07.03.2024 13:29
Im Namen der Frau
Frauenzentrale Thurgau auch nach 90 Jahren noch präsent
Viele Themen sind die gleiche - andere kamen in den letzten Jahrzehnten dazu. Ein Interview mit der Frauenzentrale Thurgau zeigt, dass es noch viel zu tun gibt bezüglich Gleichstellung.
Blicken wir 90 Jahre zurück – was waren dort die häufigsten «Probleme» in Sachen Gleichstellung, welche die Frauenzentrale bewältigen musste?
Die Möglichkeit, sich politisch zu engagieren, gab es nicht. Frauen durften nicht mitbestimmen, sie durften nicht wählen und sie konnten nicht gewählt werden. Wenn sie Probleme sahen, mussten sie dies auf anderem Weg angehen. Es waren bürgerliche Frauen, die gut situiert waren, die die FZ gründeten. Sie sahen die Notwendigkeit, sich zusammenzuschliessen und für ihre Anliegen zu kämpfen. Dazu gehörte auch die Bildung von Frauen. Die FZ hatte sich seit Beginn dafür eingesetzt, dass Frauen ausgebildet werden und sich weiterbilden konnten. Heute hat die Frauenzentrale eine sehr hohe Akzeptanz von beiden Geschlechtern. Oder geraten Sie bei der Arbeit immer noch an Hindernissen wo man sagen muss: «Hey, wie leben im 2024!» Wir machen ja vor allem Anlässe im Bereich der Gleichstellung. Oft handelt es sich um Vorträge oder um ein Podium. Oder wir machen Vernetzungsanlässe und Informationsanlässe, wo wir Politikerinnen und ihre Meinungen vorstellen bzw. einander gegenüberstellen. Diese Anlässe sind von allen akzeptiert. Geht es jedoch darum, Stellung zu beziehen, an Streiks teilzunehmen o.ä., so ist es für viele Mitglieder nicht mehr stimmig. „Laut werden“ ist vielen unangenehm bzw. für einige sind diese Aktionen politisch nicht „mittig“ genug.
Mit welchen Anliegen beschäftigen Sie sich aktuell am häufigsten? Welches sind Themen, welche Sie seit Jahren begleiten?
Die Gleichstellung im Erwerbsleben ist seit den 90iger Jahren ein sehr wichtiges Thema für uns. Das Inkrafttreten des Gleichstellungsgesetzes ermöglichte der FZ, eine Anlaufstelle für Frauen zu schaffen. Diese Stelle, die heute Infostelle Frau+Arbeit heisst, existiert noch und wird noch immer viel in Anspruch genommen. Auch wenn die Beratungen vordergründig nicht sehr viel mit Gleichstellungsarbeit zu tun haben, ist doch die Möglichkeit, hauptsächlich Frauen im Erwerbsleben konkrete Hilfestellungen zu leisten, eine Form der Gleichstellungsarbeit. Und konsequenterweise werden nun auch Männer beraten. Denn oft sind die Männer auch Partner, Ehemänner, Väter. Gleichstellungsarbeit betrifft eben nicht nur Frauen, sondern die ganze Gesellschaft. Weitere wichtige Themen sind für uns die politische Partizipation von Frauen. Was sind die Hindernisse, weshalb Frauen, die doch die Hälfte unserer Gesellschaft ausmachen, nicht auch hälftig in der Politik vertreten sind?
Ist es immer noch ein «Kampf» für die Gleichstellung oder eher ein Sensibilisieren?
Manchmal ist es ein Kämpfen, manchmal ein Sensibilisieren. Mit der Arbeit der Infostelle sensibilisieren wir Frauen und Männer und Arbeitgebende, Frauen nicht aufgrund des Geschlechtes zu benachteiligen. Für andere Themen kämpfen wir, indem wir einfordern: z.B. bezahlbare Betreuungseinrichtungen. Das ist immer wieder ein Thema, auch in der Politik. Doch die konsequente Umsetzung scheitert. Der Wille, dafür Gelder auszugeben, ist nicht vorhanden mit dem Argument, das sei nicht bezahlbar. Doch es ist ja immer eine Frage, wofür Gelder eingesetzt werden, also eine Frage der Verteilung der Gelder.
Wo muss Ihrer Meinung nach: «Endlich mal was gehen!» ?
Wie oben ausgeführt, ist die Frage der bezahlbaren Kinderbetreuung ein dringendes Thema. Die Erfahrungen der Infostelle zeigen, dass Schwangerschaft und Geburt noch immer grosse Stolpersteine sind im Erwerbsleben von Frauen. Damit sich Frauen und Männer weiterhin sich für Kinder entscheiden, benötigen sie Unterstützung bei der Frage der Betreuung. Die gesetzlichen Grundlagen für den Schutz von schwangeren Frauen und Müttern und Vätern sind vorhanden, doch sind sie ausreichend? Noch zu viele Arbeitgebende erachten Frauen, die schwanger werden, als potenzielles Risiko. Das muss sich ändern.
Worauf sind Sie alle besonders stolz, was die Frauenzentrale bewirkt hat?
Darauf, dass unsere Infostelle Frau+Arbeit im letzten Oktober das 25jährige Jubiläum feiern durfte.
Darauf, dass wir immer noch gut funktionieren.
Interview Desirée Müller