21.04.2022 09:57
Ein ausgezeichneter Kopf
Michael Frei ist ein Ausnahmetalent, dessen Filme auf der ganzen Welt gezeigt werden
Seine Filme werden auf der ganzen Welt gezeigt, die Games von mehreren 100 Millionen gespielt. Ein junger Mann, der überrascht. Nun wurde der Kreuzlinger Filmemacher und Gameentwickler Michael Frei mit dem persönlichen Förderbeitrag von 25'000 Franken des Kantons ausgezeichnet.
Kreuzlingen Wie kommt man auf die Idee, ein Spiel zu entwickeln, in dem man als Fliege durch die Küche düst und dafür gerade mal 82 Sekunden Zeit hat? So ganz genau weiss es Michael Frei auch nicht. Seine Ideen kommen und gehen, werden umgesetzt oder für später im Kopf behalten und das stets mit grossem Erfolg. Der Filmemacher und Gameentwickler sahnt einen Filmaward nach dem anderen ab. In Sao Paulo, Zagreb, Madrid oder Dresden holt er die Preise. Seiner Werke werden an den ganz grossen Filmfestivals gezeigt wie an der Berlinale. Und an solchen, die für uns Laien von der Distanz wie auch vom Denken her so weit weg zu sein scheinen, dass man sich fragt, wie um Gottes Willen der 34-jährige gelernte Kreuzlinger Hochbauzeichner an solche Kontakte kommt. Digital Art Festival Taipei, Korea Queer Film Festival oder Animpact Korea, China und Japan - die Liste ist ellenlang und es macht Spass, diese auf seiner Webseite runterzuscrollen.
Ausgezeichneter Künstler
Auch der Kanton Thurgau anerkennt seine Leistung, und das bereits zum zweiten Mal. Er ist einer von sechs Kunstschaffenden, die kürzlich mit einem Förderpreis von 25'000 Franken für ihr Schaffen «belohnt » wurden. Nebst Michael Frei bewarben sich 49 andere Künstler, Musikerinnen oder Tänzer für den Förderbeitrag. 2014 erhielt er schon einmal den Batzen und somit auch die Anerkennung für sein Tun. «Vieles, was ich mir damals vorgenommen habe, konnte ich in den acht Jahren umsetzen», reflektiert Frei. Und irgendwie sei er immer noch der gleiche, stellte er schmunzelnd beim Lesen der damaligen Bewerbung fest. «Nur das Foto war ein anderes », sagt er und lacht an den Gedanken daran herzlich. Für den Filmemacher, der in Zürich seine eigene Produktionsfirma «Playable» führt, kam der Bescheid überraschend. Ist aber sehr willkommen. «Dank dem finanziellen Beitrag kann ich mich intensiv den aktuellen Projekten widmen.» Eines spannender als das andere.
Mitmachen statt nur zuschauen
Frei ist der Spezialist, wenn es um interaktive Animationsfilme geht. Nicht jene, bei denen man als Zuschauer auf Knopfdruck die Handlung beeinflussen kann. Bei Michael Frei's Filmen können die Zuschauer aktiv werden, in dem sie Dinge anfassen, in die «digitale» Hand nehmen oder im Raum verstellen. Man muss es erleben, um es richtig zu verstehen. «Dass Filme an Festivals gezeigt oder Games vorgestellt werden, ist sehr wichtig, doch Reichweite schafft man langfristig übers Internet», weiss Frei. Und dort seien die Leute meist etwas ungeduldig, wollen möglichst viel in kurzer Zeit konsumieren. «Ich wollte einen Weg finden, wie ich das Publikum halten kann. Und das gelingt, in dem man es miteinbezieht.» Vor allem die Onlinespiele des Entwicklers sorgen für Aufmerksamkeit. «Es ist schon länger Trend, dass sich Gamer beim Spielen filmen und diese Videos auf Youtube laden», erklärt Frei. Und dies tun sie auch mit seinen Games mit einer überwältigenden Zuschauerschaft. 100-Millionenfach werden die Videos von Menschen aus allen Ecken der Welt angeschaut. Zahlen, die auch Frei beeindrucken. Sie zeigen ihm, dass er mit seinen Ideen den Zeitgeist trifft. Ob er die interaktiven Filme und Spiele jeweils einem Testpublikum zeige?, frage ich. Und ob! «Meine liebste Testperson ist immer noch mein Grossmami. Wenn sie es versteht, tun es ziemlich sicher die meisten anderen auch», sagt er und lächelt.
Inspirationsort Kreuzlingen
Seine Leidenschaft fordert viel Einsatz und das nicht nur beim Filmemachen oder Spieleentwickeln. Tag für Tag muss Michael Frei neue Förderer suchen, seine Filme einreichen, Bewerbungen schreiben. Ein fixes Gehalt gibt es für das Ausnahmetalent nicht. Aber das scheint absolut für ihn zu stimmen. Ein «geregeltes » Leben hätte er aber durchaus haben können. Der gebürtige Appenzeller wuchs in Altnau und Güttingen auf und absolvierte die Hochbauzeichner-Lehre in Kreuzlingen. Schnell war ihm klar, dass das Zeichnen gerader Linien nichts für ihn ist. Seine kreative Ader explodierte fast und an dem damaligen Lehrersemi konnte er seine Leidenschaft ausleben. «Ich war zwar immer nur Zaungast, aber am Semi trieben sich die kreativen Köpfe von Kreuzlingen rum.» So besuchte er öffentliche Veranstaltungen der Studenten und kam so mit Gleichgesinnten Kontakt. Mit vielen arbeitete er später zusammen, jemand schrieb zum Beispiel den Soundtrack für einen seiner Filme. «Für meine Eltern war es wichtig, dass ich die Lehre abschloss. Viel brachte sie mir zwar nicht, aber ich kann ihren Wunsch nachvollziehen. » Er wurde an der Hochschule Luzern D&K aufgenommen und machte den Bachelor in Animation an der ältesten Kunst und Designschule der Schweiz. Dort erlernte er das nötige Know-how für das Handwerk. Bevor er sich nach dem Studium selbstständig machte, war er unter anderem als «Animation Artist in Residence» in Tokyo eingeladen.
Desirée Müller