03.03.2022 13:14
"Die KVA bauen ist etwas wie Lego spielen"
Die Thurgau Kehrichtverbrennungsanlage in Weinfelden bekommt ein Gesicht
Im Rahmen eines Wettbewerbs reichten letztes Jahr vier Architekturbüros ihre Vorschläge für die neue Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in Weinfelden ein. Das Siegerprojekt überrascht. Statt einer Industrieanlage, schufen sie ein künstlerisches Meisterwerk - zumindest auf dem Papier.
Weinfelden Es sei nicht alltäglich, dass eine Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) eine Medienkonferenz in diesem Rahmen abhalte. Doch heute sei aller Grund dafür, begrüsste Gesamtleiter des Projekts Christoph Rothenhöfer die zahlreich erschienenen Medienschaffenden. „Der Abschluss des Studienauftrages ist ein grosser Meilenstein für uns“, sagt Reto Stähli, Verwaltungsratspräsident der KVA Thurgau und Vorsitzender des Beurteilungsgremiums. Die KVA Thurgau habe den Bahntransport von „Güsel“ revolutioniert, im ganzen Kanton Unterflurcontainer lanciert und sei nun in der Testphase von einer neuen Fahrzeuggeneration. „Die KVA Thurgau war immer schon aktiv und in manchem Bereich auch Pionierin.“ Eine KVA lebt zirka 35 Jahre, der Planungshorizont zieht sich über ein Jahrzehnt hin – daher sei jetzt die richtige Zeit, um zu planen und zu entwickeln. Das zukunftsorientierte Denken geht soweit, dass im neuen Konzept sogar der Rückbau der Anlage angedacht wird. „Und nun habe ich die Ehre, Ihnen das erste Mal ein Bild vom Siegerprojekt zu zeigen“, sagt Stähli und strahlt. „Wow“, dachte sich wohl so mancher im Raum. Nach einer Industrieanlage sieht das architektonische Meisterwerk jedenfalls nicht aus. Auf der Animation schlingen sich Grünpflanzen entlang der dreigeteilten Fassade, vor dem Besucherzentrum lädt ein Park die Anwohner zum Verweilen ein, Tiere sollen künftig das Gelände ganz natürlich durchqueren und in der grünen Landschaft und den künstlich erschaffenen Hügeln Schutz finden. Eine wahre Pioniervegetation.
Lego spielen
„Die KVA soll kein Fremdkörper sein sondern sich in das mit Respekt vorgefundene Gelände integrieren“, erklärt Rothenhöfer. Viel Fläche im Süden, wenig Foodprint im Norden. Ein Betriebsgarten für Pausen, ein modernes Verwaltungsgebäude, ein durchdachtes Konzept für die Verkehrsströme auf der Anlage und mit recycliertem Beton, Holzwerkstoffen aus der Region und einem Bewässerungssystem mit Regenwasser strotzt das Gebäude nur so von Nachhaltigkeit. Da man nur erahnen kann, was für Möglichkeit in Sachen Energiegewinnung noch vor uns stehen, ist die neue KVA so konzipiert, dass sie schnell erweitert werden kann, ohne den Betrieb zu stören. Von Lego- oder Tetris spielen ist die Rede. Ob ein Holzkraftwerk oder eine Anlage, in der man künstliches Erdgas produzieren kann – das Gelände ist so ausgelegt, dass allfällige Ausbaumodelle wie Bauklötze angebaut werden können. Eine Animation zeigt eindrücklich, wie dies aussehen könnte.
Für die teilnehmenden Architekturbüros war die KVA eine Herausforderung sondergleichen. Technische Zielsetzungen integral mit übergeordneten Anforderungen zu verschmelzen – ein Auftrag, der es in sich hat. Von 24 Bewerbungen wählte das Gremium die vier geeignetsten Bewerber aus, welche von Juli bis Dezember 2021 an ihren Konzepten arbeiteten. Zwei Zürcher, ein St. Galler und ein Frauenfelder Büro durften sich der Aufgabe annehmen. Je rund 17‘000 Stunden setzten die Teams ein was zeigt, wie komplex die Aufgabenstellung war. Während der Zeit fanden zwei Dialog-Workshops mit dem Beurteilungsgremium statt um allfällige Fragen zu diskutieren. Das Team „Graber Pulver Architekten AG“ überzeugte vollends. Kantonsbaumeister des Kantons, Erol Doguoglu, ist begeistert vom Wettbewerb als Entscheidungsinstrument. „Es beweist, wie gut solche Verfahren funktionieren, um eine möglichst hohe Qualität zu erreichen. Die Vorschläge sind nicht nur oberflächlich angedacht, sondern umfassend umgesetzt. Von der betrieblichen Funktionalität zur Architektur, der Nachhaltigkeit bis zur zukunftsfähigen Etappierbarkeit.“ Es wäre ein grosser Lernprozess für alle Beteiligten gewesen.
