19.07.2023 14:20
Long Covid auf der Spur: Ein Forschungsteam der psychiatrischen Dienste Thurgau arbeitet an einer Studie über Erschöpfung und energetische Fehlsteuerung
«Es ist eine Art Kidnapping von Mitochondrien»
Woher kommt die ungewöhnlich starke Müdigkeit und Energielosigkeit bei Long Covid oder bei Depressionen? Ein Forschungsteam der psychiatrischen Dienste Thurgau um Forschungspsychologe Dr. Patrick Fissler arbeitet derzeit an einer Studie, die diesen Symptomen auf den Grund geht.
Dr. Fissler, mit Ihrem Team erforschen Sie die Grundlagen von Energielosigkeit, Erschöpfung und starker Müdigkeit wie sie bei Depression oder Long Covid vorkommen. Wie werden diese Symptome aktuell behandelt?
Die Therapie unterscheidet sich bei Depression und Long Covid. Treten Energielosigkeit oder starke Müdigkeit im Rahmen von Depressionen auf, werden Psychotherapie oder antidepressive Medikamente empfohlen. Auch körperorientierte Verfahren wie Bewegungs- und Sporttherapie, Yoga und Achtsamkeit kommen ergänzend zum Einsatz. Eine Steigerung von Aktivitäten, die für den Patienten angenehm oder bedeutsam sind, ist möglicherweise das einfachste Mittel. Andere Therapie-Bausteine erfordern ein starkes Einfühlungsvermögen des Therapeuten und eine sehr genaue Analyse der Ursachen der Depression, die dann bearbeitet werden. Bei Long Covid wird die starke Müdigkeit und Energielosigkeit anders behandelt. Wirksame Medikamente gibt es leider derzeit keine und man weiss sehr wenig darüber, was Betroffenen hilft. Das Pacing, langsames Steigern von Aktivitäten bei Vermeidung von Überbelastung, ist möglicherweise die bisher einzige wirksame Methode. Beim Pacing sollen die körperlichen und geistigen Belastungsgrenzen streng beachtet werden. Aktivitäten sollen unter stetiger Kontrolle nur Schritt für Schritt gesteigert werden.
In Bezug auf neue Therapieansätze ist ein besseres Verständnis dieser Müdigkeitserscheinungen demnach von besonderer Bedeutung. Was haben Sie diesbezüglich bisher erforscht?
Genau. Wir erforschen unter anderem, ob eine Störung der sogenannten «Mitochondrien» eine Ursache für die Energielosigkeit und starke Müdigkeit ist. Mitochondrien sind winzige Gebilde innerhalb einer Zelle und wichtige Energielieferanten, die 90% unserer benötigten Körperenergie produzieren. Sie sind daher für unseren Körper überlebenswichtig und für unsere Gesundheit zentral. Sie können sich die Mitochondrien als kleine, sich bewegende Kraftwerke vorstellen. Sie erzeugen die Energie – also den Kraftstoff Adenosintriphosphat – den jede Körperzelle braucht, damit sie funktionieren kann. Sie haben - zusätzlich zu unserer normalen DNA im Zellkern - eine ganz eigene DNA. Besonders häufig kommen Mitochondrien in Nervenzellen des Gehirns oder auch im Herzmuskel vor. Also in Zellen, die viel Energie benötigen. Diese kleinen Energiekraftwerke bewegen sich nicht nur innerhalb jeder Zelle, sondern gelangen auch über eine Art Kanal von einer Körperzelle in eine andere. Sie bilden auf diese Weise ein Netzwerk, das sich ständig je nach Energiebedarf der Zellen verändert. Die Mitochondrien wandern genau dorthin, wo der Körper gerade Energie benötigt. Wir haben ganz aktuell in einer Überblicksarbeit gezeigt, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Störungen der Mitochondrien in verschiedenen Körperzellen und ungewöhnlich starker Müdigkeit und Energielosigkeit gibt. Aktuell und noch bis Ende September dieses Jahres führen wir in diesem Bereich noch eine weitere Studie in Münsterlingen durch. Unter anderem wollen wir herausfinden, wie die Funktionsfähigkeit von Mitochondrien im Gehirn mit Energielosigkeit zusammenhängt. (Infos dazu im Kasten)
Was versteht man eigentlich unter Müdigkeit und Energielosigkeit genau?
Um die einheitliche Bedeutung der Begriffe gab es bisher viel Verwirrung. Wir haben daher eine neue, möglichst klare und in Zahlen messbare Definition für die beiden Empfindungen entwickelt. Die Empfindung von Müdigkeit ist das Bedürfnis sich auszuruhen und eine Pause einzulegen. Die Empfindung von Energie ist die persönliche Wahrnehmung darüber, wie viel Energieressourcen noch zur Verfügung stehen, um eine Aktivität auszuführen. Wichtig ist es, jetzt noch zwei Dinge zu bestimmen: Wie lange dauern diese Empfindungen und in welchen energetischen Bereichen hat man sie. Geht es also z.B. um die Müdigkeit im jetzigen Moment oder die Müdigkeit, die ich über Wochen hinweg spüre oder eine Müdigkeit, die bereits Teil meiner Persönlichkeit geworden ist. Zudem werden fünf energetische Bereiche unterteilt: körperliche Energie, Denkenergie, emotionale Energie, soziale Energie und sexuelle Energie. Die körperliche Energielosigkeit kann so weit gehen, dass man das Gefühl hat überhaupt keine Kraft zur Verfügung zu haben, sich zu bewegen.
