17.02.2022 13:33
Im «Trösch» brummt der Bienenstock
Martina Wettstein ist die neue Leiterin
Sie unterrichtete Kinder in Südamerika, reinigte Hotelzimmer auf den Seychellen und führt nun das Begegnungshaus Trösch. Die 36-jährige Gastronomin und Hotelier arbeitete in den besten Häusern des Landes und bereiste die Welt, um fremde Arbeitsmentalitäten und Kulturen kennenzulernen.
Kreuzlingen Die Tür des Trösch öffnet sich und mehr als zehn Männer verlassen angeregt diskutierend das Begegnungshaus. Die Busfahrer absolvierten eben einen Erstehilfekurs in einem der zu mietenden Räume. Junge Mütter mit kleinen Kids unterhalten sich im Foyer und eine Frau tippt in der Cafeteria konzentriert wild in die Tasten. Das Trösch lebt sichtlich und das freut Marina Wettstein von Herzen. Die 36-jährige Leiterin vom Untersee hatte die Institution schon seit Stunde eins auf dem Radar. Nun Teil des «Bienenstocks» zu sein, wie sie «ihr» Trösch liebevoll nennt, ist eine grosse Sache für die Gastronomin. Und dann noch als «Bienenkönigin». Führungserfahrung bringt Wettstein mit, so leitete sie die letzten Jahre ein Restaurant in Mannenbach und konnte bereits dort ihre Kreativität und den Unternehmergeist unter Beweis stellen. Doch nach vier Jahren war es an der Zeit, weiterzuziehen. «Ich sage immer, dass mein Baby nun laufen gelernt hat und langsam selbstständig wird.»
Gastronomie in anderen Kulturkreisen
Ihr Lebenslauf liest sich wie ein Roman. Marina Wettstein schloss in Kreuzlingen die Kanti ab und studierte anschliessend an der Hotelfachschule in Passugg bei Chur, einer sehr praxisverbundene Schule wie sie erzählt. Obwohl Marina als bekennendes Seekind immer wieder den Weg in den Thurgau zurück findet, wollte sie während ihren Praktika fremde Kulturen im Ausland kennenlernen, was ihr bei ihrem heutigen Job im Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Nationen sehr zu Gute kommt. Sie sei schon immer ein «Reisefüdli» gewesen. So unterrichtete Wettstein in einem Vorpraktikum ein halbes Jahr lang Kindergartenkinder im Rahmen eines sozialen Schweizer Projektes in Ecuador und absolvierte später ein Praktikum auf den Seychellen in einer Hotelanlage. «Mich interessierte es, wie die Hotellerie und Gastronomie in anderen Kulturkreisen funktioniert. Ich wollte die Arbeitsmentalitäten kennenlernen und wurde von der Rezeption bis zum Housekeeping eingesetzt.»
Ein Raum für jedes Budget
Wir setzen uns in die Cafeteria um etwas zu plaudern. Sie nennt den hellen Raum mit Blick auf den Boulevard bewusst nicht Restaurant. So soll er den Gastronomen keine Konkurrenz machen. Ein Kaffeeautomat sowie ein Kühlschrank mit Getränken stehen für Besucher bereit und ein Kässeli in Form einer goldenen Hasenskulptur. Seit letztem Herbst waltet Marina Wettstein im Trösch ihres Amtes. Noch vor ein paar Jahren hätte sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen gefühlt. Doch das Inserat, damals noch von der Stadt ausgeschrieben, schien ihr so sympathisch, dass sie es wagte. Es standen nicht nur Qualifikationen und Berufserfahrung im Fokus. Nun sitzt Marina hier und ihr ist bewusst, was für Potenzial das Haus hat. Die Möglichkeiten für die Verwendung der Räumlichkeiten sind gar unendlich. Vereine, Verbände, Privatpersonen – die Räume sind gut gebucht und einige davon fest vermietet. Ob für eine Sitzung, einen Workshop oder auch als Treffpunkt für Mamis, die sich vom Geburtsvorbereitungskurs kennen und sich weiterhin treffen wollen. Ab 15 Franken pro halber Tag können Räume gemietet werden. Einige der Räume sind auch festvermietet, so auch an das evangelische Hilfswerk HEKS und den Tamilischen Kulturverein. In einem weiteren Raum werden vom Verein HSL Hörbuch aufgenommen für Menschen mit Sehbehinderung. Wir wandern etwas durch das Haus und die Energie ist grossartig. Es fühlt sich nach Aufbruch an und man hat selbst das Bedürfnis, irgendetwas «anzureissen». Das Trösch ist mit Menschen gefüllt, unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Marinas Kopf platzt fast vor lauter Idee. «Wir wollen nichts übers Knie brechen. Die aktuellen Angebote sind gut und funktionieren, doch es gibt einige Events, die ich gerne umsetzen würde.» Sie denkt zum Beispiel an einen Kochanlass in der professionell ausgestatteten Gastro-Küche, die ebenfalls gemietet werden kann. Ein Projekt konnte sie bereits umsetzen: Den «Chlii Friitig», der jeweils am Donnerstagabend stattfindet. Da unser Treffen an einem Donnerstag ist, steigen wir um 17 Uhr die Treppen zur Dachterrasse mit grandioser Aussicht über die Stadt hoch. Geschickt stapelt Marina Holz in der Feuerschale und nach kurzer Zeit lodert bereits ein Flämmchen. Der Glühwein steht parat sowie ein kaltes Plättli. Der Chlii Friitig ist, genauso wie die Dachterrasse, für alle zugänglich und soll zu einem Treffpunkt für einen lockeren Austausch werden. Ob mit Kollegen oder um neue Kontakte zu knüpfen.
Nach der Pandemie-Pause will das Team neu durchstarten. «Ich sehe uns in den Startlöchern nach Corona» sagt sie und lacht. Mit ihr hat «Das Trösch» nun ein Gesicht, und zwar ein sehr freundliches, humorvolles und mitreissendes.
Desirée Müller