Naomi Brot erzählt von ihrem Outing an der Kanti Kreuzlingen. JK
17.02.2022 00:00
«Keine Lust auf die Gerüchteküche»
Thurgauische Konferenz der Mittelschullehrpersonen in Kreuzlingen
Drei junge Menschen erzählten an der diesjährigen digitalen Konferenz von ihrem Schulalltag als Queer-Menschen. Der Mut von Naomi, Nico und Theo beeindruckte die Zuschauerinnen und Zuschauer vor ihren Computern.
Kreuzlingen Eva Büchi, Präsidentin von Queer-Thurgau und Lehrerin an der Kantonschule Kreuzlingen, platziert zwei Regenbogenfahnen auf dem Rednerpult, während Andreas Schreier die Internetverbindung prüft für das gleich startende Zoom-Meeting. Es ist kurz nach sechs als die drei Hauptakteure in der Medienwerkstatt im Campus Kreuzlingen eintreffen. Nico Schilling, Naomi Brot und Theo Schilling haben sich bereit erklärt, Eva Büchi Red und Antwort vor den Augen der 60 Zoom-Teilnehmenden zu stehen. Immer mehr Namen von Teilnehmern ploppen auf dem grossen Screen auf und Schreier ergreift das Wort. «Ich hoffe, dass man das Thema Queer irgendwann nicht mehr behandeln muss, da es normal im Schulaltag sein wird «, so der Präsident der Thurgauischen Konferenz der Mitteschulehrpersonen. «Ich danke diesen drei jungen Menschen für ihren grossen Mut. So erhalten wir einen authentischen Einblick in ihren nicht so ganz einfachen Schulalltag.» Urs Schwager, Chef des Amts für Mittel- und Hochschulen, richtete sein Grusswort an die digitale Zuschauerschaft. Er sprach davon, dass Schule eine Lebensgemeinschaft sei und nicht nur Wissen vermitteln soll. Leiter der Kanti Kreuzlingen, Marcello Indino, lobte in seiner Begrüssung, dass man das Thema LGBTQIA in die Schule trägt und öffentlich macht. Präsidentin von Bildung Thurgau, Anne Varenne, teilte folgend die Resultate der aktuellen Umfrage zum Thema «Belastung bei Lehrpersonen bei der sich 104 Thurgauer Lehrerinnen und Lehrer beteiligten. Mehr als die Hälfte der befragten empfindet eine überdurchschnittliche Belastung in ihrem Beruf.
Eva Büchi bat im Anschluss den 24-jährigen Nico Schilling zu sich vor die Kamera. «Mir war schon früh bewusst das ich anders bin als die andere Jungs in meiner Klasse. Ich hatte auch nicht die gleichen Interessen wie meine Kollegen, allerdings erkannte ich nicht, woran das liegt», erzählt Nico. Er wusste aber nicht, dass es an der Sexualität liegt. Dieses Thema begleitete ihn die ganze Oberstufe lang. «Eigentlich wollte ich immer mal heiraten und Kinder haben. Doch in der FMS Romanshorn habe ich tolle Leute kennengelernt und verliebte mich schlussendlich in einen Jungen dort». Nico hatte grosses Glück in einem so progressiven Umfeld aufzuwachsen. Seine Eltern wie auch Kollegen und Kolleginnen haben es gut aufgenommen, auch sein Freund wurde später herzlich in der Familie aufgenommen.
Outing in der Schülerzeitung
Naomi Brot studiert Geschichte an der Uni Zürich und ist die Tochter des Evangelischen Pfarrers Damian Brot aus Kreuzlingen. Ein halbes Jahr vor der Maturaprüfung zog sie sich zurück und ihr sonst so fröhliches Verhalten fiel ihrer Lehrerin Eva Büchi auf. Im Gespräch erzählte Naomi ihr, dass sie lesbisch sei. «Mir war lange nicht bewusst, dass es die Möglichkeit gibt, als Frau eine andere Frau zu lieben. In meinem Umfeld existierte diese Option nicht.» Sie verspürte immer stärker den Druck, auch einen ersten Freund zu haben. «Ich hatte das Gefühl, ich sei in dieser Beziehung spät dran.» Ein Anlass an der Kanti trieb es auf die Spitze. Ein Vertreter des Bundesamtes für Integration war vor Ort. Die Schülerinnen und Schüler konnten sich «Nicknames», also Spitznamen für sich ausdenken. Erschreckend viele wählten homophobe Namen. «Das hat mich wirklich sehr getroffen und ich habe grossen Respekt vor Eva Büchi, dass sie danach ein Mail an alle Schülerinnen und Schüler geschickt hat.» Naomi entschied sich, reinen Tisch zu machen und veröffentlichte einen Artikel in der Schülerzeitung mit einem Bild, das sie mit einer Regenbogenfahne zeigt. «Wenn man Selbstbewusstsein erlangen will, braucht man Zugang zur Community. Ich wollte die Kontrolle über mein Outing und hatte keine Lust auf die brodelnde Gerüchteküche.» eine von zehn Menschen sei Queer. Daher habe es durchschnittlich zwei Queer-Menschen in einer Klasse. Sie ist dankbar, dass ihre Eltern so positiv auf ihr Outing reagiert haben. «Ich sagte meinen Eltern, dass ich ihnen wohl keine Enkelkinder schenken werde.» Mein Vater setzte sich daraufhin dafür ein, die Kirche für das Thema zu öffnen.»
Mobbing vom Lehrer
Der 17-jährige Theo besucht die zweite Klasse an der Kanti Schaffhausen. Er hatte 2019 sein Trans-Coming-Out. Er fühle sich nicht wie im falschen Körper, jeder Körper sei perfekt. Ein Körper ist nunmal nur ein Körper und hat kein Geschlecht, sagt er. Theo hielt es fast nicht mehr aus, dass er bei seinem Geburtsnamen angesprochen wurde. Im «Suff», wie er sagt, schrieb er Kolleginnen, dass er ein Trans-Mann sei. «Sie reagierten nicht überrascht. Bei der Familie war es dagegen eher schwierig. In der Schule outete ich mich über eine Mail an alle Lernenden, welche von der Rektorin aus gesendet wurde. Es folgte ein Artikel über Theo in einer Zeitung in Schaffhausen. Transparenz ist wichtig für den Schüler. Ein Lehrer nannte in aber konsequent weiter bei seinem Geburtsnamen und zeigte sich überhaupt nicht verständnisvoll. Er war nicht der einzige Lehrer, der transfeindliche Aussagen gemacht hat. «Ich hatte Angst, in ihm Flur alleine anzutreffen.» Es ging nicht lange, bis der Lehrer Theos Klasse nicht mehr unterrichtete.
Zum Abschluss hielt Lydia, einstige Sozialarbeiterin in der Oberstufe in Frauenfeld und heute in Winterthur einen Vortrag zum Thema. Sie appellierte an die pädagogischen Fachpersonen, die sexuellen oder romantischen Neigungen der Schüler*innen nicht zu ignorieren oder tabuisieren. Dies sei bereits queer-unfreundlich. «Es empfiehlt sich, eine Person im Team zu haben, die sich dem Thema annimmt und als Ansprechperson für die Jugendlichen bereitsteht.
Die digitalen Kommentare der 60 Zuschauern waren durchs Band positiv. Für Eva Büchi ein grosser Erfolg und Naomi, Theo und Nico ein Schritt in die richtige Richtung.
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