Fürchtet euch nicht!
Edwin Stier, Pastoralraum Pfarrer der Katholischen Kirche Regio Kreuzlingen über die Freude, die mit Jesus kommt und die uns Kraft gibt inmitten einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint.
«Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt...» Symbolbild
Edwin Stier, Pastoralraum Pfarrer der Katholischen Kirche Regio Kreuzlingen über die Freude, die mit Jesus kommt und die uns Kraft gibt inmitten einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint.
Ich verkünde euch eine grosse Freude, die dem ganzen Volk zu teil wer-den soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll Euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt (Lk 2,10-12).
Mit Jesus Christus kommt immer - und immer wieder - die Freude. Wer sich dafür entscheidet, sich von Jesus Christus retten zu lassen, verspürt diese Freude ein Leben lang immer tiefer. Inmitten einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, nimmt sie einem nicht etwa die Sorge für das Leid, das Menschen tragen. Aber sie befreit von der Angst. Sie richtet mich immer wieder auf, gibt mir neue Kraft, gegen das Unrecht anzukämpfen und bewahrt mich vor der Resignation, dass Leid und Tod das letzte Wort haben.
Während meiner Studienzeit in Mexico habe ich von den Befreiungstheologen den Begriff «Jesu Christo Liberador» kennengelernt: Jesus Christus, der Befreier. Dieser wird vom Vater im Himmel in die Welt gesandt, nicht etwa als Belohnung, weil wir so brav sind. Er kommt, um uns zu erretten, aus Sünde, Leid und Tod. Allein schon die Tatsache, dass der Sohn Gottes nicht etwa in der Hauptstadt Jerusalem im Königspalast auf die Welt kommt, sondern in der Armut eines Stalles einfacher Hirten, hat für die Kirche programmatischen Charakter. Natürlich sehnen wir uns alle an Weihnachten nach Idylle und Frieden.
Aber schauen wir uns doch kurz einen zeitgenössischen Bericht des antiken Historikers Laktanz über die konkreten Umstände des Zensus, der Volkszählung in Bethlehem zur Zeit der Geburt Jesu, an: Die Zensoren der Römer erschienen allerorts und brachten alles in Aufruhr. Die Äcker wurden Scholle für Scholle vermessen, jeder Weinstock und Obstbaum wurde gezählt, jedes Stück Vieh wurde registriert. In den vormals autonomen Städten (wie z.B. Bethlehem, der Stadt Davids) wurde die städtische und die ländliche Bevölkerung zusammengetrieben, alle Marktplätze waren verstopft von herdenweise aufmarschierenden Familien, überall hörte man die Schreie derer, die mit Foltern und Stockschlägen verhört wurden. Man spielte die Söhne gegen die Väter aus, die Frauen gegen die Ehemänner. Man folterte die Steuerpflichtigen, bis sie gegen sich selber aussagten, und wenn der Schmerz gesiegt hatte, schrieb man steuerpflichtigen Besitz auf, der gar nicht existierte (De mortibus persecutorum 23,1 ff.).
In seiner Menschwerdung steigt Jesus ein ins Elend der Welt. Deshalb steht und fällt die Kirche mit der echten Nachfolge Jesu. In der Hingabe aller Getauften an ihn und an die Menschen. Der menschgewordene Sohn Gottes vermag uns ganzheitlich zu befreien. Aus der Gefahr der krankhaften Suche nach immer mehr oberflächlichen Vergnügen, aus der individualistischen Traurigkeit, die aus einem bequemen Herzen hervorgeht. Er führt mich heraus aus einer «abgeschotteten Geisteshaltung». Er allein vermag auch die Zertretenen und zugrunde gegangenen Menschen zu retten. Brauchen wir uns zu wundern, dass aktuell in vielen Teilen der Welt der christliche Glaube regelrecht boomt, nachdem sich die Bischöfe und Pfarreiangehörigen Lateinamerikas, Afrikas, Südostasiens und Ozeaniens die «Option für die Armen und Leidenden» zur persönlichen Herzenssache gemacht haben?
Wir als Seelsorgeteam der Regio Kreuzlingen, zusammen mit den Kirchgemeinderäten und allen Mitarbeitenden, wünschen ein gesegnetes Weihnachtsfest und laden alle ein, sich im kommenden Jahr «auf die Spuren Jesu» zu begeben. Unter dem Motto: «Habt acht aufeinander — und fürchtet Euch nicht!»
Edwin Stier, Pastoralraumpfarrer Regio Kreuzlingen
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