Stanko Gobac wirkt seit einem Jahr als Leiter des Ekkharthofs. Desirée Müller
31.03.2022 11:36
"Lieber eingreifen, als die Notfallpauschale zu bezahlen"
Institutionsleiter des Ekkharthof feiert das 1-Jährige.
365 Tage voller kleiner Wunder und grosser Herausforderungen. Der frühere Prorektor und Lehrer liebt seine nicht mehr ganz so neue Aufgabe als Leiter des Ekkharthofs. Doch setzt er bei einem Thema die Segel neu - nicht immer zur Freude seiner Kollegen.
Lengwil «Wer beim Autofahren den Tacho verdeckt, fährt nach Gefühl und Gehör. Je nach Temperament blitzt es einen so alle paar Kilometer. » Interviews mit Stanko Gobac sind stets ein Highlight, seine Metaphern einmalig. Er erzählt symbolisch von rinnenden Badewannen und drohenden Sanitär-Notfallpauschalen und vergleicht seinen Führungs- Alltag wahlweise mit einer Autofahrt oder dem Flug im Flugzeugcockpit. Der Institutionsleiter liebt es, Sachbestände eloquent in Beispielen auszuführen und wenn nötig auch etwas abzudriften. Wir verabreden uns auf einen Spaziergang durch und entlang des Ekkharthofs, über geschlungenen Wege, vorbei an gwundrigen Ziegen und erfreuten Bewohnern, die gleich die Fenster aufreissen, um «Stanko» zu begrüssen. Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, seit er in die kleine Stadt zog, die scheinbar heile Welt namens Ekkharthof. «Der Ekkharthof ist kein Ponyhof», verdeutlicht Gobac und schmunzelt. Die Themen sind extrem breit, komplex und die Übersicht manchmal schwer zu behalten. Schwierig für einen Menschen, der auf Transparenz setzt, und bisher gut mit dieser Strategie gefahren ist. Er greift auf die Analogie mit dem Tacho zurück und erzählt davon, dass ihm manchmal Führungsinfos fehlen, respektive er sich diese umständlich besorgen muss. Dafür brauche er «Zeit wie gestört », die er gerne sinnstiftend und für die Menschen am Ekkharthof einsetzen möchte. Nicht immer trifft er auf Begeisterung mit seinen Ideen. Aber nur so lange, bis er sie dann erklären und verdeutlichen kann: «Ich bin kein Chef, der einen Satz mit 'ich will' beginnt. Dafür aber mit 'ich brauche'», so einer seiner Leitsätze. Und so braucht Stanko Gobac einen guten Einblick in seinen Betrieb beziehungsweise seine vielen Betriebe, die der Ekkharthof umfasst.
Schneller und ohne Aufwand
Ich frage nach einem Beispiel - einem 'richtigen' Beispiel, ausserhalb von Autos oder Fliegern. Nach einem Grinsen fällt ihm gleich eines ein: «Die Cantina. Man kann diese für private Anlässe buchen. Nehmen wir an, Frau Meier bucht die Location für ihren Geburtstag. Ich möchte schnellstmöglich und ohne grossen Aufwand wissen, ab welcher kritischen Grösse wir den Break-Even erreichen oder anders gesagt: ab wie vielen Gästen stimmen Aufwand und Ertrag für uns?» Dann geht es an die Personalplanung, bei dieser der Betreuungsschlüssel berechnet werden muss. Personal, das ihm am Montag wegen dem Wochenendeinsatz vielleicht fehlt. «Das ist der Motor, der mir gefällt. Die richtigen Infos am richtigen Ort - das ist sinnvoll und wirtschaftlich. Ich fände es nicht verantwortungsvoll von mir, wenn ich nicht in solchen Punkten mitdenken würde. Zum Vergleich: Alleine die Sonderschule am Ekkharthof ist grösser als die Schule, an der ich früher arbeitete. Gleichzeitig ist die Sonderschule nebst Produktionsstätten und einem grossen Wohnheim ‘nur’ ein Bereich am Ekkharthof. » Ein Weg muss her, um aus dem Suchen ein Finden zu machen. Ersetzen wir das Wort 'muss» noch durch «erwünscht», um in der Sprache des Pädagogen zu bleiben, dann ergibt das ein unschlagbares Miteinander! »
Ein «Softy» geworden
Gobac sprudelt, wenn er von seinen Mitarbeitenden spricht: «Ich erlebte einmal mit, wie ein Mitarbeiter wirklich total im 'Seich' war. Der Arbeitsberg wuchs und dann kam noch ein Anruf von einem Kollegen, dem es gleich ging und ihn um Unterstützung bat. Er liess alles stehen und liegen und eilte zur Hilfe. Abends machte er Überstunden, um seine eigene Arbeit fertig zu machen. Und das, ohne ein Wort zu sagen », zeigt sich der Leiter der 500- Personen-Institution beeindruckt. Er sei im letzten Jahr (noch) weicher geworden, sensibler und achtsamer. Dabei habe ihm seine Kampfkunst, eine japanische Schwertkunst, sehr geholfen, denn das Level an Auseinandersetzung mit sich, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt gehe weit über ein rein materiell geprägtes Alltagsverständnis hinaus und passe daher auch bestens zu den Werten am Ekkharthof. Auch wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt, gehe es in der Institution daher stets sehr respektvoll zu und her, ein Miteinander statt Gegeneinander ist an der Tagesordnung.
Keine Energie verschwenden
«Ich könnte nicht in einer rein materialistisch orientierten Branche arbeiten. Ich mag das sportliche Miteinander und das gemeinsame Ringen um die beste Lösung – und nicht den ‘Vernichtungskrieg der stählernen Ellenbogen’, der mehr Verlierer als Gewinner produziert.» Als Gobac seine Bewerbung abschickte, riet ihm ein Freund, einen Plan B in petto zu haben. «Das konnte und wollte ich nicht. So hätte ich einen Teil meiner Energie an den Plan B verschwendet, was mir nichts und wieder nichts gebracht hätte. Meine Reise wäre auch so weitergegangen.» Stanko Gobac ist froh, dass diese Reise an den Ekkharthof relativ kurz ausfiel und ihm sein ‘Reiseziel’ zu 100 Prozent gefällt: für Körper, Geist und Seele.
Desirée Müller