01.09.2022 08:22
Ohne Extrawurst bestanden
Lirind Krasniqi schloss bei der Häberlin Architekten AG erfolgreich seine Lehre ab - zum Erstaunen aller
Lirind ist frischgebackener Fachmann Betriebunterhalt EFZ. Was für manche kein Grund zum «Ausflippen» ist, bedeutet für den Kreuzlinger die Welt. Er erzählt, warum der Abschluss Lirinds Leben veränderte.
Kreuzlinger Lirind Krasniqi sitzt strahlend am hölzernen Tisch im Garten von seinem Chef Yves Häberlin, wippt mit den Füssen und steht schnell auf um diesen zu begrüssen, als der Geschäftsleiter mit Gläsern und einer Flasche Wasser auf ihn zukommt. Die beiden Männer kennen sich seit gut sechs Jahren, beim ersten Treffen hatte der damalige Schulabgänger am Ekkharthof nicht viel zu lachen. Und jetzt hält er sein Lehrabschlusszeugnis in der Hand. Niemand hätte damals gedacht, dass sich sein Leben um 180 Grad ändern wird.
Anders als die Anderen
«Ich hatte immer das Gefühl, nicht am richtigen Platz zu sein, dass ich mehr kann», erzählt Lirind. Und doch wurde er nach einem Test im Kindergarten als Schüler mit einer Lernschwäche eingestuft und in der Sonderschulklasse des Ekkharthofs unterrichtet. «Mir war bewusst, dass es gar unmöglich sein wird, ohne regulären Schulabschluss eine Lehrstelle zu finden.» Und kurz vor dem Ende der Schulzeit wurde ein neuer IQ-Test angefordert - die Resultate besser als gedacht - die IV-Beiträge wurden gestrichen und Lirind stand ohne berufliche Perspektive und finanzielle Unterstützung da. Die Häberlin Architekten AG in Müllheim gab ihm aber die Chance Berufserfahrung im Betriebsunterhalt zu sammeln. Der junge Mann war geschickt in technischen Belangen, engagierte sich, kam kein einziges Mal zu spät und machte sich im Team durch seine fröhliche, loyale Art beliebt. Und so kam bei Yves Häberlin der Gedanke auf, dass er dem fleissigen Mitarbeiter die Möglichkeit zu einer Ausbildung anbieten könnte. Lirind startete nach zwei Jahren Anstellung bei der Häberlin Architekten AG eine Niederschwellige Ausbildung. Schnell wurde festgestellt, dass Lirind das Potenzial zu mehr hatte. Sein Lehrer empfahl ein Wechsel zu einer regulären Ausbildung mit EFZ Abschluss. Keine leichte Aufgabe, wie sich herausstellte. Lehrmeister und Lehrling in Spe mussten so manche Hürde nehmen, bis die Bewilligung erteilt wurde, dass Lirind trotz fehlendem Schulabschluss die Ausbildung regulär starten kann. Ohne Sonderbehandlung, mit dem gleichen Lernstoff und denselben Prüfungen wie seine Schulkollegen. Endlich normal sein, das gefiel Lirind.
Der Held der Klasse
Der 24-jährige Kreuzlinger drückt sich gewählt aus, hat ein gesundes Selbstvertrauen und der «Fackel» beweist, dass er ohne Extrawurst die 3-jährige Ausbildung zum Fachmann Betriebsunterhalt EFZ (Eidgenössisches Fachzeugnis) bestanden hat. Die Mitschüler, Lehrer und natürlich das ganze Häberlin-Team fieberten mit Lirind mit, unterstützten ihn beim Lernen und feierten den Lehrabgänger wie keinen anderen in seinem Jahrgang. Die Lehrzeit war fordernd für ihn, die Ausbildung anspruchsvoll - auch für Schüler ohne Lerndefizit. Von der Gartenpflege, zur Instandhaltung von Heizungs und Elektroinstallationen bis hin zur professionellen Reinigung - in der Praxis hatte der Lehrling nie Probleme, packte von Stunde eins mit an, und verstand die Abläufe schnell. «In der Schule war es hingegen sehr streng für mich, an den Wochenenden lernte ich intensiv und erkannte dann dank einem Input eines Mitarbeitenden, dass ich mir Dinge besser verinnerlichen kann, wenn ich sie sehe, statt lese.» Wie das Verständnis dafür, wie eine Heizung funktioniert, bringt er als Beispiel. Fortan half das Team Lirind dabei, solche Prozesse aufzuzeichnen und siehe da, es blieb in seinem Kopf. Zukunft gesichert Für beide Seiten war die Lehrzeit bereichernd. «Wir hatten zuvor noch nie einen Lehrling für den Betriebsunterhalt und mussten uns zuerst über die Anforderungen an einen Lehrbetrieb informieren, Lehrpläne schreiben und so weiter», erzählt Yves Häberlin. Und es kommt noch besser: Lirind erhielt nach dem Abschluss eine Festanstellung beim Müllheimer Architekturbüro. Yves klopft Lirind auf die Schulter und sagt: «Und heute betreut dieser Mann selbstständig mehrere Immobilien, schreibt sich seinen Arbeitsplan selbst, nimmt Reparaturen vor, pflegt die Umgebungslandschaft und organisiert wenn nötig Fachkräfte und koordiniert die Einsätze ». Lirind Krasniqi schaut bescheiden zu seinen Füssen und lächelt dankbar. «Ich bin immer wieder überwältigt über die Chance, welche mir gegeben wurde. Umso motivierter war ich, mein Bestes zu geben und freue mich riesig darüber, dass ich es wirklich geschafft habe», sagt der frischgebackene Lehrabgänger und atmet erleichtert auf. Das Beispiel zeigt auf, dass irgendwelche Normen und zahlen gar nicht so aussagekräftig sind, sondern der Mensch mit seinen Absichten und seinen Träumen. Wenn er dann eine Chance erhält, ist man zu viel mehr fähig. Sowas soll auch andere motivieren.
Von Desirée Müller