20.06.2022 08:26
«Es ist zu viel des Guten»
Alterszentrum Bottighofen macht Sorgen
Der Standort Bottighofen der Genossenschaft Alterszentrum ist ein Sorgenkind. Jährlich muss die Gemeinde die Defizite der Institution begleichen. 2021 waren es 181'000 Franken, die der Steuerzahler schlussendlich trägt. Ewig könne es laut Gemeindepräsident Matthias Hofmann so nicht weitergehen.¶
Kreuzlingen «Wir haben nie gesagt, dass der Standort in Bottighofen ein gutes Geschäft wird, ganz im Gegenteil, wir haben die Gemeinde davor gewarnt», so die Worte von Urs Haubensak, Präsident der Genossenschaft Alterszentrum Kreuzlingen (AZK). Die Idee sei wörtlich «nicht auf ihrem Mist gewachsen». «Wir hätten von uns aus nie so eine kleine Niederlassung gegründet». Der Betreuungsschlüssel sei proportional gesehen bei kleinen Institutionen nicht wirtschaftlich. Bottighofen begleicht Defizit Urs Haubensak lag richtig mit seiner Befürchtung: Das Konzept funktioniert nicht in Bottighofen. Auch wenn laut Finanzchef Alexander Salzmann fast alle Wohnungen vermietet sind, geht der Plan zumindest finanziell nicht auf. 181‘000 Franken Defizit musste das 2018 eröffnete Alterszentrum in Bottighofen letztes Jahr verzeichnen. «Doch die AZK als Betreiberin ist dank der Defizitgarantie der Gemeinde Bottighofen nicht von den roten Zahlen betroffen», ist Haubensak froh. Die Rechnung auf dem Tisch von Gemeindepräsident Matthias Hofmann ist demnach deftig. «Das erste Jahr hat bereits ein Defizit von 500‘000 Franken verursacht - noch verständlich, aller Anfang ist schwer. Danach kamen zwei Jahre, wo wir eine schwarze Null geschrieben haben. Und nun die 188‘000 Franken. Eine derartige Institution kann nicht mit grossem Gewinn bewirtschaftet werden», ist sich Hofmann bewusst. Wenige Plätze, Fluktuation durch Todesfälle und vor allem die Abhängigkeit von der Pflegestufe der Klienten seien die Herausforderungen. «Deshalb ist es für uns nicht überraschend, dass es zu einem Defizit kommt - nur die Höhe ist auf Dauer klar zu viel des Guten und so nicht finanzierbar.» Weiter hätte man seines Erachtens keine ungedeckelte Defizitgarantie abgeben dürfen. «Es stellt sich für uns tatsächlich die Frage, wie weiter mit den hohen Defiziten umgehen, zumal kaum Bottighofer im Alterszentrum sind. Zu Deutsch: wir als Gemeinde subventionieren eigentlich Auswärtige, was wohl kaum Sinn der Sache sein kann.»
Harte Worte von Matthias Hofmann, Urs Haubensak bringt ihm Verständnis entgegen. «Er war noch nicht im Amt, als der 25-Jahres-Vertrag mit der Gemeinde abgeschlossen wurde», nimmt er ihn in Schutz. «Ohne Defizitgarantie hätten wir die Vereinbarung aber nicht eingehen können. Wir haben Bottighofen gewarnt, aber da sie nun mal nicht die ärmste Gemeinde ist, haben wir zugestimmt.» Erste Überlegungen für die Behebung der Problematik seien bereits in Abklärung, teilt Hofmann mit. Von dem weiss Haubensak aber nichts. Viel Spielraum bleibt der Gemeinde bei dem Vertrag auch nicht. «Man kann über alles mit uns reden», so der AKZ-Präsident. Natürlich sei es auch nicht ihn seinem Interesse, dass der Standort Bottighofen ein Vierteljahrhundert als Geldschluckmaschine betrieben wird. «Wenn die Bottighofer irgendwann der Meinung ist, dass sie etwas Neues möchten, sind wir für ein Gespräch bereit. Doch über die Übernahme der Defizitgarantie reden wir nicht.» Die Hoffnung liegt nun im Kafi Bergli, welches während der Pandemie natürlich viel weniger Einnahmen als kalkuliert verzeichnen konnte. «Ich denke nicht, dass das Defizit in dieser Höhe bleiben wird. Die Idee unsererseits wäre es, dass das Defizit unter 100‘000 Franken gehalten werden kann.»
Viele wollen nach Kreuzlingen
Die Frage stellt sich, warum die Bottighofer Einwohnerinnen und Einwohner lieber nach Kreuzlingen möchten, statt an ihrem Wohnort alt zu werden. «Ich kann es mir nicht erklären. Bei den Eintrittsgesprächen zeigen wir den potenziellen Klientinnen und Klienten stets beide Möglichkeiten auf. Warum sich die meisten für Kreuzlingen entscheiden, ist schwierig zu beurteilen.» Denn schön sei es durchaus im Nachbardorf, findet Urs Haubensak. Vielleicht sei es die zentrale Lage. «Allenfalls haben viele Bottighofer zuvor in Kreuzlingen gelebt und möchten im Alter wieder zurück - ich weiss es wirklich nicht. Unsere Klientinnen und Klienten haben jedenfalls immer die freie Wahl», betont er.
Von Desirée Müller