01.03.2024 13:32
Nach der Beichte ins Gefängnis
Die Beichte ist in einigen Regionen weiterhin gefragt
In Kreuzlingen gehen wöchentlich mehrere Menschen zur Beichte, in Weinfelden sind es immer die fünf gleichen und in der Region Untersee wird das Angebot kaum wahrgenommen. Die Beichte werde weiterleben, doch in anderen Formen, sind sie alle Befragten einig.
Region Auf der Klosterinsel Werd bei Eschenz wird jeden Samstag die Beichtgelegenheit angeboten. Diese wird genutzt, jedoch immer von denselben, sagt Robert Weinbuch, Leiter des Pastoralraums am See und Rhy. Doch nutzen auch immer wieder Touristen die Möglichkeit, die Beichte als Sakrament zu vollziehen. Für all diese sei das Angebot ein wertvolles Geschenk. «Es ist eine Lebenshilfe mit einem Priester über das eigene Leben nachdenken zu können. Was läuft gut, was weniger?», so Weinbuch. Von Kindern und Jugendlichen werde das Angebot auf der Insel kaum bis gar nicht angenommen. Die «klassische» Beichte, wie sie seit über 1500 praktiziert wird in der Katholischen Kirche sei zumindest in ihrer Region nicht nachhaltig. Doch es ginge primär ums Thema Versöhnung – in welcher Form dieses angegangen werde, sei sekundär. So wird im Rahmen des Religionsunterrichtes der Versöhnweg veranstaltet. «Die Rückmeldungen waren sehr erfreulich», so Weinbuch. An verschiedenen Stationen werden dabei in Gesprächen – in Begleitung der Eltern oder der Gottis und Göttis – Themen zur Versöhnung aufgegriffen, um diese es bei der Beichte schlussendlich ginge. Gefolgt von der Erstbeichte. Bei dieser bleibe es aber oftmals bei den jungen Katholiken. Bei Gebetevents wie aktuell in Ramsen hätte man hingegen auch jüngere Gesichter gesehen. Bei diesem wurde das Beichten im Rahmen des Anlasses angeboten. Dass die Beichte an sich «aussterbe», denkt Robert Weinbuch nicht. «Doch sie wird je länger je mehr in einer anderen Form stattfinden.»
Beichten in Kreuzlingen "im Trend"
In den Kirchen in Kreuzlingen hingegen finden sich wöchentlich mehrere Menschen zur Beichte ein. Edwin Stier, Pfarrer des Pastoralraums Kreuzlingen, ist quasi ein Profi in Sachen Beichte. «Mein Gott, die vertrauen sich mir wirklich an!», war er damals während seiner praktischen Dienstprüfung als Theologiestudent überwältigt. Seither beschäftigt er sich intensiv mit dem kirchlichen Angebot. Die Beichte sei kein theoretisches Konstrukt. Alle, Erwachsene wie Kinder und Jugendliche, dürfen wählen, in welcher Form respektive in welchen Räumen sie zur Beichte kommen wollen. Die Zeiten, wo der Pfarrer seine Gemeindemitglieder ausschliesslich in den engen Beichtkabinen willkommen hiess, sind vorbei. «Es sind immer öffentliche und nicht verschlossene Räume. Ein Beichtgespräch bei einem Spaziergang ist auch möglich. Platzangst soll niemanden von der Beichte ausschliessen.» Für alle Taten erteile er nicht die Lossprechung. Vor allem dann nicht, wenn die Person das Geschehene nicht bereut. Doch anstatt die Beichtenden «zum Teufel zu jagen», sucht er gemeinsam mit ihnen Lösungen. Von einer Psychoreinigung spricht er. Man solle sich nicht verrückt machen, sondern seine Probleme lösen – gerne auch mit Edwin Stier an der Seite. Manche Taten, die Anlass zur Beichte geben, liegen Jahre zurück. «Vielleicht schaut eine Frau ein Kind auf der Strasse spielen und fragt sich, wie wohl ihr eigenes ausschauen würde, hätte sie sich gegen eine Abtreibung entschieden.»
