30.06.2022 15:20
Ein kunstvoller Waldspaziergang
Nora Sieger gibt bei einem Spaziergang durch den Wald Einblicke in ihre Masterarbeit
Entlang des Scherzinger Vitaparcours erwarten die Spaziergänger aktuell sieben Kunstwerke von der Studentin Nora Sieger. Eine kreative Masterarbeit, die bei den Dozenten zuerst Fragen aufwarf.
Münsterlingen Nora Sieger zupft liebevoll mit geneigtem Kopf einige der Sonnenblumenblätter zurecht, die mitten auf einer Lichtung einen knallgelben Vorhang bilden. Wir sind am fünften Posten von ihrem Kunstprojekt im Scherzinger Vitaparcour angelangt und liefen vorbei an Holzbrettern im Fluss, frechen Gesichtern oder einer geballten Faust aus Lehm. Die 25-Jährige ist angehende Oberstufenlehrerin und hat sich für ihre Masterarbeit etwas Spezielles einfallen lassen. Wo andere empirische Umfragen machen oder wissenschaftliche Texte analysieren, baute Nora Sieger eine mit einem Blumenband dekorierte Holztür, die in eine verwunschene Welt zu führen scheint und legte auf dem Waldboden ein fantastisches Mandala aus Naturmaterialien. Wie viele Schubkarren sie vom Parkplatz zu den Ausstellungsplätzen gestossen hat, kann sie nicht sagen, irgendwann hat sie aufgehört zu zählen. Auch die Vorbereitung war intensiv, so musste sie die Bewilligung des Forstamtes einholen und diesen die verschiedenen Vorhaben detailliert aufzeigen. «Die Vorgabe war, dass die Materialien sich im Wald integrieren und keinen «Störfaktor» bilden. Grundsätzlich würden so alle ihre Installationen irgendwann verrotten, verwelken oder zerbröseln. Doch in einer Woche wird die gebürtiger Güttingerin ihre Werke wieder abbauen.
Wald als Lehrer
Auf dem 700 Meter langen Rundgang gibt es somit die Tage vieles zu entdecken und Noras kreative Ideen liefern jede Menge Inspiration. «Der Wald hat unendliche Spielmöglichkeiten zu bieten und ist ein hervorragender Lehrer, wenn es darum geht, das Zusammenspiel der Natur zu verstehen», sagt die Studentin. Obwohl es ein ungewöhnliches Thema für eine Masterarbeit ist, überzeugte Nora die Dozenten von ihrer Idee. Denn der edukative Teil ihres Projekts ist klar gegeben. «Es ist mein Wunsch, später mit meinen Schülerinnen und Schülern solche gestalterischen Projekte im Kunstunterricht umzusetzen.» Malen und Zeichnen stellen auch heute noch ein Schwerpunkt im Fach Gestaltung im Lehrplan darf. «Es gibt viele Schüler, die keinen Zugang dazu haben und über solche Kunstprojekte, bei denen es kein richtig oder falsch gibt, bei denen weder die Perspektive noch die Farbgebung passen muss, kann man womöglich die Jugendliche abholen», ist sie überzeugt. Mit der Erschaffung ihrer Ausstellung ist es aber noch lange nicht getan. Die Arbeit umfasst nebst dem kreativen auch den wissenschaftlichen Teil, in dem Nora all ihre Überlegungen zu den einzelnen Installationen darlegt. Die meisten entstanden übrigens «freestyle» während ihrer Arbeit im Wald. «So war ich nicht eingeschränkt und konnte spontan auf die gegebenen Materialien zurückgreifen.»
Vergängliche Arbeit
Dass ihre Arbeit für Aufmerksamkeit sorgt, daran dachte Nora Sieger zu Beginn nicht. «Doch ich wurde so oft von Spaziergängern angesprochen während des Aufbaus und es sprach sich schnell herum», freut sie sich. Irgendwann ein ähnliches Projekt als Künstlerin, statt als Studentin im Wald zu lancieren, das könnte sie sich sehr gut vorstellen. Positiv überrascht Dass sie all ihre Werke bald wieder abmontiert, tut ihr im Herzen weh. «Doch es war von Anfang an so geplant, dass es ein Kunstprojekt auf Zeit ist. Wie hier», sagt sie und zeigt auf eine Lehm-Männchen, das keck die Zunge raus streckt. «Noch ein Unwetter und es zerfällt», ist sie sicher. Denn alle verwendeten Materialien sind unbehandelt. Auch die Sonnenblumen werden bald ihre Köpfe nach unten hängen lassen. Die Vergänglichkeit und der Eingriff des Menschen in die Natur ist auch ein grosses Thema der Wald-Ausstellung. Bis Ende nächster Woche ist der Kunstrundgang noch zu besichtigen. «Es freut mich so sehr, dass bisher alle Objekte heil geblieben sind. Keines wurde verstellt oder beschädigt », ist Nora Sieger fast etwas überrascht. Der Wald als Galerie ist vielleicht gar keine so schlechte Idee...
Von Desirée Müller