Grasso düst nach Italien
Giuseppe Grassos Kampf um Gerechtigkeit kostet ihn all seine Zeit, seine Energie und sein Geld
Der Weinfelder Giuseppe Grasso kann einfach nicht aufhören. Auch wenn er sich so sein ganzes
Giuseppe Grasso
Der Weinfelder Giuseppe Grasso kann einfach nicht aufhören. Auch wenn er sich so sein ganzes
Weinfelden Wir sitzen an einem der Tische in Giuseppe Grassos eigenem kleinen Restaurant an der Amriswilerstrasse 5 in Weinfelden. Ganz aufs Kochen verzichten kann der Italiener nicht, sei es auch nur für
Freunde. Seine zwei erfolgreich geführten Lokalitäten musste er aufgeben, zu viel Zeit nimmt «Giuseppes
Kampf», wie er sagt, in Anspruch. Ganz ins Detail können wir in dem Bericht nicht gehen, die Korrespondenzen
häufen sich zu hunderten an, was den Platz sprengen würde. Doch zu Beginn kurz zusammengefasst: Grasso und sein Nachbar wollten beide das Haus an der Amriswilerstrasse 5 kaufen. Bei einer Versteigerung waren sie die einzigen Bieter, Grasso gewann. Doch im Nachhinein wäre es wohl besser gewesen, wenn er leer ausgegangen wäre, denn einige Jahre nach dem Kauf bemerkte Grasso feuchte Stellen an den Felswänden des in den Hang gebauten Gebäudes. Er stellte zuerst eigene Nachforschungen an und zog dann einen Geologen
und Gutachter hinzu. Einfach gesagt: Bei Grasso tropfte es von den Wänden. Immer dann, wenn es heiss war und der Nachbar die Bewässerungsanlage laufen liess. Bei andauerndem Regenwetter blieb die Felsmauer
trocken. Eine natürliche Ursache wurde grösstenteils ausgeschlossen. Grasso dokumentierte alles, machte Fotos von den Wänden und kann die damalige Wetterlage nachweisen. Bis zu 17'000 Liter Wasser verbrauchte sein Nachbar täglich für die Bewässerung des riesigen Anwesens. Dies wurde auch so bestätigt, lese ich in einem der
Schreiben der Gutachter. Ein Mitarbeiter vom Bauamt Weinfelden kam mehr als ein Dutzend Mal vorbei, dokumentierte ebenfalls alles sorgfältig und konnte wie der Hausbesitzer einen Zusammenhang erkennen,
dass es immer bei Schönwetterperioden feucht an Grassos Wänden wurde. Doch Recht bekam er trotzdem nicht. Sprich, der Nachbar musste noch keinen Franken an Grasso zahlen. Auch ein Test von einem Geologen bewies eindeutig, dass das Wasser vom Nachbarsgarten kommt. So färbte dieser– ganz salopp gesagt - das Wasser rot ein, welches dann einige Zeit später auch so von den Wänden tropfte. Auf eigene Faust «ermittelt» Grasso bleibt stets ruhig, auch wenn er Richter, Staatsanwälte, Polizisten und Stadtmitarbeiter als korrupt, als Mafia bezeichnet. Er erzählt von persönlichen Verstrickungen zwischen den Beteiligten. Und von der politischen Position des Nachbars, warum dieser seiner Meinung nach gedeckt wird. Ich lese mich durch viele, viele Seiten durch, Stellungnahmen, Auswertungen von Laborproben und Grassos eigenen Recherchen. «Giuseppe ist ein Detektiv geworden », sagt er und lächelt gar schelmisch. Fotoaufnahmen des Nachbars, welche sicherlich nicht ganz rechtens gemacht wurden, bringen mich zum Staunen. Doch wegen falschen Gesetzesartikeln oder fehlenden Details werden Grassos Anzeigen immer wieder abgelehnt. Eine Revision folgt der nächsten. Er führt mich durch das Haus, Fenster gibt es wenige, dafür massive Felswände, eingebettet zwischen einer Vinothek und den zwei
Garagen, in denen Grasso stolz seine Autos präsentiert. In den Ruin getrieben haben ihn all die Prozesse gegen seinen Nachbarn nicht. Grasso nennt auch Zahlen, es geht ihm zumindest finanziell gut. Warum in «Gottes Namen» er nicht einfach aufhöre und das Leben geniesse, frage ich nach einer Weile. «Giuseppe kann das nicht einfach runterschlucken», sagt der gebürtige Italiener. «Ich komme aus einer Polizistenfamilie und habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.» Er wolle, dass sein Nachbar zur Rechenschaft gezogen werde - basta.
Grasso startet seinen PC auf und muss nicht lange suchen. Die Festplatte glüht förmlich vor Dokumenten, Schreiben, Antworten vom Staatsanwalt oder dem Gericht. Er scrollt den Ordner runter, hunderte von Dateien, alle fein säuberlich beschriftet und akribisch abgelegt. «Ist das quasi dein Job?», frage ich. Er nickt. «Früher sind meine Partnerin und ich viel gereist, heute bin ich grösstenteils hier und arbeite.» Doch für was genau, fragt man sich. Die Felswände sind mittlerweile trocken, das Haus gut bewohnbar. Aber Grasso nimmt jede Niederlage, jeden negativen Entscheid von den Ämtern an, sucht neue Lösungen und will Gerechtigkeit. Seine Vorgehensweise ist nicht immer ganz «legal». Er zeigt mir Fotos, welche er vom Nachbarsgrundstück bei einer Nacht und Nebelaktion gemacht hat. Überrascht durch Bauarbeiter packten ihn diese laut Grasso etwas unsanft. Er zeigt mir Fotos, wie er nach der «Attacke» aussah. Er verletzte sich dabei an der Schulter und bezieht seither eine IVRente. 25'000 Franken im Jahr, sagt er. Soviel, wie er für eine, zwei Rechnungen, die er monatlich zu begleiten hat für Prozesskosten. Grasso besitzt jedoch noch weitere Liegenschaften, die er gewinnbringend vermietet.
«In der Schweiz komme ich nicht weiter. Also bin ich nach Italien gereist», kommt er zum aktuellen Part seiner Geschichte. Er engagierte einen italienischen Anwalt und liess seine Schriften in seine Muttersprache
übersetzen. Sein Deutsch ist gut, für amtliche Dokumente fehlen ihm aber teils die richtigen Worte. «Amtsmissbrauch von einem Thurgauer Richter gegenüber Giuseppe Grasso », so sein Vorwurf. In seinem neusten Schreiben an die Bundesstaatsanwaltschaft in Bern lautet der letzte Satz sinngemäss: «Der Richter des
Kantons Thurgau im laufenden Prozessverfahren und als Zuständigkeitsinhaber in Strafsachen arbeitet irreführend, betreibt Amtsmissbrauch und Diebstahl und soll im Gefängnis landen.» Die Gründe für die Anschuldigungen sind komplex, bringen einem beim vertieften Eintauchen in den Prozess aber schon zum Nachdenken. Die Unterlagen werden bald ins Italienische übersetzt und als nächster Schritt will sich der Weinfelder an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wenden – sofern sein aktuelles Schreiben an die Bundesstaatsanwaltschaft in Bern erfolglos bleibt. «Was möchtest du schlussendlich erreichen?», frage ich abschliessend. «Mein Nachbar soll bestraft werden und muss für die Kosten für all die Bauarbeiten und Prozesskosten aufkommen», sagt er klipp und klar.
Von Desirée Müller
Lade Fotos..