Und wie messen Sie die Müdigkeit und die Mitochondrien, diese Kraftwerke der Zellen?
Symptome von Müdigkeit und Energielosigkeit messen wir unter anderem mit einem von uns neu entwickelten Fragebogen, dem «Energy Grid», der nur 1 Minute dauert. Das Besondere ist: Wir benutzen nicht nur Sprache wie bei den meisten Fragebögen, sondern auch Bilder. Das Ausmass der Müdigkeit und Wachheit wird zum Beispiel über Gesichter mit unterschiedlich weit geöffneten Augen dargestellt. Die Energielosigkeit und Energiegeladenheit wird durch eine unterschiedlich stark geladene Batterie abgebildet. Der Teilnehmer wählt dann aus, welche Darstellung am besten zu ihm passt. Durch die Bilder wird die Benutzerfreundlichkeit erhöht und Patienten verstehen besser, was mit der Frage gemeint ist. Weil der Test so schnell geht, können wir ihn mehrfach an verschiedenen Tagen durchführen. Die Mitochondrien im Gehirn messen wir mit einer neuen Technik. Noch vor ein paar Jahren hat man Zellen aus dem Körper entnehmen müssen, um die Mitochondrien zu messen. Man hat zum Beispiel Blutzellen nach einer Blutentnahme untersucht. Ans Gehirn kam man deshalb gar nicht erst heran. Heute haben wir ein Gerät, das mittels Licht die Aktivität der kleinen Kraftwerke messen kann.
Also keine Magneten wie beim MRT oder gefährliche Strahlung wie beim Röntgen?
Ja, genau. Nur Licht wird verwendet. So können wir nun auch die Mitochondrien im Gehirn sehr leicht messen. Diese neuen Messungen von Müdigkeit und Mitochondrien sind entscheidend, um neue Therapieansätze und ein besseres Verständnis der Störungen zu entwickeln.
Und wie weiss man, ob die Müdigkeit Long Covid oder einer Depression geschuldet ist - oder weil man z.B. aus einem anderen Grund längere Zeit nicht gut oder zu wenig lange schläft?
Zunächst einmal muss man sagen, dass das gar nicht so leicht ist und das letztendlich Ärzte an Hand vieler Informationen einordnen. Ein paar wichtige Hinweise kann ich Ihnen aber nennen: Die Müdigkeit bei Long Covid und Depression ist oft deutlich stärker ausgeprägt als zum Beispiel nach einem zu kurzen Schlaf. Zudem dauert es oft deutlich länger, um wieder zu Kräften zu kommen. Das heisst, auch wenn Sie gut geschlafen haben, fühlen Sie sich dann oft auch noch erschöpft und müde. Zudem kann man bei Long Covid natürlich den zeitlichen Zusammenhang mit der Virusinfektion als Hinweis nutzen. Wenn die Müdigkeit und Energielosigkeit im Rahmen einer Depression besteht, liegen auch noch andere Symptome und Beschwerden vor. Zum Beispiel Schwermut und Niedergeschlagenheit oder der Verlust von Freude und Interesse.
Wenn Mitochondrien eine grosse Rolle bei Müdigkeit spielen, kann es dann sein, dass Schlaflosigkeit oder Depressionen genetisch bedingt sind, also vererbt werden können?
Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Wir wissen zwar, dass Störungen der Mitochondrien bei starker Müdigkeit oft eine Rolle spielen und die mitochondriale Funktionsfähigkeit durch Gene mitbestimmt wird. Das heisst jedoch nicht, dass die Ursache für Störungen nur in den Genen liegt und wir daher selber nichts tun können oder machtlos sind. Das wäre eine falsche Schlussfolgerung, die kontraproduktiv wäre. Alles was wir tun, denken und spüren spiegelt sich im Körper wieder. Körper und Geist sind sozusagen zwei Seiten einer Medaille oder eine Art Spiegel. Wir wissen: Psychotherapie verändert den Körper und medikamentöse Therapie verändert den Geist. Erfahrungen, wie andauernde Stressbelastung stellen eine Ursache für mitochondriale Störungen dar. Beispielsweise führt Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit zu Störungen der Mitochondrien. Auch eine Heilung der Mitochondrien kann wahrscheinlich sowohl durch Medikamente als auch durch Psychotherapie oder deren Kombination entstehen. In sehr, sehr seltenen Fälle sind mitochondriale Erkrankungen aber auch rein genetisch bedingt. Dann kommt es sehr häufig auch zu starker Müdigkeit, die vollkommen vererbt ist.
Was spielen die Mitochondrien bei einer Long Covid Erkrankung für eine Rolle? Warum klagen die Menschen hierbei über Erschöpfung und Energielosigkeit?
