"Knallhart" mit grossem Herz
Mit 85-Jahren setzt sich Nives Engeli immer noch für Strassenkinder ein
Nives Engeli baute in den letzten fast 30 Jahren ein Hilfsprojekt für Strassenkinder in Südamerika auf. Ihre Geschichten könnten verfilmt werden.
Nives Engeli setzt sich auch mit 85-Jahren immer noch für Strassenkinder ein.
Nives Engeli baute in den letzten fast 30 Jahren ein Hilfsprojekt für Strassenkinder in Südamerika auf. Ihre Geschichten könnten verfilmt werden.
Tägerwilen «Ich bin in Oberhofen aufgewachsen als Einzelkind, behütet und verwöhnt», sagt sie und lächelt in Erinnerung an eine gute Kindheit zurück. «Pape war hoch intelligent, ein bekennender Sozialdemokrat. » Er habe ihr stets eingetrichtert, dass es nicht drauf ankomme, was für ein Titel jemand trage, sondern war für ein Mensch er sei. «Weisst du, der eine Anwalt, den ich kenn. Der ist ein Lump. Doch Herr Mesmer, der die Strasse wischt, das ist ein Ehrenmann», zitiert Nives Engeli ihren Vater. In den nächsten zwei Stunden teilt die gepflegte, herzliche Dame ihre fantastische Lebensgeschichte mit mir.
Ich lausche ihren Erzählungen gebannt und setze mich etwas aufrechter hin, als sie von ihren grossen Reisen als junge Frau erzählte. Wie sie 1970 alleine von Zürich über Genf, den Sudan und Nairobi nach Tansania reiste, um eine Freundin zu besuchen. Dort lernte sie ein deutsches Paar kennen. Mit der Frau blieb sie all die Jahre in Kontakt und besuchte sie jedes Jahr. Auch als sie nach derer MS-Erkrankung des Klima wegens nach Venezuela auswandert, hielt Nives Engeli ihr Versprechen und überraschte sie mit einem Besuch. «Ich stand einfach vor ihrer Tür. Bei unserem letzten Treffen vor ihrer Abreise nach Südamerika meinte Sigrid, dass wir uns wohl nie mehr wiedersehen. Und ich antwortete, dass ich sie immer einmal im Jahr besuchen werde, egal wo auf der Welt.» Und wenn jemand sein Wort hält, dann Nives Engeli. Als sie einmal auf Entdeckungstour durch die Strassen lief, kam sie an einer schönen, alten Kirche vorbei, die von den Franziskanern errichtet wurde. Nives sprach kein Wort spanisch: «Doch die Heiligen heissen überall gleich.» Ein Pater nahm sich ihrer an und führte sie herum. Als Dank überreichte Nives ihm ein kleines Trinkgeld. Gerührt von der Geste wollte auch er der Dame aus der fernen Schweiz ein Geschenk machen und läutete die Glocken. «Nur für mich und das mitten am Tag. Was für eine Ehre», erzählt sie ergriffen. Nebst den Schönheiten des Landes sah sie auch die Armut. Mit dem «Bizzeli », das sie hatte, unterstützte sie fortan das soziale Engagement der Franziskaner wie auch eine Suppen- Küche in Bolivien. In einer TVDoku erfuhr sie von einem Strassenkinder- Projekt.
Über den Fernsehsender machte sie die Adresse des Paters ausfindig und schrieb ihm einen Brief. 450 Dollar konnte sie aufbringen, viel Geld in dieser Zeit. Mit dem Batzen liess sie den Platz vor der «Auffangstation» des Projekts für die obdachlosen Kinder pflastern. «Dort spielten sie gerne, doch wenn es regnete, wurde alles matschig. Alles nahm seinen Lauf Zurück zu Hause erzählte sie ihren Bekannten von ihren Begegnungen. Viele wollten die Projekte unterstützen und das Spendenvolumen wuchs an. So gründete sie 2004 einen Verein. Zweimal im Jahr reiste Nives Engeli fortan nach Venezuela, um ihre Projekte zu begleiten. So baute der Verein eine modern ausgestattete Klinik und unterhält dort Ärzte und Pflegepersonal. Dazu eine Schule und in Ecuador ein Zentrum für Stützunterricht, in der 80 Schüler Hilfe bei den Aufgaben und an fünf Tagen die Woche ein Mittagessen erhalten. 45 der Kinder können dazu nur dank Patenschaften den Unterricht besuchen. Denn die Schulbildung ist nicht kostenlos in Venezuela und Ecuador. Für 150 Franken im Jahr können so das Schulmaterial und die Uniform bezahlt werden. Bei einem Mindestlohn von 14 Franken im Monat ist das Schulgeld eine hohe Summe. Die Reisen zahlte sie immer aus der eigenen Tasche und kaufte vor vielen Jahren eine Wohnung, in der sie jeweils mehrere Monate im Jahr lebte. Tochter Karin, welche heute den Verein leitet, begleitete sie mit ihrer kleinen Tochter. Auch grosse Investitionen, wie Landkäufe berappte sie oftmals selbst. «Wissen Sie Frau Müller, was braucht so ein altes Weib wie ich noch zum Leben? Ich habe ein Dach über dem Kopf, täglich etwas zu essen und ein wenig bleibt immer übrig für die Armen.» Jeder gespendete Franken komme auch heute noch den Projekten zugute, ist ihr wichtig zu erwähnen.
Hinter dem «Grossmami» steckt aber auch eine knallharte Frau, die schnell den Umgang mit den Menschen in Südamerika lernte. «Sie müssen mich nicht gernhaben, sondern respektieren.» Sie lernte schnell Spanisch. Mit 58 war Nives Engeli die älteste Schülerin in der damaligen Berufsschule in Kreuzlingen. «Sonst hätten sie mich über den Tisch gezogen. Und dann war ich noch blond und aus Europa.» Bereits 1996 konnte sie die ersten beiden Patenschaften für Schüler abschliessen. Einer davon ist heute Arzt in Caracas. Alles ehemalige Kinder aus ärmsten Verhältnissen ohne Perspektive. Bei einem Aufenthalt in Ecuador brach sie sich den Oberschenkelhals und musste nach einem Klinikaufenthalt mit der Rega in die Schweiz geflogen werden. Das war 2020 und auch heute noch geht sie am Stock oder am Rollator. Staubsaugen könne sie nicht mehr oder irgendwo hochsteigen, da könne sie das Gleichgewicht nicht mehr halten. Doch sonst ist Nives Engeli so aktiv wie eh und je. Obwohl sie ihre zweite Heimat nicht mehr besuchen wird, ist sie immer noch ein wichtiges Rädchen im Verein. Heute sei sie «nur» noch da, um Spenden für die Projekte zu sammeln. Ein viel wichtigeres Rädchen, als Nives Engeli zugeben mag.
Infos zu Schulpatenschaften als Weihnachtsgeschenk: www.espato.ch
Von Desirée Müller
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