Judith Degen ist ein wandelndes (Un)Kräuter-Lexikon. Desirée Müller
14.04.2022 10:44
Die (Un)Kraut-Spezialistin
Ab 20. April finden Kräuter-Spaziergänge durch den Garten im Seeburgpark statt
Im Rausch-Kräutergarten gibt es ein unerwartetes Angebot an Heilkräutern. Die Kräuterfachfrau Judith Degen begleitet die Besucherinnen und Besucher an vier Führungen zwischen April und August.
Kreuzlingen «Nimm das Blatt mal in den Mund und kau drauf», sagt Judith Degen und macht es vor. «Noch fein, gell?». In der Tat. Wir sind seit einer guten Stunde im Kräutergarten im Seeburg-Park und unterhalten uns angeregt. Irgendwann sagt sie trocken: «So, mehr erzähle ich nicht, sonst wirds dir dann langweilig bei der Führung.» Immer noch Feuer und Flamme Die Sonne geht langsam unter, als wir uns treffen - fast wie ein Blinddate kommt es mir vor. Von Judith findet man nämlich nicht so einfach ein Foto im Internet. Zu Beginn schleichen wir beide etwas um die Kräuter herum, bevor unsere Blicke etwas länger als gewohnt aufeinander verharren und wir uns anlächeln. Vielleicht hat mich auch die Kamera um den Hals verraten. Sie käme grad vom Tanzen, sei etwas aufgedreht und würde ganz gerne stehen beim Interview. Die 63-Jährige hat freundliche blaue Augen, ist unglaublich direkt und hat eine erfrischende Art, die ich so nicht kannte. Ihr Wissen über Heilpflanzen, Unkraut oder Blüten ist gigantisch gross. Warum sie nicht eine Praxis eröffne, oder wenigstens eine Webseite habe, frage ich. «Ich gebe mein Wissen lieber weiter, als in einer Praxis ein Patient nach dem anderen zu beraten. » Viel lieber sind ihr spontane Begegnungen auf der Strasse, bei denen das Thema zur Sprache kommt. Oder eben die Wissensvermittlung bei ihren Kräuter-Spaziergängen- und Kochkursen, während Führungen und Seminaren. Doch keine ganztätigen mehr. «Ich kann meine Energie nicht aufteilen. Die Leidenschaft für die Pflanzen ist viel zu gross, um mich bändigen zu können und am Abend wäre ich fix und fertig.»
Die gelernte Gärtnerin sei selbst überrascht, dass sie auch nach bald 50 Jahren immer noch diese Passion verspüre. Ein Spaziergang mit ihr könne daher durchaus anstrengend für Begleiter sein. Ihr Rekord: «In drei Stunden kam ich mit einer Gruppe gerade mal 300 Meter weit», sagt sie und lacht herzlich. So viel spannendes - in den Augen mancher - «Grünzeug» säumt die Wegränder. Vor langer Zeit verliebte sie sich ins Unkraut oder Beigewächs, wie man schön sagt und gilt als Spezialistin auf diesem Gebiet. Ob Hobbygärtnerin oder Landwirt - schon so mancher kam ins Staunen, als ihnen Judith Degen erzählte, welche Wunder eben dieses Unkraut vollbringen kann und dass es durchaus eine Daseinsberechtigung hat.
Geschichten, die bleiben
Zur Wissensvermittlung kam sie Ende der 80er-Jahre wie die «Maria zum Kinde», erzählt Degen. Ihr Ex-Mann führte eine Wildstaudengärtnerei und holte Degen an Bord. Der Geschäftspartner war im WWF aktiv und fragte Judith an, ob sie nicht einen Wildpflanzenkurs anbieten möchte. «Er drückte mir ein Buch in die Hand und ich willigte ein.» Sie schüttelt lachend den Kopf. «Die Kurse kamen gut an, es lief aber auch einiges schief. Doch da ich viel mehr über Pflanzen wusste, als die Teilnehmenden, konnte ich ihnen eigentlich erzählen was ich wollte. Widerlegen konnte mir keiner meine Aussagen», sagt sie augenzwinkernd. Bei einem Weihnachtsessen des WWF traf sie auf René Strassmann, der gerade dabei war, eine Heilpflanzenschule zu eröffnen. Fünf Jahre lernte sie bei ihm und sog all die Geschichten über die Pflanzen, die schon im Mittelalter eingesetzt wurden auf. Welches eine ihrer Lieblingsgeschichten sei, frage ich. Sie überlegt kurz und schlängelt sich durch den Kräutergarten bis sie vor dem Gesuchten stehenbleibt. «Also, man erinnert sich vielleicht noch an den Geschichtsunterricht in der Schule, als das Thema Pest behandelt wurde. Die behandelnden Ärzte trugen schnabelartige Schutzhauben, in diese ein mit Engelwurzessenz getränkter Schwamm deponiert wurde. Dazu trugen sie ein Stück der Wurzel um den Hals und bissen ein Stück ab, bevor sie ins Patientenzimmer traten. Die Wirksamkeit ist heute längst erwiesen.» Sie könnte stundenlang weitererzählen und ich ihr zuhören. Wir kommen auf das Thema Schulmedizin zu sprechen. Judith Degen bekam vor vielen Jahren die Diagnose MS. «Meine Neurologin tätschelte mir kürzlich die Schulter als ich ihr erzählte, dass ich mich parallel mit Heilpflanzen behandele. Sie meinte nur mit süffisanter Stimme: «schön Frau Degen, wenn es Ihnen hilft». Die Grenze zwischen Schul- oder Alternativmedizin sei immer noch vielerorts strikt getrennt. Doch das Thema Selbstversorgung - auch bei Heilpflanzen - werde immer präsenter.
Urwald als Apotheke
Auch Pharmakonzerne investieren in die Forschung mit Heilpflanzen. Sie machen sich im Urwald auf die Suche nach Antworten und nutzen das Wissen der Stammesmitgliedern und somit den Urwald als Apotheke. An das Wissen zu gelangen ist jedoch schwierig, da die Urvölker einem Kodex unterliegen, der besagt, dass das Wissen nur an Stammesmitgliedern weitergegeben werden kann. «Mit einem Trick spielen sie die Völker gegeneinander aus. Aber mehr dazu bei der Führung», sagt Judith Degen und verabschiedet sich - genau wenns spannend wird.
Von Desirée Müller