Schulweg ist wichtiger, als gedacht.
22.08.2024 07:23
«Der Schulweg gehört einfach dazu»
Eltern-Taxis sorgen in den Schulen für Verzweiflung. Die kleinen Abenteuer auf dem Schulweg dürfen den Kindern nicht genommen werden
Polizeiaufgebot, strassenbauliche Massnahmen und Infoflyer en masse – einige Mamis und Papis sind scheinbar unbelehrbar und fahren ihre Kinder Tag für Tag mit dem Auto in den Kindergarten oder zur Schule. Nicht selten schlafen die Kinder im Unterricht ein, da sie quasi vom Bett ins Klassenzimmer bugsiert wurden.
Region Sie «stehlen» ihren Sprösslingen das Schulweg-Erlebnis, sind sich alle befragten Schulpräsidentinnen
und Schulpräsidenten einig. Dazu kommt der Sicherheitsaspekt beim Aus- und Einladen. Wir haben dazu mit vier Müttern über das Thema gesprochen.«Nach der Polizeipräsenz vor den Schulen oder Infoschreiben an die Eltern ist es jeweils ein, zwei Wochen besser. Dann fängt es wieder an.» Daniel Heidegger, Schulpräsident von Tägerwilen, findet es zum Verzweifeln, dass Mamis und Papis ihre Kinder ohne erklärbaren Grund
zur Schule fahren. «Die Eltern wissen, dass es nicht gut ist, ihre Kinder in die Schule zu chauffieren. Man weiss aber auch, dass die Steuererklärung im April fällig ist und man Weihnachtsgeschenke nicht erst am 24. Dezember kaufen muss.» Es liege in der Natur des Menschen, zu wissen was richtig ist, aber es nicht zu tun. In Tägerwilen ging es so weit, dass bei der Sanierung der Hauptstrasse darauf geachtet wurde, dass es keine Parkmöglichkeiten vor dem Primarschulhaus mehr gibt. Die nahe liegenden Massnahmen wie Elternbriefe und Informationen bei den Elternabenden fruchten laut Heidegger einfach nicht. Den eigenen Kosmos entdecken
«Wegen 500 Metern die Kinder mit dem Auto herzufahren, macht überhaupt keinen Sinn», sagt eine Mutter
eines Schülers von der Steinerschule in Kreuzlingen. «Manche kommen aus Münchwilen oder Dozwil, da sieht es anders aus», findet ein anderes «Steiner-Mami». «Es ist ein Abnabelungsprozess. Dazu kommen Bedenken. Meine Kinder müssen am Bahnhof entlang laufen und eine Hauptstrasse überqueren.» Doch es sei ein grosser Schritt Richtung Selbstständigkeit. Sie habe jedoch schon ernste Gespräch mit ihrer Tochter führen müssen. Zu spät in die Schule zu kommen, weil sie einen Regenwurm beobachtete sei zwar wertvoll, um ihren eigenen Kosmos zu entdecken. «Doch sie muss verstehen, dass es Regeln gibt. Gleich, wie sich zu melden, wenn sie nach der Schule noch auf dem Pausenhof bleiben möchte.»
Fit dank Schulweg
Eine Mutter aus Salenstein freut sich riesig, dass der Schulweg das «Tages-Highlight» ihrer Tochter ist. «Dieser ist zwei Kilometer lang und auf dem Nachhauseweg geht’s steil die Strasse rauf», so die Mutter. Die Erstklässler hätten sich nun zusammengetan und freuen sich Tag für Tag auf das «Erlebnis Schulweg». Was sie besonders freut: «Die Kinder sind super fit und hatten sehr gute Resultate am Sporttag», sagt sie und lächelt. Ein Mami aus Frauenfeld «gibt zu»: «Wir haben unsere Tochter meistens mit dem Auto vom Kindergarten abgeholt, da es zeitlich mit dem Kochen und Essen nicht aufging.» Auch am Morgen sei sie oft als «Eltern-Taxi» unterwegs gewesen. Seit sie in der Schule sei, habe sich das jedoch geändert. «Sie läuft nun schneller und schaut nicht mehr jedem Schnäggli nach», sagt sie und schmunzelt. Wegschauen statt handeln In Bottighofen sei es ein Thema, doch kein Problem, sagt Dario My, Schulpräsident. Eine Mutter aus Bottighofen bezeichnet sich als «totale Eltern-Taxi-Gegnerin» und widerspricht My. «Viele Eltern parken hinter dem Dorfzentrum und somit ist
das Ein- und Ausladen der Kinder nicht gleich sichtbar.» Nebst dem Verlieren des «Schulweg-Feelings» gebe es auch ein Sicherheitsaspekt. Die Ausrede vieler sei, dass sie Angst haben, dass ihren Kindern unterwegs etwas passiere, sprich sie entführt werden. «Mein Sohn läuft vom Klein Rigi her durchs ganze Dorf bis zum Kindergarten runter. Oftmals trifft er dabei kein einziges Kind.» Die Chance, dass Kinder unterwegs «gestohlen» werden, sei somit viel höher, als wenn sie gemeinsam laufen. Schule und Gemeinde müssen mehr in die Präventionsarbeit investieren, so die Mutter.
Die Schulen Kreuzlingen sind ebenfalls aktiv, wenn es um das Thema Eltern Taxi geht. Wie in Tägerwilen legen
sie Wert auf eine punktuelle Polizeipräsenz. Dazu erfolgt ein regelmässiger Appell an die Eltern an den
Elternabenden, den Elternschreiben und vor Ort. Für Schulpräsidentin Seraina Perini steht auch die Sicherheit
der anderen Kinder im Vordergrund. Das Getummel vor den Kindergärten und Schulen vor Unterrichtsbeginn sei unübersichtlich. Am Strassenrand parkende Autos können laut Perini ein grosses Sicherheitsrisiko darstellen.
Auch sie appelliert an die Elternschaft, Gemeinschaften zu bilden und sich bei der Begleitung der Kinder auf dem Schulweg abzuwechseln. Zumindest in der Anfangsphase, bis sich die Kinder sicher fühlen und den Weg gut kennen. Der Schulweg ist auf jeden Fall ein bedeutender Schritt in die Selbstständigkeit. Schlafende Kinder im Chindi Michael Götsch, Schulleiter des Paul Reinhard Schulhauses in Weinfelden, spricht ein weiteres Problem an. «Den Kindern wird eine wichtige Lernerfahrung genommen. So können sie beim Eltern-Taxi-Dienst nicht das Überqueren einer Strasse lernen.» Dazu sei der soziale Aspekt wichtig. «Gemeinsam auf dem Schulweg miteinander sprechen, sich zum Spielen verabreden oder auch mal streiten. Das alles gehört zum Kindsein dazu.» Auch können die Kinder laut Götsch auf dem Schulweg «wach» werden. «Sonst kommen sie direkt aus dem Bett in die Schule oder den Kindergarten um dort überspitzt gesagt weiter zu schlafen.» Und es geht soweit, dass «die Kindergartenlehrpersonen den Unterricht umstellen, so dass die Kinder als erstes nach Draussen gehen, um sich zu bewegen.» Eva Noger, Schulleiterin des Schulzentrum Elisabetha Hess sagt es abschliessend richtig: «Erwachsene haben meist auch einen Arbeitsweg, wo sie Zeit haben, den Tag abzuschliessen und
sich auf den neuen einzustellen. Dies sollte man Kindern nicht verwehren.»
Von Desirée Müller