14.04.2022 07:48
Ein Ausflug ins Hochmittelalter
Die Neuenburg wurde im 13. und 14. Jahrhundert bewohnt
Die Südmauer der Neuenburg oberhalb Weinfeldens erstrahlt in neuem Glanz - und das Amt für Archäologie konnte während den Arbeiten Einblicke in die damalige Zeit gewinnen.
Weinfelden Die Ansprachen sind zu Ende, die Tafel enthüllt, die Gäste langsam wieder auf dem steilen Rückweg zu ihren Autos. Simone Benguerel steht etwas abseits und scheint einmal mehr die Aussicht zu geniessen. Ob sie etwas wehmütig sei, frag ich. Die Projektleiterin überlegt kurz und antwortet dann: «Eigentlich nicht, es ist immer schön, wenn wir ein Projekt abschliessen können.» Vor ihr liegt die weisse Kiste, aus der sie zuvor einige der wenigen Fundstücke im Kreis rum zeigte - gegen Wind und Regen kämpfend. Tonscherben und gläserne Pfeilspitzen wurden während den Arbeiten gefunden. Laut den Erkenntnissen des Amts für Archäologie war die Burg im Hochmittelalter im 13. und 14. Jahrhundert bewohnt und brannte um das Jahr 1500 ab. Um sich die Zeit etwas vorstellen zu können: Die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert wird auf 360 bis 443 Millionen Menschen geschätzt. Ende des 13. Jahrhunderts, genauer gesagt 129,1 gilt als Gründungsjahr der Schweizer Eidgenossenschaft. Mit dem Aufblühen des Handwerks entwickelten sich in der Zeit zahlreiche Berufe und Wohlstand machte sich mehr und mehr breit. Das Leben im Mittelalter war aber definitiv kein Zuckerschlecken, vor allem hatten die Menschen mit Krankheiten und Seuchen zu kämpfen. So wohl auch in Weinfelden.
Anspruchsvolle Arbeit
Für die Weinfelder Gäste am letzten Freitag bei der Eröffnungsfeier hat der Burgstock eine spezielle Bedeutung. Bürgerpräsident Stefan Haffter selbst sei als Jugendlicher auf den Mauern rumgeklettert. Einst Besitz der Freiherren von Bussnang, einem Ostschweizer Adligengeschlecht mit Sitz in Bussnang und Weinfelden. Zu Haffters Jugendzeiten lagen die Zeitzeugen unter Efeu, Brombeerhecken und Brennnesseln verborgen. Ob Aussichtspunkt, geheimer Treffpunkt oder Abenteuerspielplatz - die Ruine hat für jeden eine andere Bedeutung. Ein Jahr lang wurde die sichtbar gebliebene Südmauer saniert, dazu fanden archäologische Abklärungen zur Erhaltung und Baugeschichte der Anlage statt. Über 40 Meter gab es mit höchster Sorgfalt instandzusetzen. 40 Tonnen Steine, Sand und Mörtelmasse sowie Maschinen wurden per Helikopter auf den Burghügel befördert. Für den ausführenden Handwerksbetrieb war das Projekt sehr herausfordernd. Die Mitarbeitenden der Firma Stutz AG sind Spezialisten für Bauen am Denkmal. Nebst der höchst präzisen Arbeit erfolgte die Sanierung unter Verwendung von an die historische Substanz angepassten Materialien. Wenn möglich wurden dazu originale Mauersteine wiederverbaut. Die Mauer dient ebenfalls als Unterschlupf für die Tierwelt. So wurden bewusst Aussparungen für Vögel und Kleintiere gelassen.
Archäologische Untersuchungen
Die Arbeiten begannen im Winter 2020 mit der Ausforstung des Bewuchs im Bereich des Mauerabschnitts. Im April 2021 wurde der Sanierungsbereich vom Amt für Archäologie freigelegt und die Mauer dokumentiert. Die Baumeisterarbeiten begannen im Mai 2021. Feuer entdeckt Es musste mächtig gebrannt haben, so viel ist klar. Durch Sondierschnitte konnten die Archäologinnen und Archäologen während den Bauferien im August 2021 mehr zur Geschichte der Anlage ermitteln. In den Schnitten wurde der weitere Verlauf der Ringmauer sowie der Gebäudemauern auf dem Plateau dokumentiert. Brandschichten sind Zeugen eines grossen Schadfeuers, dem die Bauten zum Opfer gefallen sind. Die Sanierungsarbeiten konnten im September 2021 abgeschlossen werden. Danach wurde das Gelände wiederhergestellt, ein Rundweg um die Mauer angelegt und der Burghügel gezielt wieder aufgeforstet. Mit der Eröffnung einer Informationstafel sind die Arbeiten nun offiziell abgeschlossen.
Zur Geschichte der Neuenburg
Als «Uuipurch» wird die Anlage zu Beginn des 14. Jahrhunderts erstmals in einer schriftlichen Quelle erwähnt. Die damaligen Besitzer, die Herren von Bussnang, waren wohl auch die Erbauer der Burg. Im Zuge der Appenzellerkriege wurde die Neuenburg 1405 oder 1407 zerstört und danach nicht wiederhergestellt. Das bezeugen auch die archäologischen Funde, die mehrheitlich aus dem 13. und Die Südmauer mit Blick über die Stadt Weinfelden. mul 14. Jahrhundert stammen.
Von Desirée Müller