Amcor Flexibles Kreuzlingen produziert Pharmaverpackungen und ist Teil der internationalen Verpackungsgruppe Amcor mit einem weltweiten Netz von Produktions- und Verkaufsgesellschaften.
16.11.2022 16:54
Drohende Massenentlassungen bei Amcor Kreuzlingen
Die Hiobsbotschaft wurde an einer Informationsveranstaltung letzten Freitag mitgeteilt: 70 von 418 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Amcor Flexibel Kreuzlingen AG droht die Kündigung. Das Unternehmen fährt Verluste ein. Trotz verschiedener Massnahmen sei es nicht gelungen, eine mögliche Massenentlassung abzuwenden, so das Unternehmen.
Kreuzlingen In einem Brief an die Mitarbeiter schreibt das Unternehmen, dass bis zu 70 Mitarbeitende von einer potenziellen Entlassung betroffen sein könnten, was jedoch vom Ausgang laufender Konsultationsverfahren abhänge. Ein Schock für die 418 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Amcor in Kreuzlingen. Schon ab nächsten Frühling will das Unternehmen «allfällige individuelle Kündigungen aussprechen». Als Gründe für die Massenentlassung gibt das Unternehmen an, Amcor fahre im Bereich Flexodruck Blister-Deckfolien Verluste durch einen Wettbewerbsnachteil ein. Die Fertigung der Flexodruck-Produkte sei aufgrund der eher kleinen Losgrössen sehr arbeitsintensiv. Damit ergebe sich, aufgrund der hohen Lohnkosten in der Schweiz, ein Standortnachteil für Amcor im Internationalen Wettbewerb, schreibt Amcor im Mitarbeiterbrief. Das Unternehmen habe verschiedene Massnahmen ergriffen, um den Bereich Flexodruck zu stärken, leider ohne Erfolg. Amcor plant deshalb die Fertigung von jährlich 16 Millionen Quadratmetern primär flexobedruckter Folie an andere Standorte zu transferieren. Weiter ist der Umzug von vier Schneidanlagen nach Polen geplant sowie die Stilllegung zwei veralteter Flexoanlagen. Dies würde zu einer Reduktion von Arbeitsplätzen bei Amcor führen. Im Frühjahr 2022 wurden Investitionen genehmigt, um das Geschäftsfeld im Bereich bedruckter- und unbedruckter Laminate auszubauen. Damit soll die Kapazität erweitert werden, um in diesem Bereich in den nächsten Jahren weiter wachsen zu können.
Stadtpräsident wurde persönlich informiert
Stadtpräsident Thomas Niederberger wurde gleich am Freitagabend durch CEO Paul Sefcik persönlich über die geplanten Massnahmen und die Schliessung eines Geschäftsbereichs informiert, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung. «Anschliessend habe ich umgehend den Gesamt-Stadtrat orientiert. Paul Sefcik hat mir versichert, dass ein Sozialplan für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besteht. Zudem wurde mir von Amcor zugesichert, in naher Zukunft in den Standort Kreuzlingen zu investieren, um ein neues Geschäftsfeld aufzubauen.» Der Stadtrat bedauere den Abbau von Arbeitsstellen ausserordentlich und erwartet, dass der erwähnte Sozialplan die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmöglichst unterstützt. «Der Stadtrat hofft, dass die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnellstmöglich eine neue Arbeitsstelle finden werden», sagt Thomas Niederberger.
Betroffene gleich beim RAV anmelden
Auch das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kanton Thurgau wurde von Amcor zeitnah informiert. Auf Anfrage bei Daniel Wessner, Leiter des AWA, führt dieser aus, dass es bei laufenden Verfahren keine Informationen zu konkreten Unternehmen gäbe. «Im Allgemeinen ist es so, dass bei einer Ankündigung einer möglichen Massenentlassung dem Personal oder der Personalvertretung eine Frist (Konsultationsverfahren) gewährt wird für Vorschläge, wie die Kündigungen vermieden oder deren Zahl beschränkt sowie ihre Folgen gemildert werden können.» Sei eine Massentlassung unumgänglich, sei der Ablauf so geregelt, dass das RAV und die Arbeitslosenkasse zeitnah eine Informationsveranstaltung bei der Unternehmung durchführen. Dort werden die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über das weitere Vorgehen, insbesondere über die Anmeldung beim RAV und dessen Dienstleistungen, informiert. «Sie werden auch auf die Pflicht zur Stellensuche aufmerksam gemacht», betont Wessner. Die Arbeitsvermittlung beginne in der Regel gleich nach der Information. «Aufgrund des Fachkräftemangels und der aktuell guten Lage auf dem Arbeitsmarkt bin ich zuversichtlich, dass die betroffenen Mitarbeitenden rasch eine neue Stelle finden werden», meint der Amtsleiter. In den vergangenen Jahren habe sich in solchen Situationen oft eine wahre Stellenbörse gebildet, bei der personalsuchende Betriebe direkt auf das entsprechende Unternehmen oder das zuständige RAV zugingen und ihre offenen Stellen gemeldet hätten. «Seitens RAV oder der kündigenden Unternehmung wurden viele geeignete Personen direkt vermittelt, sodass es in vielen Fällen gar nicht zu einer Arbeitslosigkeit kam», erklärt Daniel Wessner und betont: «Wer befürchtet, eine Kündigung zu erhalten, tut gut daran, sich nach einer neuen Anstellung umzuschauen.»
Die Verantwortlichen von Amcor Kreuzlingen haben auf Anfrage bisher keine Stellung bezogen.
Angelina Rabener