Der Stadtrat sieht eine Gratis-Nutzung des Stadtbusses aus verschiedensten Gründen kritisch. zVg
09.06.2022 05:00
«Freie Fahrt» mit Problemen
Die CVP-Gemeinderatsgruppe fordert die Prüfung eines Gratis-Stadtbusbetriebs
Im November 2021 reichte die CVP-Gemeinderatsgruppe ein Postulat ein, welches den Stadtrat auffordert, die «Freie Fahrt mit dem Stadtbus» zu prüfen. Dieser sieht das Anliegen allerdings kritisch und spricht von einem falschen Anreiz.
Kreuzlingen Das CVP-Postulat fordert die Prüfung, ob die Nutzung des Stadtbusses, eventuell inklusive «Roter Arnold» und Postauto, auf dem Stadtgebiet von Kreuzlingen gratis angeboten werden kann. Die Kosten, so der Vorschlag, sollen durch die Spezialfinanzierung Parkierungsanlagen abgedeckt werden. Bei einem positiven Prüfergebnis solle eine Versuchsphase von mindestens zwei Jahren zur Auswirkung der Massnahmen durchgeführt werden.
Überkonsum an Mobilität
«Das Kernanliegen, mit einem Anreizsystem den Umstieg vom motorisierten Individualverkehr auf den öffentlichen Verkehr zu fördern, wird vom Stadtrat begrüsst», antwortet dieser auf das Postulat. Allerdings spricht der Stadtrat von einem «zurzeit falschen Anreiz und aufgrund der vorhandenen Rahmenbedingungen kaum umsetzbar». Die Gratisnutzung des Stadtbusses könne zu einem Überkonsum an Mobilität führen, schreibt der Stadtrat. «Die Folgen wären überfüllte Busse, was einen beachtlichen Ausbau der Fahrzeugflotte zur Folge haben würde, zudem könnten die Fahrpläne nicht eingehalten werden».
Der Stadtrat verweist in seiner Antwort auf einen dreimonatigen Versuch, als der Stadtbus für Schülerinnen und Schüler gratis war. «Insbesondere am Morgen bei Schulbeginn waren die Busse überfüllt, dadurch fanden Pendlerinnen und Pendler sowie auf den Stadtbus angewiesene, ältere Personen keinen Platz mehr». Die Abteilung öffentlicher Verkehr des Kantons Thurgau sowie der Tarifverbund Ostwind sähen das Gratisangebot des Stadtbusses oder der Tarifzone Kreuzlingen ebenfalls kritisch.
Austritt aus Tarifverbund
«Eine kostenlose Benutzung von einzelnen Transportunternehmeninnerhalb einer Zone ist nicht möglich», hält der Stadtrat fest. Dies müsse auch für Postauto, SBB und Thurbo gelten. Für die Berechnung der Subventionen müssten somit alle verkauften Ticket der Zone 256 berücksichtigt werden. Infolgedessen wäre eine Entschädigung an den Tarifverbund bedeutend höher. Wenn aus politischer Sicht eine Gratisnutzung gewünscht werde, «hätte dies faktisch den Austritt aus dem Tarifverbund Ostwind zur Folge», so der Stadtrat in seiner Antwort.
Auf dem Liniennetz der Stadt entstünde eine Ungleichbehandlung. «Im Stadtbus wäre kein Ticket erforderlich, auf den Postautolinien und im Roten Arnold jedoch müsste eines gelöst werden». Ein kostenloser ÖV bedeute nicht unbedingt mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Alle Gratis-ÖV-Versuche im Ausland zeigten, dass es nicht per se zu einer Verlagerung Individualverkehr zum ÖV gekommen sei. «Stattdessen besteht die Gefahr, dass in erster Linie die Gesamtmobilität erhöht wird und es zu einer Verlagerung vom Fuss- und Veloverkehr zum ÖV kommt».
Für geplante Elektrifizierung
Die Stadt fördere den ÖV im Vergleich mit anderen Städten im Tarifverbund Ostschweiz bereits relativ stark durch subventionierte Einzelfahrscheine, subventionierte Abonnemente der Regio Kreuzlingen und die gegenseitige Anerkennung der Fahrausweise von Kreuzlingen und Konstanz seit dem 1. Januar 2022. Die weitere Förderung unterstütze der Stadtrat, er sei jedoch der Meinung, dass eine Gratis-Nutzung der falsche Weg sei. «Der ÖV soll durch bessere Verbindungen, erleichtertes Umsteigen, Priorisierung an Verkehrsknoten, Busspuren oder weiteren Subventionen von Fahrpreisen attraktiver werden.
«Um eine wirkungsvolle Verbesserung der Klimasituation zu erreichen, könnten die Gelder aus der Spezialfinanzierung Parkierungsanlagen für die geplante Elektrifizierung der Stadtbusflotte sowie den Ausbau der Infrastruktur der Haltestellen verwendet werden», schlägt der Stadtrat vor. Durch eine solche Investition könnten alle Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt profitieren, auch diejenigen, welche den Stadtbus nicht nutzten und bereits vorwiegend zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs seien.
Von Kurt Peter