Weinfelden 03.02.22 Daniel Pauli, Chef von Thurgau Travel. Fotografiert in Weinfelden.
© Samuel Schalch (Kostenpflichtig)
31.08.2023 11:58
Neue Generation übernimmt das Ruder
Dominik Baldegger neuer VR-Präsident von Thurgau Travel
Das Geschäft soll in der Familie bleiben, das ist für Gründer von Thurgau Travel Hans Kaufmann klar. Schwiegersohn Daniel Pauli sorgt seit seinem Rücktritt 2019 im operativen Geschäft für immer neue Angebote. Nun wird er durch den neuen VP-Präsident Dominik Baldegger unterstützt.
Weinfelden «Ich stehe total unter Adrenalin», sagt Hans Kaufmann und lacht. In der Tat ist der 75-jährige «hibbeliger» als bei vorherigen Treffen. Gar euphorisch. «In zwei Tagen geht meine Abschlussreise los.» Mit dem ‘afrikanischen Orientexpress’ wird Hans Kaufmann mit seinem Thurgau-Travel-Gründungspartner Sam Pauli ein grosses Abenteuer erleben. «Ich hatte ihm vor Jahren versprochen, dass wir irgendwann nochmals eine gemeinsame Reise unternehmen.» Und Kaufmanns halten bekanntlich ihre Versprechen. Doch die letzte grosse Reise wird es gewiss nicht sein. Die Agenda des Flussfahrt-Pioniers ist reichlich gefüllt mit Terminen. Erst kürzlich kehrte er von der «längsten Flusskreuzfahrt der Welt» zurück. Ein Angebot des Anbieters, dass bis Ende Jahr fast ausgebucht ist. Über 50 Tage lang dauert die Reise durch Bangladesch und Indien, alles auf dem selben Schiff. «Man ist quasi zwei Monate lang im eigenen Zuhause unterwegs», schwärmt Kaufmann. So auch über Bangladesch, ein Land, das im Westen eher mit negativen Meldungen Schlagzeilen macht – zu Unrecht, meint Kaufmann. Er erzählt von wegweisenden Metropolen, einem modern von Frauen geführten Land, das sich rasant entwickelt. Vieles habe sich in der Reisebranche gewandelt, Kaufmann möchte Platz für neue Ideen machen und den «Jungen» das Zepter überlassen. Noch nicht ganz, im Verwaltungsrat wird er bleiben, das Präsidentenamt gibt er jedoch an Dominik Baldegger ab. Dieser begleitet das Unternehmen seit 2009 als externer Treuhänder und wurde in den letzten Jahren mit mehreren Mandaten betraut. Er kenne das Familienunternehmen sehr gut, verstehe und lebe die Firmenphilosophie und Kaufmann konnte Baldegger guten Gewissens die Position übergeben. Er war lange bei der IHK St. Gallen-Appenzell und führte ein Unternehmen in Irland. Dazu sitzt er seit vier Jahren im VR von Thurgau Travel und kennt somit das «daily business». Kaufmann klingt erleichtert, wenn er von seinem Nachfolger spricht. Auf ihn warten weitere Reisen, auf denen ihm sicherlich die eine oder andere Idee in den Sinn kommen wird: «Und diese hören wir uns weiterhin natürlich sehr gerne an», sagt Pauli und lächelt seinen Schwiegerpapi an. Daniel Pauli ist seit zehn Jahren mit Kaufmanns Tochter Pia liiert und bekam auch vor seinem Engagement für das Familienunternehmen so manches mit. «Der Posten des Geschäftsführers soll in der Familie bleiben. Wir haben grosses Glück, dass sich Dani der Aufgabe angenommen hat.»
Herausforderungen
Kaufmanns Reise-Geschichten machen Freude und Lust auf das eigene Fluss-Abenteuer. Mag das Leben der Unternehmerfamilie noch so romantisch klingen, sie hatten seit Covid mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Pandemie, Inflation im Ausland, Ukrainekrieg, Treibstoff-Kosten, Personalmangel und das wandelnde Kundenverhalten forderten das Thurgau Travel Team in den letzten Jahren. Trotz der Herausforderungen baute das Weinfelder Unternehmen ihre Angebote weiter aus, positionierte sich mittels Direktmarketing stärker im Markt und baute zusammen mit Partnern seit 2021 drei weitere Flusskreuzfahrtschiffe. Die Thurgau Gold feierte eben ihre Jungfernfahrt von Basel nach Holland. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine liess TG-Travel alle Projekte mit Russland auf Eis legen. «Bevor wir reagieren konnten, trafen bereites Nachrichten bei uns ein, dass wir Russland-Sympathisanten seien», sagt Pauli und spricht ein wichtiges Thema an. «Die Ansprüche der Kundinnen und Kunden sind stark an uns als Reiseanbieter gestiegen. Hat ein Teller nicht die richtige Temperatur, hat es auch schon Reklamationen gegeben.» Das Unternehmen sei froh um Feedbacks, keine Frage. Diese werden postwendend an die Crew weitergeleitet, die Mängel behoben. «Manchmal geht es aber auch etwas zu weit», so Daniel Pauli weiter. So wurde Thurgau-Travel in einer Bewertungsplattform bereits als «kriminell» betitelt, weil sie wegen einer defekten Schleuse frühzeitig ausschiffen und die Gäste mit Bussen heimführen mussten. «Es gibt Umwelteinflüsse, auf welche wir keinen Einfluss haben. Das Verständnis dafür ist bei manchen nicht da, eine negative Kritik ist online, meist dazu anonym, schnell geschrieben.» Wenn immer möglich, antwortet das Team den Verfassern. «Früher haben wir vor allem auf die negativen Kommentare reagiert, heute ist uns klar, dass ein Dankeschön bei den positiven Feedbacks genau so wichtig ist», so Pauli. 70 Prozent der zurückkehrenden Reisegäste melden sich mit einer Rückmeldung, was ihn sehr freut. «Und 98% empfehlen uns gerne weiter.»
Auf die Frage, wie die Zukunft aussieht, sagt Hans Kaufmann: «Man kann ein Haus nicht an allen vier Ecken anzünden.» Daniel Pauli ergänzt, dass sie zwar viele Projekte in peto hätten, doch ihre bestehenden Angebote auch pflegen und erneuern müssen. Den Südamerikanischen Markt wollen sie in den nächsten Jahren noch besser abdecken und eine Region mit ihren Schiffen «besiedeln», welche gerade einen Aufschwung erlebt. Dies sei aber noch nicht ganz spruchreif, so der Geschäftsführer. Ein neues Schiff pro Jahre können wir gut integrieren. Den Bau gelte es auch zu entwerfen und zu begleiten. So reist Pauli noch dieses Jahr nach Vietnam, um den Fortschritt eines neuen Schiffs auf dem südlichen Mekong zu begutachten. Dazu trifft er sich auch mit weiteren Partnern in Indien und unternimmt die eine oder andere Reise.
Von Desirée Müller