07.04.2022 09:40
Die Frau mit dem Hammer
Ein Besuch der Präsidentin des Weinfelder Bezirksgerichts Claudia Spring.
Nach einem Urteil will Bezirksgerichtspräsidentin Claudia Spring Kläger wie Angeklagtem in die Augen sehen können. Die Fakten sind das eine, die Menschenkenntnis das andere. Eine bewundernswerte Frau.
Weinfelden Sie erzählt von ihrem herausfordernden Berufsund Familienalltag, Von Fällen, die sie besonders beschäftigen und Momenten, in denen es im Gerichtssaal auch zwischen den Richtern zu intensiven Diskussionen kommt. Ihre ehrliche, authentische Art ist beeindruckend, ihr Fachwissen gewaltig. Dass sie in Weinfelden lebt, ist nicht immer einfach für Claudia Spring und ihre Familie. Auf der Strasse erkannt zu werden, ist nichts Seltenes. Die Kinder sind jedoch noch zu klein, um wirklich zu verstehen, was ihr Mami tagsüber macht. Sie ist mit sich im Reinen - auch wenn sie einige Urteile anders gefällt hätte.
Und da steh ich nun im Lift des Verwaltungsgebäudes vis a vis des Bahnhofs und drücke auf die Zwei. «Bezirksgericht» steht auf der Glastür, die ich als Erstes erblicke, als ich aussteige und auf den Summknopf drücke. Eine Dame öffnet die Tür und geleitet mich in einen der beiden Anhörungsräume. Dass ich mal hier lande, hätte ich nicht gedacht. Das Gebäude sei «ziemlich cool», wird mir Claudia Spring gleich erzählen. Der kühle Beton und der Teppichboden sorgen gleichermassen für eine akustisch gedämpfte Atmosphäre. Die im Kreis angeordneten Büros seien gut für kurze Wege. Das Zurücklaufen falle daher weg. Man hat das Bedürfnis, zu flüstern. Im Warteraum sind hinter den Lamellen die Schatten zweier Personen zu erkennen. Vielleicht sind sie wegen einer Scheidung hier, einem Sorgerechtsstreit oder einer Betreibung. Pünktlich trifft Claudia Spring ein. Ihre Worte sind überlegt gewählt, die Aussagen bedacht formuliert, doch ihr Büro, das wir gleich besichtigen, gemütlich mit Kinderzeichnungen und Bildern an den Wänden dekoriert. Am Tag setzt sie sich für Recht und Ordnung im Gericht ein, verlässt sich dabei auf die Gesetzgebung und lässt sich von Sympathien nicht beeinflussen. Abends spielt sie mit ihren 6 und 8 jährigen Kindern Lego, flitzt beim Räuberund- Poli-Spielen durch die Quartiere – und lässt dabei eine Fünf gerade sein – oder entspannt sich beim Yoga.
Hier macht jeder alles
«Ich würd sagen, ich bin privat nicht anders als im Büro. Aber da müssten Sie meine Freunde fragen », sagt die Juristin und lacht. Sie strahlt eine unfassbare Souveränität aus und bleibt dabei trotzdem herzlich. Jeder hat ein Recht Und da sind wir bei einem Punkt, der für sie sehr von Bedeutung ist: «Empathie und Sachlichkeit sind beide sehr wichtig in meinem Beruf. Auch ein Schwerverbrecher hat das Recht auf einen fairen Prozess und Unvoreingenommenheit. Mein Ziel ist es, dass nach dem Urteil alle Beteiligten den Entscheid verstehen und nachvollziehen können.» Ob sie denn hinter jedem Urteil stehen könnte, welches im Gericht entscheiden wurde, frage ich. Sie überlegt kurz und sagt dann bestimmt: «Nein». Als Kollegialgericht entscheidet das Bezirksgericht in der Regel in Dreierbesetzung. In Strafsachen, in welchen eine Strafe von gesamthaft mehr als drei Jahren Freiheitsentzug beantragt wird, tagen sie in Fünferbesetzung. «Hier kommt es zu regen Diskussionen. Können wir uns nicht einigen, wird im Rahmen der Rechtsordnung abgestimmt. Daher ist die Anzahl Berufsrichter stets ungerade.» Die Fälle, bei denen sie anders entschieden hätte, seien wenige und nicht sehr bedeutsam gewesen. Und trotzdem steht man diesfalls gegen aussen für ein Urteil ein, das man eigentlich nicht vertritt. Abgrenzung ist somit ein wichtiger Punkt in ihrer Arbeit. Die Fälle und die Menschen dahinter nicht zu nahe an sich kommen lassen, sei unabdinglich. Ganz abschalten kann sie aber nicht, Fälle, in denen Kinder involviert sind, beschäftigen sie auch nach Arbeitsende. Bei solchen Geschichten muss es jeweils schnell gehen. Entscheidungen müssen her, die betroffenen Kinder in Schutz genommen werden. Die Fälle kennen keine Uhrzeit, somit ist die Freizeit der zweifachen Mami sehr knapp. Als Präsidentin muss sie im Bezirk Weinfelden wohnen. Auf der einen Seite mache es Sinn, sie hat keinen langen Arbeitsweg und wäre schnell zur Stelle, wenn etwas wäre. Die Schattenseite sieht anders aus. «Es kommt natürlich vor, dass mich jemand erkennt, wenn ich durch die Stadt laufe. » Bedroht sei sie noch nie geworden und habe davor auch keine Angst. «Ich kann allen Beteiligten noch in die Augen schauen.» Dass sie zu Hause nicht über ihre Arbeit sprechen darf, belastet Claudia Springs Familienleben nicht. Im Gegenteil, das Zuhause soll ein Ort der Entspannung sein. Und doch studiert sie als Bettlektüre gerne Akten. Fernab vom Gerichtstrubel könne sie sich besser konzentrieren.
Hier macht jeder alles
Wir drehen eine Runde durchs Bezirksgericht, besuchen die Praktikanten, den Gerichtsschreiber, schauen die Bibliothek und das Archiv an. Das seien nur die Fälle der letzten eineinhalb Jahre, der Rest sei im Keller. Eine ordentliche Anzahl von Ordnern reihen sich nebeneinander. Ob sie denn im Verhältnis zu grösseren Städten ruhig in Weinfelden zu und her gehe? Das sei schwer zu beurteilen, langweilig werde es dem Team aber nicht, versichert sie. Der Stapel an Postsendungen sei morgens nicht gerade klein. Und was sie besonders an ihrem Job mag, ist die Vielfältigkeit. Es gebe Bezirksgerichte in anderen Kantonen, da seien die Aufgaben themenmässig unter den Berufsrichtern aufgeteilt. «Hier macht jeder einfach alles». Weniger Geschrei Vieles habe sich verändert seit ihrer Anfangszeit als Juristin. «Als ich mein erstes Praktikum machte, hatte ich zwar einen Computer, aber ohne Internetanschluss. So blieb mir nichts anders übrig, als Bücher zu wälzen.» Eine gute Übung, weiss sie heute. Doch die Möglichkeiten für die Recherche seien natürlich sehr zeitsparend. Als grosser Fan von «Law and Order» und Co. nimmt mich doch noch etwas wunder: «Ist es im Gericht so wie im Fernsehen? » Sie lacht herzlich. «Etwas weniger Hollywood vielleicht, aber nicht weniger spannend.»
Von Desirée Müller