"Früher standen sie Schlange"
Männerchor Liederkranz Ottenberg
Der Liederkranz Ottenberg ist nun der letzte Männerchor in Weinfelden. Mit einem neuen Repertoire wollen die Sänger nun jüngere Stimmen für sich gewinnen. Was nicht ganz einfach ist...
Männerchor Ottenberg
Der Liederkranz Ottenberg ist nun der letzte Männerchor in Weinfelden. Mit einem neuen Repertoire wollen die Sänger nun jüngere Stimmen für sich gewinnen. Was nicht ganz einfach ist...
Weinfelden «Das waren noch Zeiten, als man nicht einfach so dem Liederkranz beitreten konnte», erzählt Robert Fischer und lacht in schönen Erinnerungen schwelgend. Er selbst wurde zum Vorsingen in den Trauben eingeladen. «50 Mann standen um mich herum und hörten mir beim Probesingen zu.» Nervös sei er nicht gewesen, aber doch dankbar, als er dann aufgenommen wurde. Man kennt ihn, den seit 1880 bestehenden Liederkranz am Ottenberg. «Der Liederkranz hatte immer schon einen besonderen Klang», schwärmt der passionierte Sänger. Ihr Thurgauer Lied wird nicht selten in der Musikwelle gespielt. Am Schweizerischen Chorwettbewerb holten sie sich sogar den ersten Platz. «Solche Erfolge sind gefährlich», sagt Fischer und wird später erzählen, warum nach dem Sieg 1995 die Anzahl Sänger schnell auf unter 30 sank.
Heute zeigt sich ein ganz anderes Bild als in den Hochzeiten des Vereins. Eine gross angelegte Werbeaktion Ende letzten Jahres brachte den Sängern gerade mal zwei Interessenten in den Verein. Sogenannte Schnuppersänger, doch es schaue gut aus, dass sie diese für sich gewinnen können, so Fischer. Für den Präsidenten und seine Sängerkollegen ein Erfolg, man werde mit der Zeit bescheiden. Fünf Männcherchöre waren es bis vor nicht allzu langer Zeit noch in Weinfelden. Dem letzten machte die Pandemie den Garaus. Doch auch der Liederkranz, der sich nun noch als einziger reiner Männerchor über Wasser hält, verzeichnete Abgänge. «Singen mit der Maske war für einige nicht möglich oder keine Option. Und in der Pause merkte der eine oder andere, dass es auch ganz schön sein kann, ohne Verpflichtung einem Verein gegenüber.» Fünf Mitglieder verloren sie dadurch. Ein Thema, dass nicht nur den Chören zu schaffen macht. Immer weniger wollen sich heute noch in einem Verein engagieren, das ist bekannt. Doch der Liederkranz weiss mit Herausforderungen umzugehen. So erholte er sich auch nach einem «Massenabgang » vor 30 Jahren.
«Im Vorfeld des Schweizerischen Chorwettbewerbs waren die Proben intensiv und forderten uns alle sehr.» Auf so einiges musste in der Zeit verzichtet werden. «Obwohl die Freude über den Sieg sehr gross war, so wurde uns der Erfolg zum Verhängnis. Viele der Sänger traten aus dem Verein aus, da ihnen das Niveau zu hoch wurde.» Vielleicht ist ein Männerchor aber einfach auch nur ein Auslaufmodell? «Nein», sagt Roland Fischer. Zumindest will er es nicht so weit kommen lassen. Ein Weg raus aus der Krise sieht er in der Liederwahl.
Sie haben all die grossen Klassiker aus der Männerchorwelt gesungen. Doch aktuell stehen auch Songs der «Prinzen» in ihren Singbüchern und internationale Stücke. Schwedisch, englisch, ukrainisch. Der Liederkranz wird international und somit auch attraktiver für jüngere Sänger. Wobei jünger ein relativer Begriff ist in der Männerchor-Welt. Wer noch nicht in der Pension ist, gilt gar als Jungspund. Im Frühling 2024 möchte der Liederkranz eine «Europatournée » starten - wenn auch stationär in Weinfelden, doch mit einem bunten Repertoire. Jedoch auch das wurde einem Sänger zum Verhängnis. «Die fremdsprachigen Texte waren einfach zu viel für ihn und er verlies den Verein.» Der Präsident zeigt grosses Verständnis, doch neue Wege einzuschlagen sieht er als unabdingbar. So auch in der Preispolitik. Der einstige Jahresbeitrag von 200 Franken wurde auf 50 Franken reduziert. So, dass sich jeder das Hobby leisten könne. Es bleibt zu hoffen, dass sich der letzte Weinfelder Männerchor halten kann und für seinen neuen Ansatz belohnt wird.
Von Desirée Müller
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