Der Corona-Virus «entführt» sozusagen die Mitochondrien des infizierten Menschen. Es ist eine Art Kidnapping von Mitochondrien, die der Virus dann für sich nutzt. Der Virus selbst hat nämlich keine eigenen Mitochondrien und muss daher die Energie vom Infizierten anzapfen, um zu überleben und sich zu vermehren. Wir wissen, dass nach einer Corona-Virus-Infektion die Mitochondrien oft gestört sein können und weniger effektiv arbeiten. Das könnte sich dann in einer andauernden, starken Müdigkeit von Long Covid-Patienten widerspiegeln.
Länger bekannt ist, dass der Serotoninspiegel eine wichtige Rolle bei der Erkrankung von Depressionen oder auch bei einem Burnout spielt. Forschen Sie auch in diese Richtung?
Ja. Wir haben in einer aktuellen Überblicksarbeit gezeigt, dass Serotonin für das Empfinden von Müdigkeit und für die Mitochondrien bedeutsam ist. Serotonin aktiviert viele verschiedene Serotonin-Rezeptoren. Einige dieser Rezeptoren, zum Beispiel sogenannte Serotonin 2A, 2C und 1A-Rezeptoren, sind für die Bildung neuer Mitochondrien verantwortlich und können auch die Effektivität dieser Kraftwerke erhöhen, wenn sie aktiviert werden. Weiterhin unterstützt die Aktivierung dieser Rezeptoren die Wanderung der Mitochondrien durch die Zelle. So können sie schneller an den Ort kommen, wo sie gebraucht werden.
Was wären aufgrund Ihrer Forschungsergebnisse mögliche, neue Therapieansätze bei Energielosigkeit oder Müdigkeit durch Long Covid oder Depressionen?
Wirkstoffe, die diese sehr bestimmten Serotonin-Rezeptoren aktivieren, könnten die mitochondriale Effizienz verbessern und zur Bildung von mehr Mitochondrien führen. Das könnte sich in einer Linderung von Müdigkeitssymptomen widerspiegeln. Das ist bisher jedoch nur bei Tieren gezeigt und beim Menschen daher noch spekulativ. Bis die Forschungsgemeinschaft das beweisen kann, werden noch viele Jahre vergehen. Falls diese Wirkstoffe effektiv sind, sollten sie wahrscheinlich für die beste Wirksamkeit kombiniert mit Psychotherapie oder anderen verhaltensbasierten Methoden wie dem oben genannten Pacing eingesetzt werden. Heute kann man auch schon etwas für seine Mitochondrien tun. Wir wissen, dass körperliche Aktivitäten nicht nur Energiegefühle erhöhen, sondern auch die Funktion von Mitochondrien verbessern.
Interview: Angelina Rabener
Long Covid auf der Spur
Konzentrationsschwierigkeiten und Erschöpfung sind wesentliche Symptome bei Long Covid oder Depressionen. Betroffene fallen teils komplett aus dem Alltag und ihrer Arbeit aus. Ein Forschungsteam der psychiatrischen Dienste Thurgau arbeitet derzeit an neuen Therapieansätzen. Mitochondrien spielen dabei eine wichtige Rolle.
Schweizweit leiden Tausende von Menschen an Long Covid Symptomen – wie viele genau es sind, ist nicht erfasst. Beim Bundesamt für Sozialversicherungen sind seit 2021 über 4000 Personen mit Long Covid in der IV angemeldet. Wirksame Medikamente gibt es keine. Beunruhigende Nachrichten für Betroffene – aber auch für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Forschungspsychologe Dr. Patrick Fissler und sein Team sind den Gründen der Erschöpfung und energetischer Fehlsteuerungen auf der Spur, um eine Verbesserung der Therapiemöglichkeiten zu erreichen.
rab
Mitochondrien als Energielieferanten
Mitochondrien haben mehrere Aufgaben in unserem Körper. Daher kommen sie in allen Zellen, ausser in den roten Blutkörperchen, vor. Die wichtigste Aufgabe ist die Produktion von Energie. Diese wird durch die Mitochondrien in Form von Adenosintriphosphat bereitgestellt. Die Produktion von ATP verläuft zum grössten Teil über die Atmungskette. Durch diese wird Energie aus der Nahrung für den Körper nutzbar gemacht. Die Kette besteht aus Enzymen, welche sich in der inneren Mitochondrienmembran befinden. Der Atmungskette gehen zwei Schritte der Zellatmung voraus: die Glykolyse, in welcher Glukose gespalten wird und der Citratzyklus. Bei beiden Schritten wird ebenfalls ATP freigesetzt, jedoch nicht so viel wie bei der Atmungskette. Das bei dem Prozess entstehende ATP versorgt den gesamten Körper mit Energie.
Wollen Sie an der Studie teilnehmen?
Wir suchen noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die an dieser Studie teilnehmen möchten. Alle Erwachsenen mit guten Deutschkenntnissen können mitmachen. Schreiben Sie gerne eine E-Mail an folgende Adresse: ideen-studie@stgag.ch. Die Studie dauert 4 Stunden und Teilnehmer erhalten 30 CHF Aufwandsentschädigung.