07.04.2022 09:24
Ein Besuch bei Freunden
Kuchen und Kaffee bei Fraunden beim Pfarrerehepaar Angela und Stefan Hochstrasser auf ihrer Dachterrasse
Angela und Stefan Hochstrasser wirken in der evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen als Pfarrerpaar. Sie haben so manche Geschichte aus ihrer Zeit in Guatemala auf Lager und sind so ganz anders als erwartet...
Kreuzlingen Was für ein cooles Paar! Anders kann man es nicht sagen. Angela Hochstrasser öffnet die Türe und bittet mich in das Foyer mit der hohen Decke. Kinderspielzeug säumt den Eingang und es klappert von oben aus der Küche. Wir gehen die knarzige Treppe hoch vorbei am Kinderzimmer. «Am Freitag ist jeweils Aufräumtag mit den Kindern », sagt Angela entschuldigend und lacht. Oben erwartet uns ihr Mann Stefan in Adiletten, Jeans und Kaputzenpulli mit der gewohnt strubbeligen Frisur. Ich muss automatisch schmunzeln, fragte ich mich doch zuvor, was man wohl für einen Besuch beim Kreuzlinger Pfarrerehepaar anziehen soll. Der Besuch erinnert mehr an ein Treffen mit Freunden statt einem Interviewtermin. Stefan serviert uns Frauen ein Stück Kuchen und einen Kafi. Diesen habe eine Dame für ihn gebacken, welche er am Vormittag zu Hause besucht hatte. Rein optisch bin ich überrascht über die lockere Erscheinung des Ehepaars. Schnell merke ich, dass sie auch menschlich so entspannt sind. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie die letzten Jahre in Guatemala verbracht haben, wo sie das einfache Leben erfahren und genossen haben. Sie erzählen von ihrer Zeit in Mittelamerika, was sie bewirkt haben, wo sie an ihre Grenzen kamen und das stets mit einer eindrücklichen Bescheidenheit.
Ein Typ zum Verlieben
Angela und Stefan Hochstrasser sind schon lange ein Paar und von Beginn an arbeiteten sie zusammen an Projekten. Getroffen haben sie sich an der Uni Basel. Nachdem sie nach dem Studium etwas Erfahrung in der Schweiz gesammelt hatten, reisten die beiden für sieben Jahre nach Guatemala, einem Land, das in Sachen Religion nicht verschiedener sein könnte. Die Menschen setzen ihr ganzes Vertrauen in Gott, wegen oder trotz ihrer prekären Lebensumstände. Das beeindruckte Hochstrassers sehr. Sie engagierten sich für eine Weiterbildungseinrichtung für Pastoren. Ihre offene Einstellung und die westliche Mentalität sorgten immer wieder für ordentliches Stirnrunzeln. «Im Institut arbeiteten auch andere Ehepaare. Wir merkten schnell, dass Auseinandersetzungen zwischen Mann und Frau absolut tabu sind», so Stefan. So verkneift sich die Gattin lieber einen Kommentar wenn sie nicht derselben Meinung wie ihr Mann war. «Und am nächsten Tag merkten wir jeweils, dass sie wohl doch ein ernstes Wort mit ihm gesprochen hatte», fährt Stefan weiter und lacht. Bei ihnen sei es im Gegenteil immer wieder mal zu Diskussionen gekommen. Und zwar nicht hinter verschlossenen Türen oder im trauten Heim. Nein, die beiden sind äusserst authentisch und teilen Konflikte mit ihren Mitmenschen. Eine Lebenseinstellung, die auf den einen oder anderen abfärbte. Sie reisten durchs ganze Land und unterrichteten in Schulen und Kirchen,. Sie integrierten sich vollends ins guatemaltekische Leben, assen oft Maistortillas mit Bohnen - ab und zu gab dann doch ein Zürigschnetzelts.
Plötzlich Familie
Und dann wurde aus dem Zweiergespann eine kleine Familie. Zwei aufgeweckte Mädchen fanden ein Zuhause bei den Hochstrassers. Sie adoptierten im Abstand von 1.5 Jahren die beiden Kinder und bleiben somit für immer mit Guatemala verbunden. Stefan wird etwas ruhiger und teilt dann eine Geschichte mit mir. «In den ersten Wochen, wenn sich unsere Tochter wehtat, versteckte sie sich im Schrank. Sie hatte noch kein Vertrauen zu mir. Als sie dann das erste Mal die Ärmchen nach mir ausstreckte, nach dem sie hinfiel, war es um mich geschehen », sagt der zweifache Vater. Seit 2020 ist die Familie nun zurück in der Schweiz. Für die Grössere stand der Eintritt in die Primarschule an, eine gute Gelegenheit, wieder in der Schweiz Fuss zu fassen. Angela kommt aus der Region, Stefan unverkennbar aus dem Kanton Bern. Sie beide lebten aber bereits in Weinfelden und somit war es für sie beide ein Heimkommen in den Thurgau. Ihre lebendige, humorvolle Art wird von der Gemeinde sehr geschätzt. Sie sprudeln nur so vor Ideen, gehen aber strukturiert und überlegt vor. Als ich mich verabschiede, treffe ich eine Frau vor der Tür, die zu Angela möchte. «Schreiben Sie für die Zeitung? », fragte sie mich und zeigt auf die Kamera. «Mit den Hochstrassers haben wir einen Sechser im Lotto, wissen Sie das?» Angela schmunzelt bescheiden und winkt ab. Auch wenn ich noch nie einen Gottesdienst von den beiden besucht habe, kann ich der Dame nur recht geben.
Von Desirée Müller