02.12.2021 00:00
Einmal Südafrika und zurück
Harry Tschumy – In Kapstadt fand er wieder zu seiner Mitte
Vor vier Jahren wanderte Harry Tschumy nach Kapstadt aus. Sein Leben war «verrutscht» und er brauchte Abstand, erklärt er uns im Interview. Doch zusehends fehlten ihm der Bodensee und die Menschen, die ihm wichtig waren.
Lieber Harry, wer dich nicht schon damals als Generalagent in der Versicherungsbranche kennen gelernt hatte, kam um dich nicht herum als Gründervater und Präsident der Kreuzlinger JazzMeile. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?
Nur schöne und gute Erinnerungen. Die wohlwollende und unterstützende Haltung der Stadt Kreuzlingen gegenüber der Idee «JazzMeile». Das treue und dankbare Publikum, viele tolle Musiker, ua. Dani Felber, Bill Ramsey und Pepe Lienhard als Eröffnungsgast zum 10 Jahr-Jubiläum. Der Vorstand der JazzMeile, die immer einen guten Job gemacht haben. Grosses kann man nur mit einem grossartigen Team erreichen. Und nicht zuletzt, die grosse Ehre den «Prix Kreuzlingen» der Stadt Kreuzlingen verliehen zu bekommen. Das hatte mich sehr stark berührt!
Und trotzdem hast du dich an der legendären JazzMeile 2018 vom Amt als Präsident verabschiedet und bis nach Südafrika ausgewandert? Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Es hatte sich vieles kumuliert und mein Leben war verrutscht – Ich hatte eine unglaubliche Achterbahnfahrt des Lebens erfahren und brauchte Abstand. Südafrika war eine spontane Idee, da ich bereits einige Male die Städte, Stellenbosch und Kapstadt, besucht hatte.
Wie hat denn dein Umfeld auf deine Auswanderung reagiert?
Sehr unterschiedlich. Jeder Mensch hat seine eigene Sichtweise auf Menschen und Situationen. Die Meinungsbildung und Ansichten sind meistens stark subjektiv geprägt. «Leben und leben lassen» ist meine Devise.
Erzähl uns doch von deinem Leben in Südafrika? Wie und wo hast du dort gelebt, was hast du dort gearbeitet?
Ich habe in Stellenbosch, im Herzen des Weingebietes, bei einem Freund gewohnt. Das Anwesen hatte eine schöne und grosszügige Parkanlage mit einem See. Es war sehr idyllisch, ich hatte viel Ruhe und konnte sehr gut wieder meine Mitte finden. Am Anfang hatte ich sehr viel Besuch aus der Schweiz und Deutschland. Das war sehr schön und abwechslungsreich. Zu dieser Zeit war mein Job, meine Freunde durch das Kap zu Begleiten und zu führen. Wir hatten viel Spass!
Worin unterscheidet sich ein Leben in Südafrika im Vergleich zur Schweiz?
Die Sonne und ein genussvolles Leben stehen im Vordergrund. Das Leben ist von einer Leichtigkeit geprägt und doch Europäisch beeinflusst und sehr günstig. Die Südafrikaner, ob weiss oder schwarz, sind sehr nette und entgegenkommende Menschen, immer mit einem Lächeln im Gesicht. Ich habe mich immer wohlgefühlt. Die Wasserknappheit und Stromunterbrüche machten mir da mehr sorgen.
Seit einiger Zeit hast du deinen Wohnsitz wieder in die Schweiz, nach Gottlieben verlegt. Sonne, Meer und viele andere Annehmlichkeiten hast Du hinter dir gelassen. Was war der Grund, dass du Südafrika den Rücken gekehrt hast?
Die Ruhe und die Stille haben mir sehr gutgetan. Rückwirkend war es einfach ein langes Sabbatical. Ich habe mit der Zeit gespürt, dass mir der Bodensee und die Menschen, die mir wichtig waren, immer mehr fehlten. Als ich zurückkam, habe ich unsere Region mit anderen Augen gesehen. Die Bodenseegegend bietet, nebst einer wunderschönen Landschaft, eine vielfältige und abwechslungsreiche Kultur. Das ist mir stark ins Bewusstsein gerückt.
Mit harrys-weinwelt.com hast du eine neue Firma in Gottlieben gegründet und bietest neben Südafrikanischen und Europäischen Weinen unter anderem auch Wine & Dine Events an wie z.B. im Restaurant Weinberg in Ottoberg oder Pasta & Vino im Centro Kreuzlingen an. Was wurde den Gästen dort kredenzt?
Ein gutes «Wine & Dine» ist mehr wie ein Essen mit Weinbegleitung. Die Speisen nähren den Körper, der Wein inspiriert den Geist! So ist es nah, dass Speis und Trank in einer Harmonie zueinanderstehen müssen. Gemeinsam mit der Gastronomie wollen wir bei einem Wine & Dine das Beste zusammenstellen und beides abstimmen. Beide Komponenten sollen den Gästen einen hohen Genuss vermitteln verbunden mit Geselligkeit und guten Gesprächen wird der ganze Abend in seiner Gesamtheit zu einem «Magischen Moment».
«Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum», hast du Friedrich Nietzsche an deiner letzten JazzMeile 2018 zitiert. Als Mister JazzMeile müsstest du demnach doch wieder bei dem Musikevent mitmischen, oder?
Ich wurde zum Ehrenpräsidenten gewählt und bin nicht mehr aktiv dabei. Ich kann gut loslassen, möchte nicht im Weg stehen. Der jetzige Vorstand soll neue Ideen entwickeln und umsetzen können. Eckbert Bohner als Präsident und sein Team machen einen guten Job. Aber Livemusik und Events sind für mich immer noch sehr wichtig – aus diesem Grund organisiert Harrys WeinWelt auch «Wine & Music» in bestimmten Lokationen.
Und wann geht es wieder nach Kapstadt?
So Gott und Corona will, bin ich kommenden Frühling wieder für eine kurze Zeit in Südafrika!
Interview: Angelina Rabener