Die Familie Huggel aus Bussnang würde bei der Umsetzung des Projekts Thur3 ihren Milchbetrieb verlieren.
22.08.2024 08:28
«Die Kühe stürzen in die Thur»
Die dritte Thurkorrektur «Thur3» würde einem Milchbetrieb in Bussnang den Hof kosten
Die Familie Huggel aus Bussnang würde bei einer Umsetzung des Projekt Thur3 ihren Hof verlieren. Letzten Samstag fand ein Infoanlass auf ihrem Milchbetrieb statt. Das Amt für
Bussnang Kinder melken eine «Gummi-Kuh», besuchen die Kühe im Stall, es wird grilliert und vor allem eins: diskutiert. Der Hof der Familie Huggel in Bussnang war rappelvoll letzten Samstag. Die jüngsten wiesen die dutzenden von Autos auf die Parkplätze auf dem Feld ein, während die «grossen» die Gäste über ihr Anliegen informierten. Gemeint ist die Familie Huggel, bestehend aus Vater Urs, Mutter Barbara und den beiden Söhnen Cyrill und Andri. Seit 2000 lebt die Familie auf dem Waldhof und dies soll auch so bleiben. Die beiden jungen Landwirte und Agrotechniker wollen in den nächsten Jahren den Familienbetrieb übernehmen. Der Milchbetrieb
mit heute 150 Kühen ist das Lebenswerk der Huggels, welches sie ihren Buebe weitergeben möchten.
Doch aktuell steht das Ziel auf wackligen Beinen, respektive steht ihnen sinnbildlich das Wasser bis zum Hals. Und das wegen dem Projekt Thur3. Das Ziel ist es, der Thur wieder mehr Platz zu geben. Die Dämme werden dabei entlastet, was den Hochwasserschutz unterstützt. Dabei kommen Massnahmen dem Grundwasser zu Gute. Alles sinnvolle Ansätze, doch: die Renaturierung der Thur hätte schwerwiegende Konsequenzen für die Huggels. Laut des neuen Plans des Amts für Umwelt könnte sich die Thur bis zu ihrem Kuhstall ausdehnen. Ergo:
Weideflächen und Felder müssten der Thur überlassen werden. Oder: «Unsere Kühe könnten fünf Meter tief in die Thur stürzen», so Urs Huggel. Dies würde das Aus des Familienbetriebs bedeuten. Weniger Kühe zu halten, kommt rein wirtschaftlich nicht in Frage für die Huggels. Angebotene Ersatzflächen machen in ihrem Fall keinen Sinn, da der Stall betroffen wäre. Nicht nur die Familie Huggel wäre betroffen, auch diverse andere Landwirte müssten auf Fläche verzichten – die Konsequenzen wären jedoch nicht so einschneidend. Härtefälle müssten in Kauf genommen werden, heisst es seitens des Amts für Umwelt. Zu diesen gehört auch der Hof der Huggels. Warum Areale wie die Thurbadi in Weinfelden verschont werden, ist für Cyrill Huggel nicht schlüssig. Eine Korrektur der Gewässerraumlinie wäre laut Huggel aktuell noch möglich. «Eine solche Zusammenarbeit könnte
nicht nur praktikable und faire Lösungen hervorbringen, die den Anforderungen des Gewässerschutzes und den berechtigten Interessen der Landwirte und Grundeigentümer gerecht werden, sondern auch dazu beitragen, Flächen zur Revitalisierung zu identifizieren – und dies ohne Rechtsstreitigkeiten und Enteignungen», so Huggel weiter. Er ist überzeugt: «Nur so können Konflikte minimiert und ein ausgewogener Interessenausgleich erreicht werden.»
Amt für Umwelt hat Verständnis
Man brauche einen langen «Schnuuf», sagt der Leiter vom Thurgauer Amt für Umwelt, Martin Eugster. Doch dessen waren sich die Verantwortlichen des «Mammut-Projekts» Thur3 bewusst. Sie seien doch etwas
überrascht über den Infoanlass gewesen, da Mitglieder der IG Thur bereits in den Entwicklungsprozess
Ländlicher Raum integriert seien. Trotzdem standen Vertreter des Amts vor Ort Rede und Antwort. Mit
«Streicheleinheiten haben wir nicht gerechnet. Die meisten Gäste des Anlasses waren von der gegnerischen
Seite.» Doch Öffentlichkeitsarbeit und die Bevölkerung für die Notwendigkeit des Hochwasserschutzes
und der Revitalisierung der Thur zu sensibilisieren, sei sehr wichtig. Die Thur ist im Kanton 45 Kilometer
lang, involviert sind 460 Grundeigentümer. «Das macht die Sache komplex.» Bei den Landwirten seien nicht alle gleich schwer betroffen. Hier müsse man differenzieren. Der Fall «Huggel» sei einer der schwerwiegendsten. Die Möglichkeiten für die Lösungsfindung seien begrenzt. Auf der anderen Seite der Thur befinde sich die Wasserversorgung Weinfelden. Doch es sei eine wasserbauliche Studie in Auftrag gegeben worden. Die Auswertung würde zeigen, welche Möglichkeiten es in Bezug auf den Betrieb der Familie Huggel gebe.
An der Infoveranstaltungen wurden Stimmen laut, warum die Thurbadi in Weinfelden bestehen bleiben darf,
jedoch ein Hof wie der der Familie Huggel nicht. Am Ende des Tages sei es, laut Eugster, ein Abwägen der
Interessen. Bei Infrastrukturen wie Brücken sehe es nochmals anders aus: «Brückenpfeiler können wir zum Beispiel nicht einfach abtragen.» Doch das Verständnis seitens des Amts für Umwelt ist gross. Die Bereitschaft, gemeinsam mit Vertreter aller Interessengruppen zusammenzuarbeiten ebenfalls. Neu werde ein Delegierter des Regierungsrates, ein aussenstehender «Mediator» den Prozess begleiten und unter anderem die Thur-Konferenz moderieren und bei der Lösungsfindung ganz unparteiisch mitarbeiten.
Von Desirée Müller