Weinfelden als Standort optimal
Obwohl man beim Betrachten der Pläne das Gefühl hat, dass die neue KVA sofort in Betrieb genommen werden könnte, liegt viel Arbeit vor den Projektverantwortlichen. „Man sagt, dass die Arbeit von Architekten und Ingenieuren 1 Prozent der Arbeit ausmacht. Es werden noch viele Herausforderungen auf uns zukommen“, weiss Doguoglu.
Stadtpräsident von Weinfelden, Max Vögeli, war ebenfalls Mitglied des Entscheidungsgremiums. „Bereits Ende der 80er-Jahr wurde über den Standort der KVA Thurgau diskutiert. Niemand wollte sie haben – doch Weinfelden zeigte sich als perfekten Standort. Zentral gelegen, östlich vom Siedlungsgebiet mit Bahnanschluss. Auch, dass die Model mit Prozessdampf beliefert werden kann, war ein Pluspunkt.“ Dreissig Jahre später sei die KVA ein bedeutender Arbeitgeber in der Stadt und ein markanter Akzent im Siedlungsbild. „Wir nennen die KVA mit einem Augenzwinkern ‚Kathedrale‘“, so Vögeli. Im Vorfeld wurde laut des Stadtpräsidenten der Standortgemeinde eine Umfrage in der Bevölkerung durchgeführt. „Die neue KVA soll funktionell sein, aber kein Klotz. Auch die Aufwertung der Amphibienschutzgebiete war ein grosses Anliegen der Einwohnerinnen und Einwohner – diese hat bereits stattgefunden.“
Schliesslich äusserte sich auch Peter Steiner als Geschäftsführer der KVA Thurgau zu Wort. „Fernwärme wird überall wichtiger.“ Grosse Unternehmen in der Region mit Prozesswärme in Sulgen oder Bischofszell zu versorgen, das sei alles möglich. Vertiefte Abklärungen sind laut Steiner bereits in Gang. Er spricht von der KVA der Zukunft von einer Energiezentrale und beschreibt unter anderem einen Prozess, bei dem die CO2 Ausscheidung aus dem Abgas entfernt werden und in Norwegen auf stillgelegten Gasfeldern gelagert werden könnte. Pläne, die noch weit in der Zukunft liegen, doch die KVA ist bereit, schon heute solch komplexe Prozesse anzudenken. Auch, dass es möglich wäre, dass die KVA einst Wasserstoff oder Ammoniak selbst herstellt. „Wärmepumpen und E-Autos verbrauchen immer mehr Strom. Winterlücken müssen künftig überbrückt werden. Dies funktioniert nur, wenn wir genügend Solaranlagen haben. Es ist auch die Rede vom Bau von Gaskraftwerken als Übergangslösung“, so Steiner. Und eine Sache muss er dann doch noch erwähnen: „Die KVA sieht doch echt sehr coole aus, oder?“
Gemeinden entscheiden
Im ersten Halbjahr 2023 ist die Kreditabstimmung geplant. 70 Gemeinden entscheiden über den Bau der neuen KVA. Die Kosten trägt der Verband, somit bedeutet der Bau keine Investition für die Gemeinden. Auch wird es keine Preiserhöhung wie etwa bei den Kehrichtsäcken geben. Daher sieht Steiner dem Entscheid positiv entgegen. Die Baubewilligung fällt nach dem erwarteten „Ja“ zur KVA an, Anfang 2030 ist die Betriebsaufnahme der Anlage geplant.
Im Anschluss an die Presseorientierung bekamen die Gäste die Möglichkeit, die vier Projektvorschläge anzuschauen. Das Siegerprojekt bekam dabei natürlich die grösste Aufmerksamkeit.
Desirée Müller