25.02.2022 12:00
Kunstankauf: «Am Anfang hört man auf das Bauchgefühl»
Diskussion im Kunstmuseum Thurgau zum Thema Kunstankauf
Die Ankaufskommission des Kunstmuseums spürt Jahr für Jahr Trouvaillen von noch lebenden Kunstschaffenden im Kanton auf. Zwei Mitglieder der Kommission erzählten den rund 50 Teilnehmenden im
Warth 100‘000 – letztes Jahr sogar 150‘000 Franken – stehen der Ankaufskommission, die zum Beirat des Kunstmuseums gehört, jährlich aus dem Lotteriefond zur Verfügung, um die Sammlung des Museums zu ergänzen. Wahrlich keine leichte Arbeit für das dreiköpfige Team bestehend aus Katharina Ammann, Direktorin des Aargauer Kunsthauses, dem Künstler Alex Hanimann und Hans Jörg Höhener, Präsident der Kulturkommission Thurgau.
Die beiden Herren waren letzte Woche zu Gast im Museum, um gemeinsam mit Direktor Markus Landert über die Herausforderungen bei der Auswahl der Werke zu sprechen. Ihre Kollegin musste sich für die Diskussionsrunde entschuldigen. Die erworbenen Werke der Künstlerinnen und Künstler sollen nach dem Kauf nicht im Depot des Kunstmuseums verschwinden, sondern in Fluren, Sitzungszimmern oder Lobbys in kantonalen Ämtern gezeigt werden. Für einmal wurden die Bilder, Installationen oder Fotografien der letzten vier Jahre aber zusammengetragen und ins Kunstmuseum geschafft. Dort sind die Werke der 27 Kunstschaffenden aktuell im Rahmen der Ausstellung «Neue Kollektion – Kunst hier und jetzt» anzuschauen. Vertreten sind traditionelle Ausdrucksmittel wie Malerei oder Zeichnungen ebenso wie Fotografie, Video oder installative Arbeiten.
Neue Ideen und alt Bewährtes
Primär sind die drei Kommissionsmitglieder immer auf der Suche nach junger Kunst aus dem Thurgau oder zumindest mit Bezug zum Kanton. Arbeiten älterer, erfahrener Künstler werden selbstverständlich ebenfalls geprüft und bei der Erfüllung der Kriterien erworben – doch diese müssten dann «richtig abliefern», so Hanimann. Die Kunstschaffenden müssen übrigens nicht im Thurgau wohnhaft sein. «Da wir keine eigene Kunsthochschule haben, ziehen viele junge Künstler in andere Kantone», so Höhener. Doch auch diese haben die Experten auf dem Radar. Bei Kunst gehen die Ansichten stets weit auseinander. Dementsprechend hitzig ginge es jeweils bei der Wahl der zu erwerbenden Werke zu und her. So gebe es ordentlich Reibereien, bis sich die Kommission jeweils entscheidet, sagte der ehemalige Präsident der Thurgauischen Kunstgesellschaft und Stiftungsrat der Kulturstiftung Thurgau, Hans Jörg Höhener. Es gebe keine objektiven Kriterien für «gute Kunst», und trotzdem bestehe der Anspruch, «das Beste» für die Sammlung zu erwerben. Künstlerische Qualität bestehe aus dem Inhalt und dem Formalen, sind sie sich für einmal einig. Auch will das Team Lücken schliessen und achtet bei der Wahl auf die bestehende Sammlung. Ein Gefühl stehe stets am Anfang, wenn man ein Bild betrachte. Der anschliessende Austausch mit den Kunstschaffenden sei unabdingbar. Gemeinsam besucht die Kommission Ateliers oder Ausstellungen, analysiert, debattiert. Gekauft wird ebenfalls beim Kunstverein Frauenfeld und bei der Werkschau Thurgau.
Eine geheime Liste
Auch begutachten die drei unaufgefordert eingereichte Arbeiten. Ein Besuch des Ateliers oder der Galerie ist jedoch Pflicht – ungesehen wird nichts gekauft. Die Experten berücksichtigen dabei gerne junge Künstlerinnen und Künstler, welche noch nicht allzu bekannt sind, begleiten und beobachten diese manchmal über Jahre in ihrem Schaffen. Sie führen eine Liste mit all den Namen, die man als Kunstliebhaber im Auge behalten sollte. Diese Liste sei natürlich streng geheim. Hanimann als Künstler und Dozent betont, dass sie Künstlerinnen und Künstler aber nicht entdecken, sondern fördern oder eben herausfordern wollen.
Desirée Müller