08.02.2022 00:00
Kleines Buch, grosse Wucht
Arno Camenisch liest an drei Terminen aus seinem vielleicht traurigsten Buch
Der Graubündner Autor Arno Camenisch schreibt in «Der Schatten über dem Dorf» vom grösstmöglichen Verlust und wie man damit fertig wird. Durch seine reduzierte Form wirkt der Roman wie ein erzählerisches Experiment.
Frauenfeld/Lengwil/Stein am Rhein Worauf alles in seinem aktuellen Roman hinausläuft – das deutet Arno Camenisch bereits auf Seite 4 an: Ein namenloser Erzähler berichtet von einem Unglück in einem Graubündner Dorf, ein Unglück so schlimm, dass es den Menschen den Atem nahm und die Kehle zuschnürte, ja den Ort für alle Zeiten mit einem feinen Hauch von Traurigkeit überzog, ihn unbewohnbar machte. Drei kleine Kinder sind gestorben. Das Dorfleben wird danach nie wieder wie vorher sein. Und am Ende sind auch alle tot oder weggezogen – aber das hat komplexere Ursachen; in den Nebensträngen der Erzählung werden sie angeschnitten. Der Erzähler, selbst Vater, fragt sich, wie Eltern so etwas verkraften können: «...es bricht dir die Seele, macht dich lebendig zum Toten, sowas kann man nicht durchstehen, dachte er, sowas würde dich brechen.»
Der Erzähler ist gerade mit seinem Auto im Dorf angekommen. Er geht nochmal die Wege seiner Kindheit, am Restaurant vorbei, das einmal seine Tante führte, zur Werkstatt seines Grossvaters, er läuft zwischen den Gleisen und klettert hoch zum Dorfboden. Bilder aus der Vergangenheit steigen in ihm hoch. Ein ausschweifendes Gedankenkarussell, darunter detaillierte Beschreibungen des alltäglichen dörfliches Leben, Familiengeschichten, Erlebnisse im Dorfverein, Werden und Vergehen lokaler Betriebsamkeit und harte Arbeit. Es geht ums Aufwachsen, sich Loslösen, und ums Jassen. Mit durchaus munteren Anekdoten. Der rote Faden bleibt jedoch das Unglück, und dieses Zurückkommen, dieses Konzentrieren aufs Wesentliche, das ist in seiner Wirkung stark. So stark, dass man dieses Buch, das man eigentlich in einem Rutsch durchlesen könnte, mehrmals zur Seite legen muss. Immer weitere Details der Katastrophe kommen ans Licht. Als Ganzes bleibt sie aber ein Mysterium, selbst die Menschen im Dorf konnten niemals herausfinden, was genau geschah. Am Ende fährt der Mann wieder fort, mit der Erkenntnis, dass man den Tod eines geliebten Menschen wohl nie vergessen kann, es aber irgendwann erträglicher wird, damit zu leben. So wie das Dorf im Winter mehrere Monate im Schatten liegt, der Frühling dennoch bestimmt kommt.
Weil Arno Camenisch in Tavanasa in Graubünden aufgewachsen ist, weil er ebenfalls Vater einer Tochter ist und wie der namenlose Erzähler als junger Mann Zeit in Madrid verbrachte, wird «Der Schatten über dem Dorf» als sein persönlichstes Buch bezeichnet. In der Tat lassen sich die im Buch beschriebenen Wege auf der Landkarte nachfahren: abbiegen an der Carosserie Pino, über die Brücke, die Dorfstrasse entlang oder hoch zum Plaun Vitg. Eine wahre Geschichte also? Es spielt am Ende keine Rolle. Arno Camenisch hat ein Buch über einen nur wenige Stunden dauernden Besuch geschrieben und dabei die grösstmögliche Wirkung herausgeholt. Experiment gelungen.
Von Stefan Böker