unserer Cantina anzutreffen und konsumieren dort Speisen in hoher Demeter-Qualität oder auch einmal eine Lesung mit arrivierten Künstlern wie Arno Camenisch im Februar 2022, oder auch lokalen Senkrechtstartern wie Ella Pink. Doch dies sind alles nur kleine Teile der grossen Ekkharthof-Gesamtheit – und diese gilt es zugänglicher zu machen.»
Social Days
An Ideen mangelt es beim innovativen, einstigen Schulleiter der Kanti Kreuzlingen beileibe nicht und ebenso wenig mangelt es ihm an der Power, diese Ideen auch umzusetzen. «Wir konnten eine Klasse der Kantonsschule Frauenfeld für unseren ersten Social Day gewinnen. Genau genommen sind wir sogar angefragt worden. Schülerinnen und Schüler werden uns mit selbst erarbeiteten Fragestellungen einen Tag lang besuchen und schnuppern. Vielleicht auch mitanpacken, ein Brot backen oder was auch immer. »So sei es kein Beinbruch, wenn die Produktion für einmal eine halbe Stunde stillliege. A propos «schnuppern»: Hier wittert Gobac Potenzial, denn «der Ekkharthof war immer eine Bildungsstätte und es lohnt, sich darauf zurückzubesinnen. Die Produktion ist wichtig, unsere Produkte werden weit herum geschätzt und doch: Der Mensch und sein Tun sowie auch sein Werden muss im Fokus sein. Hierfür sollen geeignete Orte und Arrangement entstehen.»
Perspektivenwechsel
Weitere Sternstunden sind Lunchtime- Referate, nächstens zum Thema «Walking in your shoes». Hierzu ist das gesamte Team wie auch externe Besucher eingeladen. Bei «Walking in your shoes» geht um eine Methode des Perspektivwechsels, der wiederum Einfühlungsvermögen und Feinfühligkeit schult. Gobac und das Format «Lunchtime-Referat » ist offen für nahezu alle Themen: «Wir starteten ein Voting unter Klienten und Mitarbeitenden und erhielten insgesamt 17 Vorschläge.» Darunter finden sich gesellschaftliche und natürlich auch fachliche Themen, welche der 44-Jährige ins Programm aufgenommen hat. So startete die Vortragsreihe mit dem Thema «selbstbestimmtes Wohnen » unter der Leitung eines Teams bestehend aus Menschen mit und ohne Behinderung. Jeweils über Mittag finden die Veranstaltungen statt – und eben genau nicht am Abend nach einem langen Arbeitstag. Beim ersten Lunchtime im Oktober 2022 war der Saal voll mit Mitarbeitenden von anderen Institutionen, Vertretern des Branchenverbands Insos Thurgau sowie Personal und Klientinnen des Ekkharthofs. Ein voller Erfolg, der Gobac sehr freut. Ein weiterer Erfolg ist klar auch der Kampagnenfilm für die «PrA», die Praktische Ausbildung für Menschen mit Beeinträchtigungen. «Um hier ganz gezielt zu werben, konnten wir auf einen wahren ‘Superstar’ zurückgreifen. Unser emotionales Video richtet seine Botschaft direkt an die Jugendlichen und zeigt ihnen die beruflichen Perspektiven am Ekkharthof auf. Die Stimme im Film gehört niemand Geringerem als Leander Elias, dessen lispelnde Stimme dem Publikumsliebling Dustin aus der Netflix-Serie ‘Stranger Things’ gehört.»
Herzensprojekt
Aktuell steht ein weiteres Herzensprojekt von Stanko Gobac’ in den Startlöchern, denn der Ekkharthof erhält ein Intranet, genau genommen ein «social intranet». Die Kommunikation zwischen Klienten, Institutionsleitung, Mitarbeiterinnen, Vorstand, Fachgruppen und Teams fördern. «Heute haben bei weitem nicht alle Teammitglieder eine eigene E-Mailadresse und sind somit schwierig oder gar nicht zu erreichen. Zudem sollen unsere Klientinnen und Klienten eine Plattform für den Austausch mit Klienten anderer Wohngruppen sowie auch ihren und deren Betreuungspersonen erhalten. » Man kann verschiedenen Teams beitreten, Bilder und Beiträge posten und das alles in einem geschützten Rahmen. «Die Welt der Sozialen Medien kann schnell gefährlich werden für einen Menschen mit Handicap – und auch für einen Menschen ohne Handicap. Im Intranet können wir uns ‘austoben’, aber im Notfall auch eingreifen. Das grosse Bedürfnis nach Verbindung, Gegenseitigkeit, Benachrichtigung und Orientierung – Kommunikation also – kann so in geeignetem Rahmen ausgelebt werden. Was wir tun, tun wir entlang eines Kommunikations- und Medienkonzepts, das wir selbst erarbeitet haben. Wäre das nicht so, wäre es pures Draufgängertum. So aber ist es Ausdruck von beherzter Entschlossenheit eines gut durchbluteten und gut gelüfteten ‘Innen’, das sich gesund und mit Freude hin zu einem ‘Aussen’ öffnet."
Von Desirée Müller