Stanko Gobac leitet den Ekkharthof. Desirée Müller
08.07.2021 18:42
«Die Müdigkeit fühlt sich besser an»
Stanko Gobac ist neuer Leiter des Ekkharthofes
Der ehemalige Kantilehrer und Schulleiter wurde von der Ekkharthof-Familie mit offenen Armen als neuer Institutionsleiter empfangen. Dort wo über 200 Menschen mit einer koginitven Beeinträchtigung täglich gefördern und begleitet werden, verbringt der 42-jährige aus Andwil seit einigen Monaten seine intensiven Arbeitstage.
Lengwil «Dürfen wir Ihnen Du sagen?» Stanko Gobac erinnert sich noch gut an die Fragen, als er vor einigen Monaten vor der Ekkharthof-Familie im grossen Saal stand und nach seiner kurzgehaltenen Vorstellung den Raum für Diskussionen öffnete. Es war die vierte Runde seines Bewerbungsprozesses. Interessierte Klient*innen, Mitarbeiter*innen und Mitglieder der Institutionsleitung besetzten die dreissig Stühle vor ihm. «Seitens der Klientinnen und Klienten tauchte mehrmals die Frage auf, ob sie mich duzen dürften, falls ich künftig der Institutionsleiter sein würde. So, wie die Ansprache bei meinem Vorgänger Jürg Bregenzer üblich war.» Wie in der Höhle der Löwen fühlte sich der damalige Kantilehrer und einstige Schulleiter. Aber es war ein Gefühl, das ihn nicht einschüchterte, sondern ihm noch mehr bewusst machte, wie gerne er Teil dieser Familie sein wollte. «Ich dachte mir, entweder bekomme ich die Stelle, oder ich geh in die Badi», scherzt der 42-jährige. In einem wochenlangen Auswahlverfahren bewies sich Gobac immer wieder aufs Neue und bekam schlussendlich die Zusage, kündigte seinen Job an der Kanti Kreuzlingen und sitzt nun einige Monate später an einem Donnerstagmorgen auf der Terrasse der Ekkharthof-Cantina.
Arbeiten in einer anderen Welt
Er grüsst Mitarbeiterinnen, winkt Klienten zu, bespricht sich kurz mit einem Teamkollegen und beobachtet für einen Moment das emsige Treiben. Der Ekkharthof ist ein Ort, an dem sich das Leben, die Arbeit, die Kultur und das Lernen treffen. Stanko Gobac trägt zu Hemd und feinen Hosen blau-weisse Converse-Schuhe. Ein modisches Accessoire, das stets ein guter Eisbrecher ist. Lange Zeit hatte er beim Gedanken an den Ekkharthof das Bild eines geschlossenen Organismus im Kopf. Er sehe sich als reflektierten, spirituellen Menschen, habe sich zuvor aber noch nie tiefer mit der Anthroposophie in all ihren Formen auseinandergesetzt. So kannte er seinen neuen Arbeitgeber nur aus Sicht eines Fahrgastes, der auf die grossen Gebäude blickt, wenn sein Postauto an der Station Halt macht. «Ich war gerne Lehrer und auch Schulleiter. Die Themen Migration und Inklusion interessierten mich schon immer und in den letzten Jahren kam der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung auf.» Seine Frau arbeitet in einer Einrichtung auf einer Wohngruppe für junge Erwachsene mit einer schweren Beeinträchtigung. «Bei Besuchen bekam ich jeweils einen kurzen Einblick in diese Welt, bei der es keine Zeit für hausgemachten Seich gibt. In der akademische Eitelkeiten fehl am Platz sind und man gemeinsam ein höheres Ziel verfolgt. Ich behaupte: Diese ‘Welt’ hat das Potenzial, unsere Burnout-Gesellschaft zu heilen.» Und dann entdeckte Stanko Gobac die Stellenanzeige. So wurde für die Nachfolge von Jürg Bregenzer ein neuer Vorsitzender der Institutionsleitung gesucht.
«Ich bin ja total branchenfremd und so brauchte es etwas Mut, mich zu bewerben.» Mut brauchte er in der Tat auch in den Folgewochen. Das erste Treffen fand im Regierungsgebäude in Frauenfeld statt, in einem Gebäude, das laut Gobac doch eine gewisse Gravität ausstrahlt. «Vor einigen Jahren hätte ich noch nicht die Reife für diese Position gehabt», ist er sich sicher. Und dann hat es geklappt, er bekam die Zusage und einen festen Händedruck von seinem Mentor Jürg Bregenzer, welcher ihn während zwei Monaten begleitete und in die Welt des Ekkharthofs einführte. Auf Anhieb waren die beiden ein eingespieltes Team, welches die Verbindung eines Gestern, Heute und Morgen des Ekkharthofs verkörpert.
Nur wenig ist planbar
Seither sind seine Arbeitstage lang und intensiv. Er denkt viel über Begriffe wie «normal» oder «Würde» nach, welche für ihn eine tiefere Bedeutung bekommen haben, wenn man sie aus ihrer akademischen Verkürzung befreit und im Alltag verorten kann. Bregenzer hat in den letzten Jahrzehnten vieles bewirkt, vieles ermöglicht. Die Fussstapfen sind gross. Und doch: Das Aufgabengebiet lässt sich nur schwer definieren. Jeder Tag ist anders. Ausser vielleicht Rechnungen zu quittieren, ist nur wenig planbar. Der Ekkharthof soll noch präsenter in den Köpfen – und Herzen – der Menschen werden. Sie sollen weiterhin kommen, um sich bei einem feinen Essen zu unterhalten, Kultur zu geniessen, Freunde zu treffen und sich von dem speziellen Ort inspirieren zu lassen. Der Ekkharthof soll bei jedem Einzelnen mehr als nur eine Bushaltestelle sein. Es sei ein anderes Gefühl, nach der Arbeit nach Hause zu gehen. Erfüllter vielleicht. Vielleicht auch aufwühlender. Auf jeden Fall sei es ein erhebendes Gefühl. In einem Mail an einen Freund formulierte er es so: «Die Müdigkeit fühlt sich besser an.»
Stanko Gobac trinkt sein halbgefülltes Glas Wasser aus, steht auf, bindet sich seine Converse neu und nimmt mich mit auf einen kleinen Spaziergang über das Gelände. Vorbei an der Kleintieranlage, der Gärtnerei, der Küche und der Schule. Alle strahlen, wenn sie ihren neuen Leiter sehen. Den Stanko, wie sie ihn nennen dürfen.
Desirée Müller