Ernst Kurzbein über das Angebot "viamia", das über 40-Jährigen eine kostenlose berufliche Standortbestimmung bietet. zVg
19.01.2022 00:00
Mit 40 zur Berufsberatung
Viamia: Eine neue berufliche Standortbestimmung für Personen über 40
Die Berufschancen von älteren Arbeitnehmenden sollen mit dem neuen Angebot Viamia verbessert werden. Viamia bietet Personen über 40 Jahren eine fundierte berufliche Standortbestimmung. Die WN haben mit Ernst Kurzbein, Leiter Berufs- und Studienberatung beim Kanton Thurgau über das Projekt gesprochen.
Ernst Kurzbein, das neue Angebot Viamia richtet sich an Erwachsene ab 40 Jahren. Ist 40 das neue 50 auf dem Arbeitsmarkt?
Das würde ich so nicht sagen. Die Schwierigkeiten eine Stelle zu finden, nehmen ab 50 markant zu. Deshalb ist es zentral, sich frühzeitig und vorausschauend mit den eigenen Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu befassen. Eine Weiterbildung will gut geplant sein, braucht Zeit und kostet Geld. Diese Zeit fehlt, wenn jemand seine Stelle verliert und sich sehr schnell fit für den Stellenmarkt machen sollte.
Wie schwer ist es heute als 40-jähriger auf dem Arbeitsmarkt einen Job zu finden?
Aus meiner Sicht hat das mit 40 in den meisten Branchen noch weniger mit dem Alter zu tun, vielmehr ist Beweglichkeit und passgenaue Kompetenzen gefragt. Da ist es unabdingbar, sich laufend mit den Veränderungen in der Arbeitswelt auseinanderzusetzen und sich wo nötig neue Kompetenzen anzueignen. Das mag zwar manchem 45-jährigen genauso gut gelingen wie einem 25-Jährigen. Grundsätzlich sind jedoch ältere Arbeitnehmende klar stärker gefährdet aus dem Arbeitsmarkt hinauszufallen.
Viamia ist Teil des 2019 beschlossen Massnahmenpakets des Bundesrats zur Förderung inländischer Arbeitskräfte. Und was haben da genau die 40-jährigen und nicht die 25-Jährigen damit zu tun?
Es ist schon so: wir alle dürfen nicht warten uns weiterzubilden bis wir 40 oder mehr sind. Zu gross ist das Risiko, eines Tages festzustellen, dass man nicht mehr das zu bieten hat was der sich rasch wandelnde Arbeitsmarkt verlangt. Die Anforderungen steigen stetig an, die Aus- oder Weiterbildung liegt immer weiter zurück, die dort erworbenen Kompetenzen reichen irgendwann nicht mehr. Die Risiken, den Anforderungen nicht mehr zu genügen, steigen allerdings mit zunehmendem Alter.
In welchen Branchen fehlen die 40-jährigen inländischen Arbeitskräfte derzeit am meisten?
Auf dem traurigen Platz 1 des Fachkräftemangels ist das Ingenieurwesen, gefolgt von der Informatik und den Gesundheitsberufen. Hier sind es besonders die spezialisierten Pflegeberufe, welche längere Ausbildungen voraussetzen.
Woher kommen die ausländischen Arbeitskräfte, die die inländischen ersetzen?
Kann ich so nicht sagen, zum grössten Teil aus den EU / EFTA- Staaten.
Was machen diese Länder besser bei der Ausbildung oder der Förderung der Arbeitskräfte?
Ob in den Herkunftsländern etwas besser gemacht wird, weiss ich nicht. Sicher ist jedoch, dass die Schweiz mit ihren vergleichsweise hohen Löhnen ein attraktives Land ist für ausländische Arbeitnehmende.
An der Standortbestimmung teilnehmen kann jede Person ab 40, die keinen Anspruch auf vergleichbare Angebote von Arbeitslosenversicherung, Invalidenversicherung oder Sozialhilfe hat. Wem würden Sie das Angebot Viamia genau empfehlen?
Allen Personen, welche ganz speziell ihre Arbeitsmarktfähigkeit unter die Lupe nehmen möchten. Die Frage ist hier: welche Skills habe ich und welche sind in meinem Arbeitsmarkt gefragt. Aus dieser Differenz – falls vorhanden - werden dann die nötigen Schritte erarbeitet.
Wen dieser Aspekt weniger interessiert, wer z.B. eher die Frage nach einer kompletten Neuausrichtung im Vordergrund hat, dem kann ich eine übliche Laufbahnberatung empfehlen. Hier ist der Hauptfokus zuerst auf sich selbst gerichtet, auf die eigenen Fähigkeiten, Bedürfnisse, Leidenschaften, und auf die Frage, in welchem Berufsfeld diese besser als bis anhin umgesetzt werden könnten.
Mit der beruflichen Standortbestimmung wird die Einschätzung der Arbeitsmarkt ermittelt. Diese basiert auf der Grundlage der eigenen Biografie sowie einer schriftlichen Befragung. Man muss bei der Bestimmung also quasi «die Hosen runter lassen»?
Keine Sorge, das ist nicht nötig. Gleichwohl ist es wichtig, den Fragebogen ehrlich zu beantworten. Abgefragt werden Themen aus den Bereichen Wissen und Kompetenzen, Motivation, Umfeld und eigene Aktivitäten.
Das Projekt Viamia startet in diesem Monat im Kanton Thurgau aber auch im Kanton St.Gallen richtig durch. Mit wie viel Zulauf rechnen Sie?
Wir rechnen im Thurgau mit gut 200 Personen für das erste Jahr.
Rechnen Sie mit mehr Frauen oder Männer, die das kostenlose Angebot wahrnehmen werden?
Die Erfahrungen aus den 11 Pilotkantonen zeigten bei einer Zwischenevaluation, dass viamia dort von 2/3 Frauen und 1/3 Männern genutzt wurde.
Und wann hat man mit dem Projekt Viamia das Ziel erreicht?
Aus Kundensicht dann, wenn ich genau weiss, welche konkreten Schritte ich unternehmen muss, um mein persönliches Ziel, bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu haben, zu erreichen. Und das auch umsetze. Aus Anbietersicht dann, wenn mehr ältere Personen bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben, mit den Anforderungen im Job mitwachsen können und deshalb weniger Druck haben, oder wenn sie einfacher eine Stelle finden. All das kann einen Beitrag zur Entschärfung des Fachkräftemangels leisten.
Informationen: www.viamia.ch
Interview: Lui Eigenmann