Der "Elefant" auf Reisen. Georg Trüb
17.02.2022 13:24
Ein Elefant in der Werkstatt
Besuch des Vereins Eurovapor in Sulgen - Nostalgie auf Schienen
Urs Giger kennt jede Schraube der alten Gotthard-Dampflok, die aktuell in der Werkstatt des Vereins Eurovapor in Sulgen für Unterhaltsarbeiten und einer Kesselprüfung steht. Die Mitglieder haben sich dem Erhalt historischer Schienenfahrzeuge verschrieben. Ein Besuch in der Remise Sulgen.
Sulgen Und da steht er also, der Elefant. Die kraftvolle Lok ist auch international als Meilenstein in der Entwicklung der Dampflokomotiven bekannt. Sie wurde eigens für den Einsatz am Gotthard als Güterzugsdampflok in 28 Exemplaren zwischen 1913 und 1917 gebaut. Vor zwanzig Jahren wurde der Elefant in Sulgen in seine grösseren Einzelteile zerlegt, um so seinen Zustand zu bestimmen. Urs Giger steht mit den Händen in den Hüften vor dem «Rüsseltier» in der Werkstatt des Vereins Eurovapor und betrachtet es mit Stolz und Respekt zugleich. «Kommen Sie mal mit hoch, hier oben kann man's besser spüren», Trotz seiner stattlichen Grösse klettert der ehrenamtliche Helfer und ehemaliger Lokführer der Appenzeller-Bahnen gar elegant über die schmalen Stufen hoch ins Führerhäuschen. Ich tue es ihm gleich, wenn auch mit weniger Leichtigkeit. Aber er hatte recht, man «fühlt» es wirklich. Den Fahrtwind, den Geschmack von Russ auf der Zunge, das rhythmische «Dadamm-dadamm, wenn die Lok über die Schienen brettert.
Teamwork gefragt
Ich strecke meinen Kopf durch das Fenster auf der rechten Seite des Elefanten-Führerstandes und stelle mir vor, ich sei Harry Potter, der auf dem Weg in die Schule im Howarts-Express ist - so sieht die nostalgische Lok nämlich aus. Das soll die ganze Aussicht sein, die der Lokführer hat - also ganz schön unübersichtlich. Daher gibt es immer einen zweiten Mann, der links aus dem Fenster lugt und dem Führer berichtet, was auf und neben den Schienen vor sich geht. Fenster ist eigentlich übertrieben, Glas gibt es nämlich keines und dementsprechend kalt kann es zumindest bei Fahrten im Winter werden. Und dann gibt es noch den Heizer, der der Lok Feuer unterm «Hintern» macht. Steht der Elefant nicht gerade in der Werkstatt, ist er immer wiedermal auf den Schweizer Schienen unterwegs. Giger verplatzt jeweils fast vor Stolz, wenn er und seine Kollegen den Zuschauern im Bahnhof zuwinken, bevor die alte Lok zum Abschied pfeift und dann langsam losrollt. Wie sie dastehen, ihre Handys hoch in die Luft gestreckt um ein gutes Bild zu schiessen. So faszinieren Dampfloks auch heute noch gross und klein.
Überraschung im Eventwagon
Die Arbeiten in der Werkstatt sind vielseitig. Für einen Laien ist es schwierig, dem Profi zu folgen. Er erzählt davon, dass die Achsschenkel nicht mehr schön seien und sie diese zur Überarbeitung an den Spezialisten übergeben müssen. Kommen die ausgegossenen Lager zurück, geht es in der Werkstatt ans «Ausschaben». Eine Sisyphus-Arbeit, bei der man einen Tag lang dran sei und abends vielleicht einen Hundertstel geschafft habe. Doch Giger liebt die Beschäftigung, seine grösste Motivation «den Karren am Laufen zu lassen». Er hofft, dass der Elefant bald wieder einsatzbereit ist. Er wolle mir Draussen noch etwas zeigen, sagt er fast etwas geheimnisvoll. Dass ich gleich das wohl kleinste Gefängnis der Welt sehe, mit dem hatte ich nicht gerechnet. Wir steigen die Stufen eines wunderschön ausgebauten Wagons mit einer langen Bar, hübschen Tischen und einer generell sehr einladenden Atmosphäre. Man könne den Wagon mieten für Feste, so Giger. Und dann öffnet er eine schmale Türe und fragt: „Was glauben Sie, für was diente früher dieser Raum?“. Vielleicht eine winzige Abstellkammer oder für die Unterbringung eines Gepäckstücks, rate ich. Nein, tatsächlich wurden Gefangene in dem klitzekleinen Räumchen transportiert. Von Aussen sind sogar noch die Gitterstäbe ersichtlich. Wir gehen noch ein wenig herum und schauen uns die anderen Gefährte auf den Abstellgleisen an. Urs Giger geht mit geradem Rücken, man merkt ihm den Stolz an. Auch die anderen Freiwilligen Helfer kommen nun zu uns und jeder hat noch eine Geschichte zu erzählen. Eine glatte Runde mit einem schönen Gedanken: Die Nostalgie auf den Schienen zu bewahren…
Desirée Müller