Der Schützer der Schimpansen
Interview mit Schimpansen-Forscher Daniel Hänni
Daniel Hänni aus Homburg lebte als Schimpansen-Forscher und -Schützer jahrelang im Urwald
Daniel Hänni aus Homburg lebte als Schimpansen-Forscher und -Schützer jahrelang im Urwald
Homburg «In einer Einerkolonne kamen die Schimpansen auf mich zu. Ich verharrte stockstill und wartete, bis sie an mir vorbeizogen. Da wurde mir klar, dass die Affen Patrouille entlang ihres Reviers hielten.» Daniel Hännis Geschichten könnten aus einem Abenteuerroman stammen: Wochenlang ohne Handyempfang im Urwald im Einsatz, als Nahrung nur Poscho (Meisbrei) und Bohnen im Gepäck, immer in der Ungewissheit, illegale Holzfäller oder Wilderer zu überraschen. Der 55-jährige Homburger nippt an seinem Cappuccino, in Gedanken scheint er sich gerade an tausend andere Erlebnisse im Dschungel zu erinnern. «Doch beginnen wir doch einfach mal ganz vorne», schlage ich vor. Denn Hännis Geschichte ist absolut erzählenswert. Als Bueb verbrachte er jede freie Minute im Zoo Zürich bei den Affen, so begeisterten ihn unsere tierischen Verwandten. «Tierpfleger war damals noch keine anerkannte Ausbildung, so entschied ich mich für einen ganz anderen Weg und wurde Hochbauzeichner.» Neben der Lehre konzentrierte er sich auf den Sport. Hänni galt als Nachwuchstalent in der Leichtathletik und trainierte nebst der Arbeit und Schule 25 Stunden die Woche. Eine Verletzung zerstörte jedoch seinen Traum vom Profisportler. Doch im Nachhinein musste es wohl so sein, sonst würden wir heute wohl nicht hier sitzen und über seine Abenteuer in Uganda sprechen.
Nach der Lehre arbeitete der gebürtige Winterthurer im Immobilienbereich, hatte Erfolg und mehr oder weniger Spass am Beruf. Doch die Schimpansen spukten immer noch in seinem Kopf herum. Er traf eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. Hänni drückte mit 26 Jahren wieder die Schulbank, holte die Matura nach, studierte Anthropologie, betreute als Nebenverdienst Kleinaffen an der Uni Zürich und arbeitete weiter Teilzeit in der Immobilienbranche, um sich sein Studium zu finanzieren. «Ich musste ordentlich büffeln, doch der Aufwand lohnte sich.» Und dann trat Jane Goodall in sein Leben. Die heute 89-jährige britische Verhaltensforscherin, die 1960 begann, das Verhalten von Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania zu untersuchen. Ihr Engagement faszinierte Hänni seit seiner Kindheit. Zu der Zeit gab es noch kein Jane Goodall Institut in der Schweiz. «Ich fragte nach, ob das Interesse besteht, dass ich von der Schweiz aus ein Institut nach ihren Grundsätzen leiten könnte. Die Freude war gross und so wagte ich den Schritt.» Um die Projekte zu finanzieren, arbeitete Hänni weiterhin in der Immobilienbranche und investierte die ersten Jahre einen Teil des Geldes ins Institut. Um Projekte wie eine Schimpansen-Populationsanalyse sowie die Gründung einer Schimpansen-Forschungsstation und einem Education-Center für Kinder der Region aufzubauen, lebte Hänni fünf Jahre lang in Uganda. Wahrlich ein Kulturschock, doch der Fokus lag ganz auf seinen Schutzprojekten, mit denen er auch Arbeitsplätze schuf. «Man kann die Menschen nicht für den Umwelt- und Artenschutz begeistern, wenn es ihnen selbst schlecht geht», war ihm von Anfang an klar. So setzte er es sich zum Ziel, den Tourismus anzukurbeln. Schimpansen faszinieren viele Menschen, sie hautnah in der Wildnis zu treffen, ist ein Traum von so manchem Tierfreund. Schimpansen- und Berggorilla-Trackings sind seit längerem sehr beliebt bei abenteuerlichen Reisenden. So half Hänni auch mit, eine Schimpansengruppe an Menschen zu gewöhnen, ohne dabei ihr Verhalten zu verändern. Sprich ohne sie zu füttern oder mit ihnen zu interagieren. Fünf Jahre dauerte es, bis die freilebenden Affen Menschen ihn ihrer Nähe als «normal» betrachteten und zuliessen, dass sie täglich eine kleine Gruppe für eine Stunde aufsucht.
Hänni verbrachte viele Monate im Urwald bei Schimpansen-Populationszählungen, die Teil der Projekte für den Schimpansenschutz in Uganda sind. 2011 gründete er in Uganda ein Reisebüro und organisiert seither nebst seiner Forschungstätigkeit Reisen in die «Perle Afrikas». Ob die Tiere nicht gestresst seien durch die Anwesenheit der Menschen, wurde er oft gefragt. Er beauftragte eine Studentin, Haarproben von freilebenden Tieren ohne Kontakt zu Menschen und der an Menschen gewohnten Gruppe zu analysieren. Zusätzlich wurden auch die Haare von Schimpansen in kleinen Waldfragmenten untersucht, die viel in Kontakt mit der lokalen Bevölkerung kommen, da sie in ihrem kleinen Wald nicht genügend Nahrung finden und deshalb auch Feldfrüchte der Bauern stehlen müssen. Durch das Hormon Cortisol konnte festgestellt werden, dass es keinen Unterschied im Stressverhalten gibt der beiden Schimpansengruppen im Urwald. Jedoch sind die Schimpansen im Waldfragment chronisch gestresst, weil sie zum Teil von der einheimischen Bevölkerung angegriffen und vertrieben werden.
Bei einem Schimpansen-Tracking verfolgen die Ranger vor allem vier Anzeichen: Frische Knöchelabdrücke am Boden, die Reste verzehrter Früchte, Schimpansenkot und natürlich die Rufe der Tiere. Manchmal hört man auch einen Schimpansen beim Trommeln auf die Brettwurzeln eines Urwaldriesen. Dieses Trommeln dient zur Kommunikation innerhalb eine Schimpansengruppe über weitere Distanzen. Auf den Touren werden den Gästen auch viele Artenschutzprojekte vorgestellt und sie auf die Problematiken sensibilisiert. Daniel Hänni freut es sehr, dass sich viele der Reisegäste nach der Heimkehr für eines der Projekte engagieren. Somit lasse sich die Forschung, der aktive Artenschutz sowie die Reisen optimal verbinden. Die Anwesenheit der Reisenden in den Wäldern hat auch positive Auswirkungen im Kampf gegen die Wilderei und das illegale Holzfällen. «Alleine die Präsenz der Ranger und Reisegruppen hält viele davon ab.» Während der Pandemie schnellten die Zahlen von illegalen Aktivitäten in die Höhe, weil die Ranger nicht mehr in die Wälder durften.
Daniel Hänni traf seine heutige Frau und Mutter seiner zwei Kinder in Uganda in einem Einkaufszentrum. Heute lebt die Familie in Homburg. Der Anthropologe reist aber weiterhin alle paar Monate nach Uganda, um seine Projekte zu betreuen und Reisegruppen zu leiten.
von Desirée Müller
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