Ein Meister seines Fachs
Toni Pugliese ist ein Meisterschneider der alten Schule und auch mit seinen 85-Jahren immer noch ein Künstler mit Nadel und Faden. Ein Besuch beim Kreuzlinger «Modezar».
In Toni Puglieses Modegeschäft an der Bahnhofstrasse 1 gibt es aktuell einen Ausverkauf mit bis zu 50 Prozent Rabatt. Desirée Müller
Toni Pugliese ist ein Meisterschneider der alten Schule und auch mit seinen 85-Jahren immer noch ein Künstler mit Nadel und Faden. Ein Besuch beim Kreuzlinger «Modezar».
Kreuzlingen Toni Pugliese trägt einen eleganten Dreiteiler, so wie er in Italien wieder in Mode ist. «In der Schweiz kommen die Trends immer erst zwei Jahre später an», erzählt der 85-jährige Schneider während er behutsam bereits vergilbte Zeitungsartikel aus den 80er Jahren auf einem Tisch ausbreitet. Den Anzug habe seine damalige Lehrtochter für ihn genäht, sagt er stolz und zupft an einem losen Faden im Knopfloch. Für das Interview treffen wir uns in seinem Laden an der Bahnhofstrasse. Seinen Auszubildenden habe er immer beigebracht, wie man ein guter Schneider und Verkäufer ist. Denn Kleider können noch so schön sein, sie wollen aber auch an den Mann oder die Frau gebracht werden. Früher schneiderte Toni Pugliese ganze Kollektionen, heute konzentriert er sich auf den Verkauf von eigens ausgewählten Stücken aus Paris, Mailand oder den USA. Doch das Schneidern nach Mass kann er nicht sein lassen - ein Glück für seine treue Kundschaft. Er tippt auf seine Brille. Heute brauche er etwas Hilfe beim Einfädeln, doch seine ruhigen Hände und das Gespür für Stoffe, Farben und Schnitte sind ihm geblieben. «Meine Mutter hat bis sie 93 Jahre alt wahr ohne Brille genäht», sagt er. Sie wurde stolze 97 Jahre alt und stand ihrem Toni bis zum letzten Tag im Atelier zur Seite.
1961 kam der italienische Meisterschneider in die Schweiz. Ein Besuch eines Freundes in Appenzell sollte damals sein Leben verändern. Toni Pugliese erzählt, wie eine Schneiderei in Urnäsch vom Besuch des begabten Schneiders erfuhr und ihm eine Stelle anbot. Eine grosse Chance für den jungen Pugliese, die er nutzte. Ob es ihm nicht schwerfiel, seine Heimat zu verlassen, frage ich. Er überlegt eine Weile, als ob er sich zu erinnern versucht. «Die Schweiz ist seit so vielen Jahren meine Heimat», sagt er dann leise und lächelt. Er wohnte in Urnäsch in einem Hotel und arbeitete für die Schneiderei. Seine Freizeit verbrachte er aber lieber in Kreuzlingen und Konstanz, wo er gerne Tanzen ging. «Eines Tages kam die Rezeptionistin zu mir und sagte, jemand sei für mich am Telefon.» Er habe nicht schlecht gestaunt als ihm eine Schneiderei in Kreuzlingen ein Angebot machte. «Einen Franken mehr in der Stunde sollte ich bekommen.» Viel Geld zu der Zeit. Doch es ging dem Schneider weniger ums Geld sondern um den Arbeitsort. Mit Kreuzlingen habe er sich mehr verbunden gefühlt als mit dem Appenzell. Für ein Vorstellungsgespräch lud man ihn in die Schneiderei ein. «Der Chef suchte die Zugverbindung für mich raus und sagte, er sei ein grosser Mann mit Mantel, Hut und einem Stock. Ich werde ihn erkennen auf dem Bahnsteig.» Als er das Atelier besichtigte, schüttelte Toni aber den Kopf. «Modernere Maschinen müssen her.» Sonst nehme er den Job nicht an, liess er verlauten. Er überzeugte den Geschäftsmann und überreichte seinem Arbeitgeber die Kündigung. «Mein Chef in Urnäsch war ein wunderbarer Mensch und ihm kamen die Tränen, als ich ihm von meinen Plänen erzählte.» Er reiste nach Stuttgart, um neue Nähmaschinen zu kaufen und holte zwei befreundete Schneider aus Italien dazu. Schnell übernahm er die Führung des Ateliers, was ihm trotz seines jungen Alters gut lag.
Es sollte zehn Jahre dauern, bis sich Pugliese schlussendlich selbstständig machte. Das Recht besagte zu der Zeit, dass man mindestens ein Jahrzehnt in der Schweiz arbeiten muss, bis man ein eigenes Geschäft eröffnen kann. Und so erweckte Pugliese den Club Moda zum Leben, schneiderte Massanzüge und Kollektionen, reiste zweimal im Jahr nach Italien, um an Messen die neusten Trend zu entdecken. Er erzählt Geschichten, wie er für italienische und Schweizer Politiker Anzüge schneidern durfte und Modeschauen mit seinen eigenen Kollektionen veranstaltete. Es scheint, als sitzt der 30 jährige Toni vor mir. Er sprüht nur so vor Energie, wenn er von früher spricht. Ob er nebst seiner zeitintensiven Leidenschaft auch ein Familienleben pflege, frage ich nach. Er schaut mich lange an und ich erkenne, wie blau seine Augen sind. «Ich hatte eine grosse Liebe», beginnt er. «Unsere Familien wollten nicht, dass wir zusammen sind», sagt er in Erinnerungen versunken, wendet den Blick aber nicht ab. «Wissen Sie», sagt er dann, lächelt herzlich und breitet die Arme aus. «das hier ist mein Leben. Das ist meine Familie.»
Desirée Müller
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