Die neue Helpline ist ab sofort erreichbar. Bildmontage: stock.adobe/Andrey Popov/js
01.07.2021 07:20
Hilfe und ein offenes Ohr auch um 1 Uhr nachts
Heute Donnerstag nimmt die «Helpline Thurgau für Kinder, Jugendliche und Familien» ihren Betrieb auf. Das Unterstützungsangebot ist an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr für Hilfesuchende da. Sie ergänzt die bestehenden Beratungsstellen, die abends und am Wochenende nicht erreichbar sind.
Region Er ist unbeliebt. Das spürt Massimo* ganz genau. Durch die Lacher, Beschimpfungen und Angriffe, die er täglich von seinen Mitschülern ertragen muss. Seit Tagen, ach was, seit Wochen wird er in der Schule gemobbt. Mit jemandem aus seinem Umfeld darüber reden, mag er nicht. Weder mit seinen Eltern, noch mit einem Lehrer. Heute Nachmittag war es besonders schlimm.
Wie Massimo fühlen sich viele seiner Altersgenossen. Bei der Perspektive Thurgau zum Beispiel gehen pro Jahr über 20'000 Anrufe ein. Nicht alle wegen Mobbing, aber alle von Jugendlichen, die Hilfe brauchen.
Kein Anschluss unter dieser Nummer
Als Massimo nach Hause kommt, schliesst er sich in seinem Zimmer ein. Er will alleine sein. Aber irgendwann hält er es nicht mehr aus. Sehnt sich nach einem offenen Ohr, nach jemandem, der nur zuhört. Ihn nicht verurteilt. Massimo nimmt sein Handy und will telefonische Hilfe suchen. Doch die Beratungstelefone sind zu dieser Zeit nicht mehr besetzt.
Das kennt jeder, der schon einmal zu einer Randzeit in einer Notlage war. 1'200 Anrufe, die jährlich bei der Perspektive Thurgau eingehen, sind ausserhalb der Öffnungszeiten. Im Abklärungs- und Aufnahmezentrum (AAZ) der Spital Thurgau AG werden sogar fast zwanzig Prozent der täglichen, externen Anrufe ausserhalb der Präsenzzeiten zwischen acht Uhr abends und acht Uhr morgens verzeichnet. Hier setzt das neue Informations- und Beratungstelefon «Helpline Thurgau für Kinder, Jugendliche und Familien» an.
Unterstützung auch für Fachpersonen
Die Helpline bietet Kindern, Jugendlichen und Eltern in problematischen Lebenssituationen rund um die Uhr niederschwellige telefonische Unterstützung an. «Es können sich aber auch involvierte Fachpersonen, zum Beispiel Hausärzte, für Auskünfte an die Helpline wenden», sagte Félicie Haueter an einer Medienkonferenz in Frauenfeld. Sie leitet das AAZ, ein Teil der Psychiatrischen Dienste Thurgau, das die Helpline mitbetreut. Wer Hilfe braucht und die Nummer 0848 21 21 21 wählt, spricht dort mit einer erfahrenen Beratungsperson aus dem pflegerisch-pädagogisch-sozialen Bereich. Diese leistet am Telefon eine erste Unterstützung und verweist bei Bedarf an geeignete ambulante Stellen weiter, die tagsüber zur Verfügung stehen. Anrufende bezahlen den telefonischen Ortstarif, die telefonische Beratung selber ist gratis. Mit der Ausweitung der Erreichbarkeit ab heute Donnerstag auf 24 Stunden an 365 Tagen macht der Thurgau einen Quantensprung. Tagsüber gibt es im Kanton mit der Perspektive Thurgau, dem Schulpsychologischen Dienst, der Benefo-Stiftung und anderen bereits niederschwellige Optionen für Hilfesuchende. Ausserhalb der Öffnungszeiten blieben Hilfesuchende bisher aber auf sich alleine gestellt oder wichen auf kostenintensive Notfallstrukturen aus. Das erklärte Dino Michele Zanchelli, Bereichsleiter Pflege der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Clienia Littenheid. Die nationalen Angebote wie die Dargebotene Hand haben weniger Detailkenntnisse im Thurgau.
Möglichst viele erreichen
Eine Werbekampagen soll das Angebot möglichst schnell bekannt machen. Die gemeinsam mit einer Thurgauer Agentur geplante Informationskampagne umfasst neben klassischer Kommunikation via Flyer, Plakate und Inserate auch Online-Werbung und eine Social-Media-Kampagne.
red