Präsentierten das Projekt "Biodiversität im Siedlungsraum" auf dem Friedhof Oberhofen: v.l. Andrea Näf-Clasen, Leiterin Amt für Raumentwicklung, Eveline Gisel, Projektleiterin, Ciril Schmidiger, Gemeindepräsident Lengwil, Matthias Rutishauser, Gemeinderat Lengwil. Nico Wrzeszcz
19.10.2023 16:31
«Leben ist Veränderung»
Die Hälfte aller Thurgauer Gemeinden soll am Projekt mitmachen
In erster Linie denkt man beim Thema Biodiversität an Naturschutzgebiete. Doch auch in Siedlungsgebieten ist Biodiversität möglich. Das Projekt «Vorteil naturnah» ermutigt Gemeinden, Platz für Vögel, Wildbienen und Co zu schaffen.
Lengwil Rund 13 Prozent des Kantons Thurgau bestehen aus Siedlungsgebiet. Im Jahr 2018 wurde das Projekt «Vorteil naturnah» von den Gemeinden Sirnach und Eschlikon gemeinsam mit dem Kanton gestartet. «2019 sprach der Regierungsrat 950'000 Franken zur Nachahmung und Unterstützung weiterer Gemeinden aus», erklärte Andrea Näf-Clasen, Leiterin Amt für Raumentwicklung. «Durch dieses Projekt werden unter anderem an Friedhöfen, Schulhäusern oder Gemeindehäusern Rasenflächen umgestaltet. Ziel ist es, wieder vermehrt einheimische Pflanzenarten zurückzuholen sowie das Dorf- und Stadtbild aufzuwerten.»
Umdenken hat stattgefunden
Im letzten Frühling haben in verschiedenen Gemeinden Rundgänge stattgefunden, um passende Flächen zu finden. «Eine gewisse Offenheit für das Projekt ist wichtig, dazu gehört vor allem die Information und Kommunikation der Bevölkerung gegenüber», so Projektleiterin Eveline Gisel. «Die Umsetzung und der Wandel der Flächen benötigen dabei Zeit. Diese brauchen Zeit um zu wachsen und sind nicht mit Schottergärten zu verwechseln.»
Nach Lengwil wurde das Projekt «Vorteil naturnah» von Gemeindepräsident Ciril Schmidiger gebracht. «An einer Tagung des Kantons wurde das Projekt vorgestellt, ich habe es in den Gemeinderat mitgenommen. Dort haben wir gemeinsam entschieden, bei diesem Projekt mitzumachen.» Ein Bereich, der im Rahmen des Projekts angepasst wurde, liegt direkt vor dem Lengwiler Gemeindehaus. Für einige mag es nun speziell aussehen. «Zuvor hatten wir zwar viel Grün, aber auch einige fremde Arten dabei. Die Ruderalfläche sieht nun anfangs etwas karg aus, seit dem Frühling ist aber ständig etwas am Blühen», so Schmidiger. Es haben sich verschiedene Tierarten angesiedelt, man dürfe das Leben dort jeden Tag geniessen.
Werkhof hat eifrig mitgeholfen
Einige Flächen wurden durch Gärtner angepasst, aber auch der Werkhof Lengwil hat viel zur Umgestaltung beigetragen. «Manch einer denkt, es sieht etwas ungepflegter aus, aber so ist die Natur nun mal. Durch unser Vorangehen soll der Funke auch auf die Bevölkerung überspringen», erklärte Gemeinderat Matthias Rutishauser. Der Werkhof habe zwar neue Maschinen anschaffen müssen, auf lange Sicht könne man durch den sinkenden Pflegeaufwand Einsparungen vornehmen. «Es ist wichtig, dass der Rest der Bevölkerung Schritt für Schritt mitmacht. Die Natur wird immer mehr zugebaut, dem müssen wir entgegensteuern.»
Ein gutes Beispiel für Biodiversität im Siedlungsraum ist der Friedhof Oberhofen. Dort wurde eine Fläche, auf der zuvor Gräber lagen, umgenutzt. Eine Wildwiese blüht dort das ganze Jahr über und bietet eine Heimat für eine Vielzahl von Insekten und anderen Tieren. «Diese Fläche wurde erst gemäht, doch ein kleines Stück bleibt stehen. Dort haben die Tiere eine Möglichkeit zu überwintern», erklärte Rutishauser. Das Saatgut hierfür sei zwar recht teuer, beinhaltet aber ausschliesslich einheimische Pflanzenarten. Der Kanton beteiligt sich an der Hälfte der Kosten für das Saatgut und die Umgestaltung der Flächen. Dieser möchte den Schwung weiter nutzen, «Vorteil naturnah» wird daher fortgesetzt. «Unser Ziel ist es, dass bis 2028 mindestens 40 Thurgauer Gemeinden mitmachen, aktuell sind es 24», sagte Andrea Näf-Clasen. Das wäre dann die Hälfte aller Thurgauer Gemeinden.
In Lengwil wurden bereits 25 Flächen umgenutzt, unter anderem an Bushaltestellen oder Trafostationen. Die Gemeinde ist dabei, weitere Flächen mit einem Planer zu prüfen und für mehr Biodiversität in der Gemeinde zu sorgen.
Von Nico Wrzeszcz