Besuch bei Häftlingen
«Auch schon begleitete ich Menschen nach der Beichte zur Polizei. Natürlich immer mit deren Einverständnis.» Denn Pfarrer unterliegen dem Schweigegesetz und dürfen sich nicht im Team über das Anvertraute austauschen – geschweige denn eine Straftat der Polizei melden. «Natürlich gehen mir die Nöte der Menschen sehr nahe und ich lasse die Leiden und Sorgen bewusst an mich heran und versuche mit zu tragen. Aber ich darf sie dann im Gebet Jesus mitteilen.» Er sei schliesslich der, welcher verzeihe und heile. So auch nach Besuchen von Häftlingen, welche nach einem Pfarrer verlangen. «Selbstmorde in Gefängnissen geschehen, weil die Menschen keine Selbstachtung mehr vor sich haben.» Eine Beichte oder schon nur ein Gespräch könnten helfen. Besonders beeindruckend seien die Beichtgespräche mit Kranken in den Kliniken. Eine grosse Freude sei für ihn immer, wenn Menschen rückmelden, dass sie wieder gesund seien.
Wir fragen noch nach den «Top ten» der Themen: «Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Herausforderungen spiegeln sich natürlich im Leben der Menschen. Die Umgang mit sozialen Medien ist ganz aktuell.» Klassische Themen seien die zehn Gebote und das Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Dazu gehören zum Beispiel auch der Konsum von Pornografie oder das Betrügen des Partners.
Beichten in Frauenfeld
Thomas Markus Meier ist Pfarreiseelsorger der Pfarrei St. Anna in Frauenfeld. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Thematisieren der Beichte und dem Beichten selber. Mit anderen Worten, je weniger gebeichtet wird, umso mehr wird’s thematisiert», stellte Meier fest. Ein ehemaliger Bildungsverantwortlicher und nachmaliger Generalsekretär der Katholischen Landeskirche Thurgau habe es einst pointiert so zugespitzt: «Die Beichte ist klinisch tot». Dem kann der Pfarreiseelsorger nicht zustimmen. «Wir bieten regelmässig Beichte an, wer die Beichte als geistliches Gespräch sucht, meldet sich heutzutage meist selber an für einen Termin.» Zweimal im Jahr wird in der Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld dazu eine Versöhnungsfeier, mit anschliessender Beichtgelegenheit abgehalten. Der Zulauf ist gross: «Am Gottesdienst nehmen aber weit mehr Menschen teil, als nachher wirklich beichten.» In der Fastenzeit wird Primarschülern ebenfalls einen Versöhnungsweg angeboten. Parallel dazu gibt es einen Versöhnungsweg für Jugendliche und Erwachsene. Wie sich die Themen geändert haben, fragen wird. «Die Generation meiner Eltern beichtete nach einem sogenannten Gewissensspiegel, Fragen katechismusartiger Weise. Heutzutage wird das Beichtgespräch mehr als Standortbestimmung geführt, da die beichtenden ihre Themen sehr individuell einbringen.»
Beicht-faule Weinfelder
Die Gläubigen in der Region Weinfelden sind wie im Pastoralraum See und Rhy eber Beicht-faul. Das Angebot besteht und werde laut Gemeindeleiter Armin Ruf sowohl auf der Homepage wie auch in den amtlichen Vermeldungen regelmässig veröffentlicht. «Auch nach den zwei Versöhnungsfeiern, jeweils im Advent und in der Fastenzeit, besteht die Möglichkeit, ein Beichtgespräch zu führen.» In der vierten Klasse werde zudem – wie bei allen Befragten - ein Versöhnungsweg für Kinder und Eltern durchgeführt. Ob sich die Beichtthemen in den vergangenen Jahren verändert haben, fragen wir. «Wer das sakramentale Beichtgespräch sucht, hat immer eine aktuelle persönliche Krise, welche mit persönlichem Schuldverhalten verknüpft ist. Niemand will Beichten, weil er es muss.» Trotz dem mangelnden Interesse gehöre die sakramentale Beichte zum Angebot der katholischen Kirche. Die Beichte werde hingegen immer öfter von der seelsorglichen Begleitung abgelöst. «Hier steht aber nicht das Sakrament im Vordergrund, sondern die persönliche Reflexion.» In der evangelischen Kirche in Weinfelden wird die Seelsorge aktiv in Anspruch genommen. «Die Beichte ist etwas spezifisch Katholisches. Wir kennen die Seelsorge – Zeit und Offenheit für Gespräche», so Pfarrerin Esther Baumgartner.
Von Desirée Müller